Lesbengeschichte im Karton

von Julia Roßhart //

In einer Ecke in meinem Zimmer steht ein Karton. Plano-Speed steht drauf, ein Karton für Druckerpapier. Drinnen liegt meine Doktorinnenarbeit und wartet darauf, ins Prüfungsbüro getragen zu werden, zusammen mit einer Menge Formulare. Manchmal werfe ich einen skeptischen Blick auf den Karton: Ich kann weder so recht fassen, dass ich eine Doktorinnenarbeit geschrieben habe, noch, dass ich damit nun tatsächlich fertig bin.
Geforscht und geschrieben habe ich über „die“ Frauen- und Lesbenbewegung der 1980er und 1990er Jahre, genauer gesagt: darüber, wie (lesbisch-)feministische Akteurinnen mit Klassenunterschieden und Klassismus in den je eigenen Bewegungskontexten umgegangen – und dagegen vorgegangen – sind. Und hier kommt der Querverlag ins Spiel:

Foto (c) Julia Roßhart

Foto (c) Julia Roßhart

Diese Arbeit wäre nicht das, was sie ist, wäre da nicht jener wunderbare, reichhaltige Sammelband zur Lesbenbewegung, der nun mit zahlreichen Eselsohren, pinkfarbenen Markierungen und Notizen versehen auf meinem Schreibtisch liegt: In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben von Gabriele Dennert, Christiane Leidinger und Franziska Rauchut, 2007 beim Querverlag erschienen.
Selten hat Bewegungsgeschichte so viel Spaß gemacht. Nicht nur kommen hier zahlreiche – fast 100 – Bewegungsakteurinnen* zu Wort, die über eigene Gruppen, erlebte Konflikte, politische Aktionen, große Lesbentreffen, schwierige Themen und politischen Veränderungswillen berichten. Zudem kommt dem Buch das besondere Verdienst zu, dabei auch die im feministischen Gedächtnis weitgehend vergessenen Proll-Lesbengruppen zu würdigen – und in die feministische Bewegungsgeschichte einzuschreiben: Lesbengruppen, die sich in den 1980ern/1990ern auf Grundlage von Klassenherkunft und Klassismuserfahrungen organisierten.
Mit Gewissheit kann ich behaupten, dass ich kein Sachbuch so oft in den Händen gehalten und durchgeblättert habe wie dieses: um hier und da hängen zu bleiben, Neues zu lernen, inspiriert zu werden, meine eigenen Erfahrungen in Beziehung zu setzen zum Gelesenen – dies übrigens oft genug unabhängig von meinem Forschungsthema oder als in Kauf genommene Ablenkung.
Und kein Buch habe ich so häufig verschenkt wie dieses – an feministische Forscherinnen, an „gestandene“ Lesben und an Lesben kurz nach ihrem Coming-out … Und ich werde nicht müde, es zu bewerben. Denn: Was Lesbischsein heute bedeutet oder bedeuten kann, wie es um lesbische (Identitäts-)Politik und das Verhältnis von lesbischer und queerer Theorie und Politik steht – all diese Fragen lassen sich anders, politischer, irgendwie „verorteter“ oder „geerdeter“ stellen und beantworten, wenn sie vor dem Hintergrund lesbischer (Bewegungs-)Geschichte gelesen werden. Dass diese alles andere als homogen, eindeutig, widerspruchs- und konfliktfrei war, auch das macht „In Bewegung bleiben“ deutlich: durch die Vielzahl der zu Wort kommenden Akteurinnen*, die hinsichtlich Herrschaftsverhältnissen und was Aktivitäten und politische Perspektiven anbelangt, durchaus divers aufgestellt sind.
Meine eigene Forschungsarbeit ist geschafft, nun konzentriere ich mich mit Begeisterung auf die Texte anderer – als freie Lektorin. Und als überzeugte Leserin lesbischer Literatur sowieso. Der Lesbengeschichte bleibe ich, lesend, erst mal treu: als Nächstes ist Donaunebel von Stefanie Zesewitz dran.

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Julia Roßhart ist Lektorin für feministischen, lesbischen und queeren Text und betreut das lesbisch_queere Programm der feministischen Onlinebuchhandlung FEMBooks.
Sie gratuliert persönlich und im Namen von FEMBooks herzlich zum Zwanzigjährigen – und freut sich auf mehr!

Links
Website
Website FEMbooks

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