HAPPY BIRTHDAY, LIEBE ELTERN! HAPPY BIRTHDAY, QUERVERLAG! oder: Zwölfmal das Lederhandbuch, bitte.

von Antje Wagner //

Frühjahr 1998. Ich bin blutjunge vierundzwanzig Jahre und studiere in Potsdam Literaturwissenschaften. Pflichtprogramm für alle LiteraturwissenschaftsstudentInnen ist ein Praktikum in einem Verlag, bei einer Zeitung oder in einem Theater.
Ich wollte unbedingt in einen Verlag!
Ich sehe mich noch stehen: in einer Telefonzelle mit zerschlagener Scheibe, zu meinen Füßen liegen Scherben. Hyazinthenduft hängt in der Luft. Als das Freizeichen ertönt, spüre ich mein Herz, und draußen in der Sonne, spielt ein Akkordeonspieler ein russisches Lied, so wehmütig, dass es mir die Luft nimmt. Dann sagt eine Stimme am anderen Ende der Leitung: „Querverlag, Jim Baker, hallo?“
„Äh … guten Morgen.“ Ich räuspere mich. Herumstottern macht keinen guten Eindruck!, weise ich mich zurecht, atme durch und fahre etwas schwungvoller fort: „Könnte ich bitte die Personalabteilung sprechen?“
Fragen Sie zuerst nach der Personalabteilung – so hatte es in den „Tipps für eine gelungene telefonische Bewerbung“ gestanden, es ist meine allererste Bewerbung überhaupt, und ich will nichts verderben.
Vom anderen Ende kommt ein Schniefen. Was ist das? Klingt verdammt nach unterdrücktem Lachen!
„Sie sind schon mit der Personabteilung verbunden.“
„Oh … also … ich …“ Ich fasse mich. „Ich würde gern ein Praktikum bei Ihnen machen.“
Kurzes Schweigen am anderen Ende, dann: „Sie wissen, dass wir ein lesbisch-schwuler Verlag sind?“
„Ja!“ Jetzt reißt mich die Begeisterung mit. „Deshalb stehen Sie auf meiner Liste ja auch an erster Stelle!“
Kein Schniefen mehr. Ein eindeutiges Lachen. „In drei Monaten wird ein Praktikumsplatz frei.“
Mit diesem Satz beginnt mein Weg als Schriftstellerin.

*

Damals war mir überhaupt nicht klar, dass ich einmal beruflich schreiben könnte. Zu jener Zeit dachte ich gerade darüber nach, ob ich vielleicht promovieren sollte, Botschafterin werde oder am Theater arbeiten könnte.
Gleich am ersten Tag meines Praktikums machen Ilona und Jim mir klar, dass man sich im Querverlag duzt.
Und ebenfalls gleich am ersten Tag fragen sie mich: „Sag mal, Antje, schreibst du eigentlich auch selbst?“
Oh ja. Ich schrieb. Und wie. Ich schrieb exzessiv Briefe, ich schrieb Tagebuch, ich schrieb viele verschwurbelte Gedichte, ich schrieb Kurzprosa. Einige Gedichte waren in winzigen lokalen Druckerzeugnissen erschienen – in einem „echten“ Verlag nichts.
„Nein“, sage ich. „Ich schreibe nicht. Ich lese nur.“
Ich erinnere mich, dass ich dachte: Ich will das nicht vermischen.
Und es war mir auch peinlich.
Ich hatte das Gefühl, wenn ich jetzt zugeben würde, dass ich schrieb, dass ich fürs Schreiben geradezu brannte, dann würden Jim und Ilona meine Texte vielleicht nur aus Höflichkeit lesen. Eben weil ich Ihre Praktikantin war. Das fühlte sich an wie ein nicht verdienter Bonus. Ich fand mich schon privilegiert genug, dass ich diesen Praktikumsplatz bekommen hatte, ich wollte das nicht ausnutzen. Ich wollte es trennen. Ich war die Praktikantin, nichts anderes. Eine, die liest. Eine, die nicht schreibt.
Aber ich schicke damals einige Kurzgeschichten an einen anderen Verlag.
Und dann passiert das, was man Schicksal oder Zufall nennt. Und vielleicht ist es ja dasselbe. Dieser andere Verlag (den es heute gar nicht mehr gibt) faxt eine meiner (schwulen) Kurzgeschichten an den Querverlag, mit dem Hinweis: „Vielleicht wäre das etwas für euch?“
Jim liest den Text und faxt zurück: „Gefällt mir – wie heißt der Autor?“
„Der Autor ist eine Frau. Sie heißt Antje Wagner.“
Als ich an jenem Tag in den Verlag komme, steht Jim schon mit verschränkten Armen auf der Schwelle, und ich bekomme einen Schreck. Er sagt: „Antje, du hast uns da was Wichtiges verschwiegen!“
Und Ilona fragt: „Schreibst du vielleicht auch an etwas Längerem?“
Die schwule Kurzgeschichte wird meine erste „richtige“ Veröffentlichung. Sie erscheint 1998 in einer erotischen Anthologie des Querverlags. Das „Längere“, nach dem Ilona mich fragte, wird 1999 mein Debütroman: Der gläserne Traum.

