Konjunktive

von Tania Witte //

„Nur, damit ich das richtig verstehe“, beginnt er. Und dann folgt, was ich am Lektoratsprozess besonders mag: Mein Verleger, der in diesem Fall auch der Lektor ist, erklärt mir mein Buch. Er fasst es zusammen, erläutert mir die Familien- und Beziehungskonstellationen, die ich höchstpersönlich erfunden habe, und malt zum besseren Verständnis gelegentlich ein Schaubild in die Luft.

Dazu gibt es – bestenfalls – Espresso mit Anisschnaps (italienisch für Fortgeschrittene) und danach erläutert der gebürtige US-Amerikaner der gebürtigen Deutschen, die es wissen müsste, die Tücken der deutschen Grammatik. Den Konjunktiv I und II zum Beispiel, der besonders gerne falsch benutzt wird, weil es hochtrabender klingt „sie sei“ als „sie wäre“ zu schreiben. Oder die vertrackte Sache mit dem Komma vor dem „und“.

Hin und wieder sind wir uneins über Worte, die nicht im Duden vorkommen. Als Beweis zückt er sein Handy und tippt in seine Duden-App und ja, er hat Recht, der Duden kennt meine Worte nicht immer. Ich liebe, Jim hasst das. Manchmal geb ich nach, manchmal nicht. Viel spannender aber sind unsere inhaltlichen Gespräche. Die beginnt er gerne mit: „Klär mich auf, wenn das anders ist, aber soweit ich weiß …“ oder „Ich hab ja keine Ahnung, aber …“ Und dann erläutere ich ihm, warum Lesbischsein nicht zwangsläufig heißt, männliche Geschlechtsteile zur Lustbefriedigung komplett auszuschließen. Oder so. Und dann plaudern wir plötzlich über Penisse und Dildos und warum Lesben keine Rosinen mögen (behauptet Jim). Es ist harmonisch zwischen uns. Meistens …

Foto (c) Marc Lippuner

Foto (c) Marc Lippuner

Nur wenn Titelfindung und Covergestaltung anstehen, hängt der Haussegen gelegentlich schief. Weil sich mir bei rosafarbenen Buchcovern die Nackenhaare aufstellen, zum Beispiel. Oder ich Punkte statt Schnörkel zwischen den Absätzen möchte. Dann knirscht und ruckelt es gelegentlich, und schlimmstenfalls holt er die „Das ist Verlags-, nicht Autorinnensache“-Keule raus, aber die zieht er nicht durch, weil ihm die Hau-drauf-Rolle nicht liegt. Stattdessen ringen wir solange um Kompromisse, bis alle glücklich sind.

Und notfalls schaltet sich Verlagsmitbegründerin Ilona als Vermittlerin ein. Darin ist sie grandios – sie diskutiert mit der Ausdauer und dem ausgeprägten Feingefühl einer 68er-sozialisierten Feministin. Inhaltliche Auseinandersetzungen mit ihr sind ein Geschenk, nach dessen (durchaus herausforderndem) Auswickeln ich jedes Mal gestärkt und klüger bin. Außerdem lobt sie so schön! Sie kann länger positive Dinge über meine Bücher sagen, als ich es aushalten kann, sie zu hören.

Jim und Ilona haben was von einem alten Ehepaar, denke ich manchmal. Mit allen Vor- und Nachteilen. Nach zwanzig gemeinsamen Jahren im Verlagsgeschäft kennen sie sich in- und auswendig. Und auch wenn sie nicht immer einer Meinung sein mögen, stehen sie doch uneingeschränkt hinter ihrem gemeinsamen Baby, das die Volljährigkeit längst erreicht hat. Solche Eltern kann man jedem Verlag und einen solchen Verlag jedem queeren Schreibenden nur wünschen. Keine Ahnung, ob die lesbischschwulqueere Szene weiß, wie wichtig eine Institution wie der Querverlag für sie ist und wie unterstützenswert. Ich weiß es.

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Tania Witte lebt und schreibt in Berlin. Die Schriftstellerin, Spoken-Word-Performerin und Journalistin veröffentlicht u.a. in der taz, dem Missy Magazine, der Siegessäule und dem ZEITmagazin, widmet sich in inspirierenden Kooperationen vielfältigen Kunstprojekten, gibt Schreib-, Spoken-Word- und Drag-King-Workshops und liebt die Bühne. Im Querverlag sind bislang drei Romane sowie Beiträge für Anthologien erschienen. Weitere Texte entstanden für den Konkursbuchverlag und den Frohmann Verlag.

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2 Antworten zu “Konjunktive

  1. Pingback: Unsere 20 schönsten Buchcover und wie es überhaupt dazu kommt | 20 Jahre Querverlag - Ein Jubiläumsblog·

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