Lesend leben jenseits des Beipackzettels

von Egbert Hörmann //

„We need to make books cool again. If you go home with somebody and they don’t have books don’t fuck them. Don’t sleep with people who don’t read!“ (John Waters)

DER QUERVERLAG – DABEI SEIT 20 VON 100 JAHREN! CHAPEAU!

Die Lust am Körper des eigenen Geschlechts gibt es mindestens seit der Inselqueen Sappho und Sodom und Gomorrha, aber erst am Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich eine schwul-lesbische Kultur heraus und Homosexualität wurde der Ausdruck eines „Ich“, eines identifizierbaren psychologischen Subjekts. In dieser komplexen Geschichte nahm die schöngeistige Literatur einen erstrangigen Platz ein; die Gattung erlaubte eine unermessliche Freiheit. Sie lieferte Bilder und Repräsentationen, diente zur Identifikation und Projektion (der Film kam erst wesentlich später dazu). Zu den Bildern heterosexueller Paare gesellten sich nun auch andere, die allerdings bis in die 1960er Jahre hinein fast immer in Schimpf und Schande, Scheitern, Verfall, Einsamkeit, Kriminalität und Suizid endeten.

Die ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts waren das Goldene Zeitalter der schwul-lesbischen Kultur und Literatur. Berlin und Paris waren dabei die beiden wichtigsten Bühnen, weil es im Gegensatz zum übrigen Europa keine offene Repression gab, sondern relative Toleranz. Berlin war mit dem Institut von Magnus Hirschfeld das Mekka der wissenschaftlichen Arbeit und des Kampfes um die Legalisierung von Homosexualität, Paris war für die einschlägige Kunst zuständig. Hier verband sich die schwul-lesbische Kultur, die sich ebenfalls von alten Zwängen befreien und neue Sichtweisen der Welt zum Ausdruck bringen wollte, mit der internationalen Avantgarde-Bewegung.

In der Buchhandlung Shakespeare and Company von Sylvia Beach und Adrienne Monnier, aber auch in den Salons von Gertrude Stein und Natalie Barney trafen sich die künstlerische, intellektuelle und politisch fortschrittliche Elite und die Haute Bohème. In „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (1913-1927) schuf Marcel Proust mit Monsieur de Charlus einer der stärksten homosexuellen Helden der Weltliteratur. Aber erst André Gide brach mit „Corydon“ 1924 radikal das Tabu der Homosexualität. 1928 erschienen „Quell der Einsamkeit“ von Radclyffe Hall, „Orlando“ von Virginia Woolf, „Le Livre Blanc“ von Jean Cocteau und „Ladies’ Almanach“ von Djuna Barnes, eine brillante Persiflage auf den lesbischen Barney-Zirkel. Und die 26jährige Marguerite Yourcenar veröffentlichte 1929 das schwule Briefbekenntnis „Alexis“.

Nach dem Aufstieg des Hitler-Faschismus war Zwangspause, bis mit der Frauen- und Schwulenbewegung Ende der 1960er Jahre die einschlägige Literatur erneut aus dem Bannkreis von Schweigen und Ächtung trat. Unsere Literatur zeigt sich uns heute als eine Landschaft, die sich jeder Definition und Reduktion entzieht, denn was die schwule und lesbische Kultur und Lebenswelt insgesamt kennzeichnet, ist ihre wunderbare, bunte Vielfalt. Was teilt uns die schwul-lesbische Literatur mit? Es ist eine Botschaft von Mut, Überlebenskunst, Hoffnung, Solidarität und Liebe. Wir sind tatsächlich unzerstörbar und durch unsere besten literarischen Werke sogar unsterblich. Es ist eigentlich unfassbar, dass unter diesen insgesamt ziemlich widrigen Umständen folgende Namen in die Weltliteratur einzogen: Oscar Wilde, Marguerite Yourcenar, Djuna Barnes, Katherine Mansfield, Michail Kusmin, Marina Zwetajewa, Christopher Isherwood, E. M. Forster, Patricia Highsmith, Henry James, Virginia Woolf, Jean Genet, Marcel Proust, Allen Ginsberg, Walt Whitman, Violette Leduc, Monique Wittig, André Gide, Joe Orton, James Purdy, Federico Garcia Lorca, Donald Windham, Valerie Solanas, William Burroughs, James Baldwin, Langston Hughes, Hart Crane, Gore Vidal, Yukio Mishima, Willa Cather, Arthur Rimbaud, Paul Verlaine, Klaus Mann, Thomas Mann, Konstantinos Kafavis, Noel Coward, Gertrude Stein, Pier Paolo Pasolini, Sandro Penna, Truman Capote, Tennessee Williams, Julien Green und und und … und dies ist nur die allerallererste Sahne der schwul-lesbischen Literatur!

