Unsere 20 schönsten Buchcover und wie es überhaupt dazu kommt

von Marc Lippuner //

Die Wahl des Buchdeckelmotivs scheint eine nervenaufreibende Sache zu sein: Konfliktanfälliger als jedes Lektorat und zeitaufwendiger als die Steuererklärung eines mittelständischen Unternehmens.
Über das komplexe Dilemma habe ich mich mit Jim Baker und Ilona Bubeck, dem Gründungs- und Leitungs-Duo des Querverlags, unterhalten.

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Es könnte eigentlich ganz einfach sein: In jedem Verlagsvertrag steht, dass „Ausstattung, Buchumschlag, Auflagenhöhe, Auslieferungstermin, Ladenpreis und Werbemaßnahmen […] vom Verlag nach pflichtgemäßem Ermessen unter Berücksichtigung des Vertragszwecks sowie der im Verlagsbuchhandel für Ausgaben dieser Art herrschenden Übung bestimmt“ werden. Die Entscheidung über die Erscheinung eines Buches obliegt also dem Verlag. Sehr zum Unmut vieler Autor_innen. „In einem großen Verlag kann der Lektor die Entscheidung immer auf die böse Marketing-Abteilung, den ahnungslosen (und meist freischaffenden) Grafiker oder den fiesen Vertreterstamm schieben, doch bei zwei Menschen wie bei uns im Querverlag haben wir diesen Luxus nicht“, meint der Verlagschef. Folglich nütze es wenig, ein Umschlagmotiv durchzudrücken, das die Autor_innen unglücklich zurücklässt: „Wir wollen ja Bücher machen, auf die alle möglichst stolz sind.“
Das Hauptproblem bei der Coverfindung ist, darin sind sich Jim und Ilona einig, dass die Schreibenden am liebsten den gesamten Inhalt auf dem Cover ausgedrückt sehen wollen und meist auch konkrete Vorstellungen davon haben, wie das auszusehen habe. Manche mögen darüber hinaus keine rosa Schrift (wie Tania Witte hier gesteht), andere wünschen keine Personen auf dem Cover, weil sie keine Identifikationsfiguren abgebildet haben wollen, wiederum andere möchten nicht, dass das Buch zu explizit lesbisch oder schwul aussieht (ein Argument, das sich wohl in den letzten Jahren häuft).
Ilona und Jim halten mit ihrer zwanzigjährigen Verlegertätigkeit und langjährigen Erfahrung im Buchverkauf dagegen, dass die Buchgestaltung in erster Linie die Funktion hat, die Käufer_innen zu animieren, das Buch überhaupt in die Hand zu nehmen. Erst danach kommen Titel, Autor_in und Klappentext zum Tragen. „Als Gesamtheit muss der Umschlag einfach einladend wirken, neugierig machen – natürlich kann man lange darüber diskutieren, wie man das am besten schafft.“

Bubeck & Baker (also Ilona und Jim, aber das wollte jetzt einfach dahin geschrieben werden) haben einige Faktoren mal zusammen getragen, die ihnen hinsichtlich der Titelseiten ihrer Bücher aufgefallen sind – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, versteht sich – an manchen Stellen aber mit Augenzwinkern:

  • Je einfacher der Umschlag, desto erfolgreicher. D.h.: wenige Ebenen, keine Collagen, nichts Kleinteiliges.
  • Attraktive Menschen (so schwammig das auch klingen mag), atmosphärische Aufnahmen und positive Stimmungsfotos (was auch immer das sein mag) funktionieren in der Regel ganz gut.
  • Gesichter funktionieren in der Regel besser bei Schwulen als bei Lesben. Körper auch.
  • Liegende Frauen scheinen bei vielen lesbischen Käuferinnen gut anzukommen.
  • Weiße Umschläge sind wegen Schmutzgefahr problematisch. Braun und Gelb sind auch nicht weniger schwierig.
  • Ironie mit einem Umschlag transportieren zu wollen, funktioniert so gut wie nie.

