Wichtiger als Waschbrettbäuche

von Jan Noll //

20 Jahre Querverlag. Ich möchte zwar gerne, aber wie soll ich bloß etwas Allgemeingültiges zum Geburtstag schreiben, wenn die Bindung, die ich zu diesem Verlag habe, so persönlich und privat ist? Doch vielleicht erzähle ich hier einfach etwas privates und halte es dabei mit dem feministischen Slogan „Das Private ist politisch“. Denn dieser passt erwartungsgemäß hervorragend, wenn man über den Querverlag spricht.

Nach meinem Coming-out und dem Umzug nach Berlin Mitte der 90er-Jahre tauchte ich in die schwule Welt ein. Ich arbeitete in einem großen schwulen Buch- und Pornostore als Verkäufer, ging in die Szene und suchte wahlweise nach Sex oder der großen Liebe. Trotz der Junghomo-in-Berlin-Euphorie, wurde ich jedoch bei meinen Streifzügen durch die Szene der Hauptstadt eines niemals so richtig los: Das Gefühl, nicht wirklich dazu zu gehören. Ob beim Tanzen im Ostgut oder beim Verticken von Einhand-Romanen – zwischen mir und der schwulen Mainstream-Welt mit all ihren Körperdogmen und Stildiktaten gab es eine gläserne Wand, die ich nicht einzureißen vermochte. Zum einen hatte ich permanent den Eindruck, den Kürzeren zu ziehen, zum anderen fand ich all die revolutionären Ideen, die ich an der Uni in den Werken Judith Butlers studiert hatte, so gar nicht in meinem Szene-Alltag gespiegelt. Die Vorstellung, in diesem Ausschnitt der Homoszene, den ich damals für den einzig existenten hielt, zu leben oder gar dauerhaft zu arbeiten, erschien mir alles andere als verlockend.

Dennoch spürte ich eine Sehnsucht, in homosexuellen Zusammenhängen mein Geld zu verdienen. So schrieb ich Ende 2005 nach Abschluss meines Studiums etliche Praktikums-Bewerbungen und schickte sie an Unternehmen der Community. Als erstes reagierte Jim Baker vom Querverlag und lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein.

Akazienstraße 25. Foto (c) Marc Lippuner

Akazienstraße 25. Foto (c) Marc Lippuner

Nachdem ich jahrelang im Laden eines großen schwulen Verlagshauses gearbeitet hatte, erwartete ich auch hier den etwas unterkühlten, kapitalistisch orientierten Duktus, den ich bisher bei der Arbeit erfahren hatte. Doch schon als ich die Verlagsräume in der Akazienstraße betrat, und erst Jim und später Ilona Bubeck gegenüber saß, wurde mir klar, dass es in diesem Unternehmen um etwas ganz anderes ging: um die Sache – so kitschig das jetzt auch klingen mag. Hier waren Menschen, die Bücher nicht in erster Linie produzierten, um aus ihnen Profit zu schlagen, sondern weil sie sich auf die Agenda gesetzt hatten, ihren (kulturellen) Beitrag innerhalb der schwul-lesbischen Community zu leisten. Zum Glück bekam ich den Praktikumsplatz und erlebte zum ersten Mal, dass der Inhalt eines Buches wichtiger ist als der Waschbrettbauch auf seinem Cover, dass es wichtig ist, jungen Autorinnen und Autoren eine Chance zu geben, dass „queer“ viel mehr sein kann als ein rein universitärer Diskurs. Aber auch und vor allem erlebte ich das bedingungslose An-einem-Strang-Ziehen von schwulen Männern und lesbischen Frauen. Ein wichtiges Gefühl, das für mich damals ebenso neu wie später wegweisend für meine berufliche Laufbahn bei der Siegessäule war. Knapp zehn Jahre später feiert der Querverlag nun seinen 20. Geburtstag und mir bleibt an dieser Stelle nicht viel mehr zu sagen als: Danke für eure wichtige Arbeit und danke für eure Vision.

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Jan Noll arbeitet seit acht Jahren als Redakteur für das queere Berliner Stadtmagazin Siegessäule. Im März 2013 übernahm er gemeinsam mit Christina Reinthal die Chefredaktion. Neben seiner Arbeit als Journalist ist er außerdem als House-DJ im Berliner Nachtleben unterwegs und organisiert das „Queer Noises Festival“ im SchwuZ, eine Konzertreihe, bei der sich queere Underground-Bands einem breiteren Publikum vorstellen können. Von 2006 bis 2007 war er regelmäßig für den Querverlag tätig.

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