queer_autoren

Autor_innenmosaik von Marc Lippuner

Zwei der schönsten Werke der schwulen und der lesbischen Literatur sind für mich „Maurice“ von E. M. Forster und „Salz und sein Preis“ von Patricia Highsmith. „Maurice“, 1913-14 geschrieben, konnte erst 1971 veröffentlicht werden und ist eine Lektüre, die in den dazwischen liegenden Jahren für ein schwul-lesbisches Lesepublikum viel Mut, Unterstützung, Vertrauen und Festigung der Moral hätte bieten können. Die negative, tragische Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe wischt Forster in einer wahrhaft revolutionären Geste vom Tisch und beansprucht kühn das Recht auf die eigene sexuelle Natur, auf Freiheit und Glück: „Sie mussten arbeiten und bis zum Tode zueinander stehen. Aber England gehörte ihnen. Darin bestand, außer ihrem Zusammenhalt, ihre Belohnung. Englands Luft und Englands Himmel gehörten ihnen und nicht den verzagten Millionen, die stickige, kleine Hütten besaßen, nicht jedoch ihre eigenen Seelen.“

„Salz und sein Preis“ musste Patricia Highsmith 1952 noch unter einem Pseudonym veröffentlichen. Es war über Jahre hinweg der einzige Lesbenroman mit glücklichem Ausgang. Die behutsame Geschichte von Carol und Therese, die einander befreien und erlösen, zeigt auch, welche ungeheure Schaffenskraft und Euphorie eine einzige Begegnung auszulösen vermag. Und es ist eine Zweisamkeit voller „Zeitinseln … in Herz oder Gedächtnis wohlverwahrt, unantastbar und vollkommen.“ Das Ende dieser gesellschaftlich angegifteten Liebe ist zwar ungewiss, aber dennoch triumphierend: „Es würde immer Carol sein, in tausend Städten, tausend Häusern, in fremden Ländern, die sie gemeinsam bereisen würden, im Himmel und in der Hölle.“

LIEBER JIM, LIEBE ILONA!

Es wird ja immer wieder vom Tod des Buches gequasselt – und natürlich gibt es Veränderungen, aber ich meine, da brauchen wir uns bei entsprechender Flexibilität keinerlei Sorgen zu machen. Es ist ein tiefes Bedürfnis des Menschen, zu kommunizieren und Information auszutauschen. Der Tod des Buches wird schon deswegen nicht stattfinden, da die Menschen seit Menschengedenken Geschichten erzählen und erzählt bekommen wollen. Wir sind das, was wir lesen. Die Welt erretten, indem man sie benennt … Und Ihr sorgt höchst verdienstvollerweise dafür, dass schwul-lesbische Autoren und Autorinnen die Chance haben, sich mitzuteilen und gehört zu werden. Wir müssen präsent sein, und Ihr tragt dazu bei! Bücher sind Eure Passion und Euer Gewerbe – und das ist ein ganz wichtiger (kultureller, aber auch politischer) Beitrag für unsere Community und für die Literatur überhaupt.

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Egbert Hörmann (Autor und Übersetzer) lebt in Berlin-Charlottenburg und Sankt Petersburg. Unbestechlich, aber käuflich. Derzeitiges Lebensmotto: Retten, was nicht zu retten ist – auf den Erfolg unserer hoffnungslosen Mission!

Link
Autorenseite des Querverlags

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