Bewegung und Begegnung

von Gabriele Dennert und Ilona Bubeck //

Gabriele Dennert:
Ilona ist geschätzte 20 Jahre älter als ich, also mindestens eine lesbisch-feministische Generation vor mir unterwegs gewesen. Den Frauenbuchladen Nürnberg hat sie mitbegründet und ich komme aus der Region und war in Nürnberg lesbisch-feministisch politisch aktiv, als sie schon in Berlin wohnte. In dieser Zeit, also in den achtziger und neunziger Jahren, sind wir uns nie begegnet.
Der Frauenbuchladen in Nürnberg, der ja weiter bestand – wie überhaupt Ilonas verlegerisches Engagement und viele Texte, die sie verfasst oder (mit)herausgegeben hat – war von wesentlicher Bedeutung in meiner politischen Sozialisation und meinem politischen Leben. Lange Zeit diente der Buchladen als zentraler Austauschort für lesbische und feministische Inhalte in der Stadt. So habe ich z.B. eine wissenschaftliche Befragung dort durchführen können, die dann Teil meiner Dissertation zur Gesundheit lesbischer Frauen wurde.

Foto (c) Ilona Bubeck

Foto (c) Ilona Bubeck

Ilona habe ich kennengelernt, als ich auf Einladung von Christiane Leidinger 2007 als Mitherausgeberin in das Buchprojekt In Bewegung bleiben – 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben eingestiegen bin, das Ilona im Querverlag mit auf den Weg gebracht hat.
Im Zuge dieser Zusammenarbeit habe ich erfahren, dass sie den Frauenbuchladen mitgegründet hat und in Nürnberg lange gelebt hat und aktiv war. Das war für mich ein sehr bereicherndes Erleben lesbisch-feministischer Generationenbeziehungen – ich habe eine getroffen, die nicht nur der Generation angehört, die ganz allgemein die besseren Lebensbedingungen meiner Generation erkämpft hat. Mit Ilona habe ich auch eine kennengelernt, die ganz konkret die Bedingungen für mein heutiges Leben auf ihre Art mitgeschaffen hat. Der Zugang zu lesbisch-feministischen Inhalten und Orten hat mein Leben sehr zum positiven verändert.
Wir hatten eine ganz tolle Buchvorstellung von In Bewegung bleiben in Nürnberg gemeinsam – Ilona und ich – die natürlich im Frauenbuchladen Nürnberg stattfand. Und mittlerweile bin ich Professorin an einer Fachhochschule und forsche immer noch zur Gesundheit lesbischer, bisexueller und queerer Frauen – eine Position, die auf meiner Dissertation von damals und damit letztlich auf Ilonas politischem Engagement aufbaut.

Ilona Bubeck:
Zu gerne wäre ich damals Gabriele Dennert im Nürnberger Frauenbuchladen begegnet. Sicher hätte es viele Berührungspunkte gegeben und gemeinsame Aktivitäten innerhalb der zahlreichen lesbisch-feministischen Aktionen der siebziger und achtziger Jahre.
Aber ich bin tatsächlich genau 20 Jahre älter und gehöre zur Gründergeneration der vielfältigen Frauen- und Lesbenprojekte. Mit dem Frauenbuchladen wollte ich einen Ort der Begegnung für Frauen schaffen; ich wollte Frauen den Zugang zu Wissen, Literatur und ihrer Geschichte ermöglichen, und ich wollte zur politischen Auseinandersetzung innerhalb der Frauen- und Lesbenbewegung beitragen. Es ist gut zu wissen, dass sich in späteren Generationen das fortsetzt, wofür man selbst den Grundstein gelegt hat. Generationenübergreifend zu arbeiten und zu leben war mir ein Bedürfnis und im Frauenbuchladen bestens zu verwirklichen. Die eigene Geschichte, das selbstbestimmte Handeln immer wieder zu reflektieren und zu hinterfragen und daraus neue Fragen zu entwickeln, halte ich für notwendig – und dafür ist der Dialog und das Streitgespräch zwischen den Generationen unumgänglich. Ich bin sehr froh, auch heute durch den Verlag diese Möglichkeit zu haben, und halte es für einen großen Gewinn unserer Arbeit. Deshalb bin ich Gabriele Dennert und den beiden anderen Herausgeberinnen, Christiane Leidinger und Franziska Rauchut, von In Bewegung bleiben – 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben sehr verbunden und überaus dankbar, dass dieses lesbisch-feministische Geschichtsbuch verwirklicht werden konnte.

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Gabriele Dennert ist seit Ende der 1980er Jahre feministisch und lesbenpolitisch aktiv. Sie arbeitet als Professorin für Sozialmedizin und Public Health an der Fachhochschule Dortmund. Im Querverlag erschien der im Beitrag erwähnte Band In Bewegung bleiben – 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, den Christiane Leidinger, Franziska Rauchut und sie gemeinsam herausgegeben und mitverfasst haben.

Ilona Bubeck ist Mitbegründerin des Querverlags.

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