Schantall, die Messe und ich

von Jim Baker //

Messen können aufregend sein. Messen können anstrengend sein. Die Nachbarstände spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Seit Jahren stehen wir in Leipzig um die Ecke von einem befreundeten Verlag aus Berlin. Und seit Jahren läuft es zwischen uns kollegial und überaus freundlich zu. (Ich darf bei ihnen sogar Kaffee schnorren.)

Jim Baker am Stand des Querverlags auf der Leipziger Buchmesse 2015. Foto (c) Marc Lippuner

Jim Baker am Stand des Querverlags auf der Leipziger Buchmesse 2015. Foto (c) Marc Lippuner

Leider war dieses Jahr der Wurm drin. Und das lag einzig und allein an einer Frau namens „Schantall“. Und nein, Schantall arbeitet nicht bei den Kollegen im Vertrieb, im Lektorat oder in der Presse. Schantall ist vielmehr die gleichnamige Heldin einer Serie von Büchern mit den wirklich sehr werbewirksamen Titeln wie Schantall, tu ma die Omma winken.
Und im Prinzip habe ich auch gar nichts gegen die Schantall. Auch nichts gegen ihren Erfolg. Bloß steht man vier Tage von 10 Uhr morgens bis 18 Uhr abends neben einer zweimetergroßen Abbildung derselben, die so ziemlich alles, wofür wir in einem lesbisch-schwulen Verlag gekämpft haben, mit einer prollig-derben Plattenbaupose konterkariert. Da kann man leicht zum Menschenfeind werden.
Im Zehnminutentakt musste ich Messebesucher, die die Schantall bei uns am Stand vergeblich suchten, um die Ecke schicken. Als dann am Messesamstag ein Schantall-Fan minutenlang vor unserem Pult stand, um das Objekt seiner Bewunderung zu fotografieren, verlor ich dann so langsam jede Contenance, blieb aber professionell-freundlich, schließlich würde auch er bestimmt gleich mit den üblichen Messemenschenmengen weiterziehen. Doch dieser Besucher suchte das Gespräch. Mit mir. Über Schantall. Als ich ihn dann gleich unterbrach, um richtigzustellen, dass Schantall nicht bei uns erschienen ist, sondern nebenan, erwiderte er nur: „Ach, und was machen Sie denn so für Bücher?“. „Wir machen ein lesbisch-schwules Programm“, antwortete ich, sicher, damit wäre das Gespräch nun endgültig beendet. Doch nein: „Lesbisch-schwul, aha, interessant. Aber was hat denn die Schantall mit lesbisch-schwul zu tun?“. Ich, zwar genervt, aber trotzdem in einer normalen Lautstärke: „Die Schantall ist doch nebenan erschienen. Wir machen lesbisch-schwul!“ Woraufhin er, wie aus der Pistole geschossen, hinzufügte: „Apropos schwul, ich habe da einen Freund, Detlev aus Rostock. Der ist schwul. Kennen Sie ihn vielleicht?“
Ab dem Punkt hilft nur eins: sich umdrehen und weggehen. Sonst könnte man leicht zum Menschenfeind werden. Und dafür ist eine Buchmesse der denkbar schlechteste Ort.

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Jim Baker ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Querverlags.

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