Wie ich an einem Dienstag 1997 nicht der Mann in der Beziehung sein wollte und dafür kein Autogramm von Arabella bekam

von Stephanie Kuhnen //

Ich wohnte damals noch in Göttingen. Das war im Sommer 1997. Das Butch/Femme-Buch war schon ein paar Monate auf dem Markt und sorgte bei den lesbischen Leserinnen und ausdrücklichen Nicht-Leserinnen für große Aufregung. Einige Frauenbuchläden wollten es nicht verkaufen, ich bekam böse Briefe von Feministinnen, die mich bezichtigten, mit dem Hetero-Patriarchat ins Bett gestiegen zu sein, und einige Rezensentinnen sahen in dem Cover eine Vergewaltigungsszene, für die ich persönlich verantwortlich war. Andere schrieben mir ellenlange Briefe mit ihren Lebensgeschichten. Vor Email und Facebook verbrachte ich also viel Zeit damit, Handschriften zu entziffern. Meistens ging es um eine „männliche“ Frau und eine „weibliche“ Frau, die eine fand die andere gut und irgendwie gab es immer irgendwelche Probleme und am Ende wollte die Absenderin, dass ich ihre Lebensgeschichte aufschreibe und damit anderen Frauen „Mut mache“. Ich fand das alles sehr befremdlich, denn mein Leben sah völlig unspektakulär studentisch aus: Uni, Nebenjob, Kleinstadt mit Fachwerküberangebot, eine eher miesepampelige Lesbenszene, in der Krawatten höchstens als Partyscherz getragen werden durften oder die immer „ironisch gebrochen“ werden mussten – zum Beispiel mit an den Knien ausgebeulten Leggings.
autogramm_kiesbauerEines Morgens also klingelte bei mir das Telefon. Ich war noch im Pyjama-Modus und knabberte recht verschlafen an meinen Cornflakes, allein, denn das Hetero-Patriarchat hatte woanders übernachtet. Durch den Hörer schlug mir eine glockenhelle, aufgeregte Frauenstimme aufs Trommelfell, die in einer kaum verständlichen Geschwindigkeit durch mein Gehirn spülte. „Sind Sie die Autorin von diesem Buch für Lesben „Batsch-Fämm“, oder so? Also da, wo’s drum geht, dass immer eine der Mann ist und eine die Frau und dass man das jetzt auch mal sagen darf?“ Die Informationen landeten in meinem Kopf in der Scherz-Abteilung und ich vermutete eine Freundin an der Rezeption. „Fast“, sagte ich. „Und Sie sind?“ „Ach ja, mein Name ist (habe ich vergessen), ich bin Redakteurin bei Arabella von Pro7, und wir machen eine Sendung über Lesbierinnen. Also über moderne, von heute, nicht die Siewissenschons“, plapperte die Redakteurin. „Ja, klar“, sagte ich und überlegte, zu welcher meiner Scherzfreundinnen die Stimme passen könnte. „Und was wollen Sie von mir?“ „Wir wollen Sie in unsere Show einladen. Da können Sie uns dann als Expertin erzählen, wie das so bei lesbischen Paaren ist. Am besten bringen Sie noch Ihre Freundin mit. Sie haben doch eine Freundin, oder?“. Ich verneinte, was mit einem enttäuschten „Mmmmh“ quittiert wurde. „Sind Sie denn mehr so Batsch oder so Fämm?“ „Mehr so butch, es spricht sich übrigens butsch aus. Aber was ist denn das Motto? Und wer wird denn da überhaupt eingeladen?“ Immer noch hoffte ich auf einen Scherz. „Aha, also Sie sind der Mann in der Beziehung, das ist sehr gut. Sie tragen doch sicherlich einen Anzug, Krawatte und so? Oder sind Sie mehr so der rustikale Typ?“ Ich blickte an mir hinunter: eindeutig weder Anzug noch rustikal. Aha, dachte ich, ich soll jetzt sagen, was ich gerade anhabe, und dann fängt es auf der anderen Seite der Leitung an zu lachen und „Ätsch, reingefallen!“ zu kreischen. „Warum wollen Sie das eigentlich wissen?