Und was sagen die Kinder heute dazu?

von Uli Streib-Brzič //

Foto (c) Uli Streib-Brzič

Foto (c) Uli Streib-Brzič

Ich weiß nicht, wer von uns die Idee hatte, zehn Jahre nach dem Erscheinen von Und was sagen die Kinder dazu? Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer und schwuler Eltern – inzwischen in der 5. Auflage – die Kinder noch einmal zu interviewen. Stephanie oder ich. Oder war es doch Jim, der uns immer sagte: „Echt ein Longseller, euer Buch.“ Womöglich war es auch Ilona mit ihrem Buchhändler_innen-Gespür. Vielleicht am allermeisten unsere Leser_innen selbst, die uns bei Veranstaltungen fragten: „Und wie sehen die Kinder das inzwischen? Immer noch so unkompliziert? Ist ja fast zu schön, um wahr zu sein, eure Geschichten.“
Wenn ich zum Beispiel die Passage aus Matĕjs Portrait lese, wo er, damals sechs, sagt, er könne sich vorstellen, dass er eines Tages entweder den Ruben, den Rune oder die Maruscha heiraten wird und dass er im Sommer auf dem Campingplatz in der Bretagne den neu angekommenen Nachbarn sofort alles von seiner Familie erzählt habe: Nein, er sei nicht mit Mama und Papa hier, sondern mit seinen beiden Mamis. Und dass ein sehr netter Mann seinen Samen gegeben habe. Aha, sagten dann die Zuhörer_innen, aber das wird ja nicht so einfach weitergegangen sein, wenn er älter geworden ist. Ich meine, Kinder können ja wirklich grausam sein.
Vielleicht waren es Fragen und Statements wie diese. Befürchtungen, ob nicht doch … naja … so etwas wie Spätschäden auftreten? Zumindest manchmal? Weil es doch nicht so unkompliziert sein kann, oder? Schwul als Schimpfwort Nr. 1 auf den Schulhöfen, und dann soll so ein Junge ohne Vater und mit zwei lesbischen Müttern nicht ausgegrenzt werden?

Uli Streib-Brzič, Jim Baker und Stephanie Gerlach planen teetrinkend die Fortsetzung des Interviewbuchs.  Foto (c) Querverlag, 2013.

Uli Streib-Brzič, Jim Baker und Stephanie Gerlach planen teetrinkend die Fortsetzung des Interviewbuchs.
Foto (c) Querverlag, 2013.

So kam es, dass Stephanie Gerlach und ich uns entschlossen haben, erst einmal zu hören, wie die Kids von damals das finden, wenn wir ihnen sagen, dass wir sie zehn Jahre später interviewen wollen. Doch die erste Hürde war, ob wir sie überhaupt noch finden. Aber die sozialen Medien machten es möglich, auch wenn nicht mehr alle Kontaktdaten stimmten und manche nicht antworteten und einige wenige meinten, sie hätten keine Lust mehr, zu dem Thema ein Statement abzugeben. Doch die allermeisten schrieben ein begeistertes Ja zurück, fanden die Idee mit der Fortsetzung superspannend und hatten beschlossen: Klar, sie seien auf jeden Fall mit dabei. Etappe 1 geschafft. Also gingen wir als Nächstes in die Planung und dann in die Realisierung. Wir fuhren wieder kreuz und quer durch Deutschland und trafen die Mädels und Jungs, die inzwischen junge Erwachsene sind, fuhren ins holländische Groningen, wo Till studiert, nach Seefeld in Österreich, wo Carolin im Hotel arbeitet, nach Rostock, wo Lars einfach am allerliebsten lebt, weil das Meer so nah ist. Und ins schwäbische Kirchheim, zu Matĕj.
Und nun, was sagt also Matĕj? Der 16-jährige, der aufs Gymnasium geht, am liebsten mit dem Snowboard den Hang hinuntersaust, mit Diabolos jongliert und sich riesig auf sein erstes Open-Air-Konzert am nächsten Tag in Stuttgart freut. „Klar gibt es auch mal blöde Sprüche“, sagt er, „wobei es mir nicht besonders oft passiert ist, und wenn, dann lasse ich es an mir abprallen“. „Und“, meint er noch, als ich ihn frage, was er anderen Kindern aus Regenbogenfamilien raten würde: „Du musst einfach überlegen, ob du solche, die deine Familie beleidigen, weiterhin als Freunde haben willst.“ Und was sagt er heute zu seinen Heiratsplänen von damals? Naja, er würde sich als hetero bezeichnen, aber, fügt er hinzu, „wer weiß, was noch kommt.“ Wer noch kommt. Und sein Herz erobert.
Die Kids spüren, dass sie die Wahl haben, dass sie sich nicht festlegen müssen, nicht „natürlicherweise“ hetero sein müssen – das bringen einige der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Interviews selbstbewusst und selbstverständlich zum Ausdruck. Wobei – und das zur Beruhigung derjenigen, die jetzt gleich nachfragen: „Und wie viele sind denn nun schwul oder lesbisch geworden?“ – zu sagen ist, dass auch bei unseren Interviewpartner_innen die Zehn-Prozent-Quote feststellbar ist: Paul lebt mit Björn zusammen, Marie hat Mona geheiratet, Georg flirtet immer wieder mit Jungs und Ajin beschreibt sich als eindeutig bisexuell. Frauen, so sagt sie, seien einfach die leidenschaftlicheren Wesen, „auch wenn ich den Mann an meiner Seite nicht missen will.“
Und dann gibt es noch ein Highlight in dieser Fortsetzung: Diesmal kommen auch unsere eigenen Töchter zu Wort. Damals, vor zehn Jahren, hatten wir lange darüber diskutiert, ob nicht Hanna einen Beitrag schreiben könnte, und uns dann dagegen entschieden, weil wir dachten, sie würde als meine Tochter vielleicht zu sehr exponiert sein. Stephanies Tochter war erst zwei und damit für ein Interview sowieso zu klein. Diesmal machen wir es: Die 12-jährige Münchnerin und die 34-jährige Berlinerin werden sich demnächst zum Gespräch treffen. Gemeinsam werden sie mit Matthias Wingerter, selbst schwuler Vater und systemischer Berater aus Dresden, auf dem roten Sofa sitzen. Das Ergebnis wird dann veröffentlicht. Wir Mütter sind schon mächtig gespannt.
Das neue Und was sagen die Kinder dazu? wird im September 2015 erscheinen. Pünktlich zum 20-jährigen Verlagsjubiläum.

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Uli Streib-Brzič, Dipl.-Soziologin, Mediatorin, Antigewalttrainerin, Systemische Therapeutin und Beraterin (SG), lebt in Berlin. Im Querverlag erschien neben dem im Beitrag erwähnten Interviewbuch 2007 Das lesbisch-schwule Babybuch.

Links
Autorinnenseite des Querverlags
Website des Instituts für genderreflektierte Gewaltprävention (ifgg)
Facebook-Seite des ifgg

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Eine Antwort zu “Und was sagen die Kinder heute dazu?

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