Foto (c) Marc Lippuner

Foto (c) Marc Lippuner

Von meinen bisher insgesamt zehn veröffentlichten Büchern sind fünf (!) im Querverlag erschienen: Der gläserne Traum (1999), Lüge mich (2001), Die Gärten bist du (2003), Schattengesicht (2011) und die Übersetzung von Pat Califias erotischen Erzählungen Frauen und andere Raubtiere (2009).
Obwohl ich nun schon seit Jahren auch in anderen Verlagen veröffentliche, fühle ich mich innerlich immer auch dem Querverlag zugehörig. Das hört nicht auf, und ich bin froh darum. Es ist eine echte Bindung, eine innere. Eine emotionale. Ilona und Jim haben mich nicht nur entdeckt, sie haben mich gefördert, mich motiviert – sie waren immer für mich da. Sie sind meine literarischen Eltern.

*

Zum Schluss möchte ich unbedingt noch eine meiner lustigsten Begebenheiten als Querverlags-Praktikantin mit euch teilen! :-))
Wie ihr ja wisst, veröffentlicht der Querverlag ein buntes Programm. Da erscheinen Romane und Erzählungen (darunter sowohl Unterhaltung als auch „ernste“ Literatur), Krimis, Sachbücher, Ratgeber, Biografien, das eine oder andere Jugendbuch und auch Erotik.
Anders als ich anfangs glaube, bin ich als Praktikantin allerdings überhaupt nicht mit den Texten beschäftigt, jedenfalls nicht auf literarische Weise. Ich arbeite im Vertrieb! Ilona und ich packen jede Menge Bücher aus und ein, verschicken Verlagsvorschauen, es gibt etwa eine Million Kopieraufträge für den Copyladen am Ende der Straße, Rechnungen müssen durchgeschaut, Briefe verfasst und die VertreterInnen begrüßt werden.
Und – ganz wichtig: Das Telefon muss immer besetzt sein! Telefonieren ist tatsächlich eine meiner wichtigsten Aufgaben. Es rufen ständig alle möglichen Leute an, die Bücher wollen, eine Veranstaltung planen oder Geld erfragen. Ich muss tausend Adressen und Aufträge notieren, und eines Tages dann passiert dann folgender Anruf:
„Querverlag, Antje Wagner, hallo?“
„Ja, guten Tag“, begrüßt mich eine energische, tiefe Stimme am anderen Ende. „Wir möchten für unsere Lehrlinge zwölfmal das Lederhandbuch bestellen.“
„Ach …“ Ich räuspere mich. „Lehrlinge?“, frage ich vorsichtig. „In … äh … in welchem Beruf arbeiten Sie denn genau?“
„Im Kürschner-Beruf! Wir bilden aus.“
„Oh … ich fürchte …“ Ich verhaspele mich, atme durch und sage dann: „Ich fürchte, Sie wissen nicht, dass unser Lederhandbuch kein Handbuch über Lederarten oder Lederbearbeitung ist? – Es ist ein SM-Ratgeber für Schwule.“
Selbst heute noch stelle ich mir manchmal die Situation vor: Zwölf junge Azubis, die hochmotiviert eine Kürschnerlehre beginnen und auf jedem Tisch liegt das erotische Lederhandbuch aus dem Querverlag … :-)))

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Antje Wagner, 1974 in Lutherstadt Wittenberg geboren, studierte deutsche und amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nahm sie 2012 in den Kanon der 20 besten deutschsprachigen Autoren unter 40 Jahre auf. Ihre jüngsten Romane sind Unland (u.a. ver.di Literaturpreis, „Beste 7 Bücher für junge Leser“ (Deutschlandradio und Focus), White-Ravens-Prädikat), Schattengesicht (u.a. Jugendbuch des Monats bei ö1) und Vakuum (u.a. Leipziger Lesekompass). Einzelne Kurzgeschichten sind auch ins Griechische, Polnische und Englische übersetzt. Antje Wagner lebt in Hildesheim und Potsdam.

Links
Website
Facebookseite
Autorinnenseite des Querverlags

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