“, hakte ich nach und fand mich schlau. „Naja, also wir haben da schon eine Expertin, die ist Psychologin, die wird erzählen, dass Lesbischsein etwas ganz Normales heutzutage ist, aber ein bisschen kritisch ist sie natürlich auch. Und dann ist da noch ein Krawallmacher, der gehört zum Format unbedingt dazu. Der wird dann sagen, dass Lesben einfach nur Männer sein wollen. Und damit erklärt sich dann auch Ihre Rolle. Das kann dann schon gerne ein bisschen zur Sache gehen!“ Die Redakteurin redete immer schneller und so langsam begann ich zu ahnen, dass ich meinen Freundinnen wirklich Schlimmes zutraute. „Moment, ich soll mir anhören, dass ich vorwiegend okay bin, so psychologisch gesehen, und dann im Anzug noch einem lesbenfeindlichen Hetero erklären, dass ich kein Mann sein will. Und am besten bringe ich noch eine feminine Freundin mit, die das bezeugen kann?“. „Ja, genau!“, jubilierte die Redakteurin im Professor-Higgins-Ton. „Wir wollen auch noch eine Bisexuelle einladen. Die haben ja so beide Anteile in sich.“ Der Quatsch wird immer quätscher, dachte ich, aber auch, dass so eine Talkshow ganz gut das Buch verkaufen würde und dass der kleine Querverlag die Werbung vielleicht brauchen könnte. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich bereits dem Hetero-Experten eine reinhauen und der Psychologin an den Haaren ziehen. Von der Bisexuellen möchte ich nicht reden, da kann man nur alles falsch machen. „Haben Sie das Buch überhaupt gelesen?“, fragte ich hoffnungsvoll. „Das muss ich leider verneinen, ich habe wirklich zu gar nichts Zeit. Bringen Sie dann einen Anzug mit? Die Aufzeichnung ist nächsten Dienstag“. „Nicht ganz so schnell“, bremste ich die siegessichere Redakteurin. „Ich bespreche das noch mal mit meinem Verlag und melde mich dann bei Ihnen, okay?“ Die Redakteurin ließ nicht locker: „Also, Sie bekommen natürlich ein Honorar, viel ist das nicht, aber Sie bewerben ja auch Ihr Buch. Natürlich bringen wir Sie auch in einem Hotel unter. Wo wohnen Sie denn?“ Der D-Zug, der seit zehn Minuten über mich fuhr, nahm einfach kein Ende. „In Göttingen. Ich würde wirklich gerne …“ „Nie gehört, aber das kann man sicherlich von Frankfurt aus erreichen. Wo soll ich denn den Vertrag und die Fahrkarten hinschicken?“ Und da wurde es mir zu bunt. „Also, noch mal, geben Sie mir doch bitte mal Ihre Telefonnummer und ich rufe Sie dann zurück, sobald ich mit meinem Verlag gesprochen habe.“ Sie wollte sich einfach nicht geschlagen geben: „Sie bekommen auch ein Autogramm von Arabella.“ Ich notierte die widerwillig herausgegebene Telefonnummer der Redakteurin und bei der Verabschiedung mahnte sie noch: „Wir machen das ja hier auch nicht zum Spaß. Sie wollen ja Toleranz.“ Ich habe nicht zurückgerufen und die Sendung wurde nie gedreht. Später einmal habe ich versucht, Jim und Ilona davon zu erzählen, wie ich fast ein persönliches Autogramm von Arabella bekommen hätte. Aber das klang alles irgendwie ziemlich irre.

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Stephanie Kuhnen, Stonewall-Jahrgang 1969, lebt seit 1997 in Berlin. Von 2001 bis 2008 Ausflug ins Unternehmerinnentum mit eigener Buchhandlung, „Lustwandel“, in Prenzlauer Berg, seitdem als Journalistin und Fundraiserin beruflich unterwegs. Von 2012 bis 2014 war sie Chefredakteurin (2012-2013 mit Manuela Kay) von L-MAG. Beim Querverlag erschienen: „Butch/Femme. Eine erotische Kultur“ (Hsg.); „Rettet die Delphine“; „Bisse und Küsse.Bd.I.“ (Hsg. mit Sophie Hack).

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