Jims Bleistift

von Jan Stressenreuter //

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Foto (c) Ilona Bubeck

Als ich im Herbst 2001 von Jim Baker hörte, dass der Querverlag meinen Erstlingsroman Love to Love You, Baby im nächsten Frühjahrsprogramm veröffentlichen würde, war ich überglücklich und glaubte mich am Ziel meiner Träume: Endlich! Mein Name auf dem Cover eines Buches! Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, wie viel Arbeit in einem Lektorat steckt, und so war der Schock wirklich sehr groß, als Jim mir das Manuskript nach dem ersten Lektoratsdurchgang zurückschickte: Ich fühlte mich, als hätte ich gerade eine 6 in einer Deutschklausur bekommen. Auf jeder Seite, beinahe in an jedem Abschnitt, war Jims Bleistift zu sehen. Kaum ein Satz, den er unverändert übernehmen wollte, manchmal waren ganze Absätze einfach gestrichen. Ich war entsetzt, denn natürlich war mir als Autor und als Neuling im Literaturgeschäft jedes Wort heilig, das ich geschrieben hatte, und ich wähnte die unveränderte Übernahme des Textes unverzichtbar für den Erfolg des Romans. Ich rief Jim an und wir begannen, über die Änderungen im Text zu verhandeln: Ich bin bereit, das da zu streichen, aber dafür musst du mir jenes drinlassen. Jedes Mal, wenn ich empört einen neuen Streichvorschlag entdeckte, rief ich wieder an und wir begannen von vorne. Das Ganze zog sich über mehrere Tage hin, und Jim muss am Ende dieses Prozesses wohl auch am Ende seiner Nerven gewesen sein. Im Nachhinein betrachtet, war das Ringen um den endgültigen Text dem Feilschen zweier Marktweiber nicht unähnlich, die sich um den besten Preis für ihre Waren streiten.

Im Grunde verfahren Jim und ich beim Lektorieren noch heute so, es ist im besten Sinne ein Geben und Nehmen, und am Ende steht ein für beide vertretbarer Kompromiss und das bestmögliche Buch. Jim lässt mir immer die letzte Entscheidung, und ich vertraue auf sein Gespür für einen gelungenen Text. Ich halte Jim für einen ganz außerordentlichen Lektor und Verleger und bin wirklich froh, dass sich unsere Wege gekreuzt haben. Und wenn ich heute ein eingereichtes Manuskript wiederbekomme, habe ich auch nicht mehr das Gefühl, eine 6 geschrieben zu haben. Eher eine 2 Minus.

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Jan Stressenreuter wurde 1961 in Kassel geboren. Er studierte Anglistik und anglo-amerikanische Geschichte in Köln, wo er bis heute lebt. Seit 2002 ist er als freier Autor tätig. Im Querverlag sind seither neun Romane und zahlreiche Erzählungen in Anthologien erschienen. Weitere Texte sind bei Männerschwarm, Bruno Gmünder und im Konkursbuchverlag erschienen. Darüber hinaus veröffentlicht Stressenreuter Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften.

Links:
Website
Autorenseite vom Querverlag
Facebook-Seite

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Eine Antwort zu “Jims Bleistift

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