In komplizierten Fällen werden Freund_innen und Buchhändler_innen zu Rate gezogen, schlussendlich wird immer der Kompromiss gesucht: „Mal ist das eine gute Entscheidung, mal eine schlechte“, meint Jim Baker. „Und weil man ja im Nachhinein nie beweisen kann, dass ein anderer Umschlag besser funktioniert hätte, ist die Diskussion häufig müßig.“

Die Wahl zu unseren 20 schönsten Buchcovern aus 20 Jahren Verlagsgeschichte

Dass es kein Richtig und kein Falsch geben kann, da das Empfinden, was ein gelungener Umschlag ist und was nicht, höchst subjektiv und unterschiedlich ist, beweist auch unsere Facebookumfrage, in der wir vom 1. April bis 3. Mai 2015 darüber abstimmen ließen, welches Buchcover aus 20 Jahren Querverlagsgeschichte das schönste sei. Einige hier gut platzierte Titel verkauften sich nicht gut, andere Titelbilder aus den Top 10 stießen auf den Widerstand der Autor_innen, einige Kassenschlager hingegen haben es nicht in die Liste unserer 20 schönsten Buchcover geschafft.

anderer_welten_kindDreißig Titel wurden von Jim und Ilona im Vorfeld ausgewählt (Die beiden waren sich übrigens ziemlich schnell einig. Und als Anmerkung: Zu freizügige Motive konnten aufgrund der Facebook-Richtlinien nicht berücksichtigt werden.). Diese dreißig Frontdeckel standen in einem Facebook-Album zur Wahl, mit dem Klicken des Gefällt-mir-Buttons konnte jeder Facebook-Nutzer sein Gefallen kundtun.
165 Personen beteiligten sich und kürten die Titelgestaltung von Wolfgang Ehmers Roman Anderer Welten Kind zur schönsten der 20jährigen Verlagsgeschichte. Die Entscheidung fiel erst in den letzten Stunden, lange Zeit führte Gregorio Ortega Cotos Marokkanische Minze den Wettbewerb an. Auf Platz 3, Jan Stressenreuters Haus voller Wolken: ein Gesicht, Fenster, Regen. Platz 5, Carmen Bregys Im Stillen umarmt: kein Gesicht, ein Fenster, Regen. Platz 6, ebenfalls Stressenreuter, Ihn halten, wenn er fällt: zwei Gesichter, ein Fenster, kein Regen. Nicht vergessen, Platz 4, Heny Ruttkays Roman Gestohlene Tage: punktet wie der Siegertitel mit einem historischen Schwarzweiß-Foto und gelber Schrift.
Eine Tendenz lässt sich aus diesen lose hingeworfenen Tatsachen eher keine als eine vage erkennen: Was zählt ist der Gesamteindruck.
Und da die Menschen so unterschiedlich sind, wird es immer welche geben, die das beste Buch ihres Lebens verpassen, weil ihnen der Umschlag nicht gefällt.

Zum Abschluss noch einmal die Top 20 in Wort und Bild (Die Zahlen in Klammern entsprechen den Gefällt-Mir-Angaben in unserem Facebook-Album [Stand: 3. Mai 2015, 23:59, mittlerweile gibt es Verschiebungen]. Bei gleicher Anzahl an Stimmen folgt die Reihenfolge alphabetisch dem Autor_innen-Nachnamen.).

  • Wolfgang Ehmer: Anderer Welten Kind (43)
  • Gregorio Ortega Coto: Marokkanische Minze. (36)
  • Jan Stressenreuter: Haus voller Wolken. (30)
  • Heny Ruttkay: Gestohlene Tage (26)
  • Carmen Bregy: Im Stillen umarmt (21)
  • Tania Witte: beziehungsweise liebe. (18)
  • Jan Stressenreuter: Ihn halten, wenn er fällt. (18)
  • Stefanie Zesewitz: Der Duft von Seide. (18)
  • Peter Hofmann: Wo Norden ist. (16)
  • Peggy Wolf: Acker auf den Schuhen. (14)
  • Stephan Niederwieser: An einem Mittwoch im September. (14)
  • Christoph Klimke & Mario Wirz: Nachrichten von den Geliebten. (13)
  • Peter Hofmann: Das Feuer fremder Häuser. (13)
  • Karen-Susan Fessel: Leise Töne. (12)
  • Thomas Mohr: Die Schützen (11)
  • Sarah Mondegrin: Berlin am Meer. (11)
  • Corinna Waffender: Zwischen den Zeilen. (10)
  • Katrin Janitz: Das Blau ihrer Augen. (9)
  • Stephanie Kuhnen: Rettet die Delphine. (9)
  • Stephan Niederwieser: Denn ich wache über deinen Schlaf. (9)
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2 Antworten zu “Unsere 20 schönsten Buchcover und wie es überhaupt dazu kommt

  1. Eine schöne Auslegung des Beitrages.

    Ich finde es schön, dass man auch mal die Sicht von Verlegern zu lesen bekommt und nicht nur die eines Autors. Schön finde ich auch die Erklärungen dazu.

    Ein gelungener Beitrag und schöne Platzierungen.

    Liebe Grüße
    Henrik

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Querverlag: Das Social-Media-Jubiläumsprojekt #quer20 | Virenschleuder-Preis #vsp15·

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