Willst Du mit mir gehen?

von Petra Brumshagen //

Anlässlich des großartigen Jubiläums habe ich darüber nachgedacht, was der Querverlag für mich ganz persönlich bedeutet, und nebenbei mein E-Mail-Postfach aufgeräumt. Und festgestellt: Der Querverlag hat wichtige Meilensteine in meinem Leben gesetzt.

Die Anfänge habe ich noch nicht als Autorin, sondern als 17-jährige Leserin in Erinnerung. Ich stand ganz kurz vor meinem Coming-out, dem äußeren. Das Innere war sich schon lange sicher, und alles lechzte nach Informationen, Lektüre, nach Gleichgesinntem, nach allem, was entweder regenbogenfarben oder mit ineinander verschnörkelten Frauenzeichen versehen war. Ich fuhr regelmäßig mit der S-Bahn ins 10 Kilometer entfernte Essen, um in der Anonymität der weiter entfernten Stadt in der für meine Begriffe größten Buchhandlung der Welt (Baedeker, Gott hab dich selig) unerkannt im Bereich „Frauen“ zu stöbern oder telefonisch unter falschem Namen ein Buch vorzubestellen. Mit einem Alibibuch für den Deutschunterricht verbarg ich stets das eigentliche Buch der Begierde an der Kasse. Doch wie es der schreckliche Zufall so wollte, funktionierte genau bei Karen-Susan Fessels „Bilder von ihr“ der EAN-Code nicht, und die Buchhändlerin rief quer durch den Laden eine Kollegin herbei. Ich kam mir vor wie in der Kondomwerbung mit Hella von Sinnen und Ingolf Lück. Zum Glück schrie die Buchhändlerin nicht „Ey, wat kostet der Lesbenroman vom Querverlach?“. Aber die minutenlange genaue Begutachtung des Buches durch die beiden Buchhändlerinnen reichte damals bei mir noch für rote Ohren.

Zwölf Jahre später, Mitte 2008, kam ich dann das erste Mal nicht als Leserin, sondern Schreiberin in Kontakt mit dem Querverlag. Die Lektorin eines Münchner Verlags, bei dem ich gerade ein Praktikum machte, hatte mir empfohlen, mich an Jim zu wenden. Sie hatte sich netterweise die ersten dreißig Seiten meines Romans durchgelesen und fand ihn „gar nicht so schlecht“, was ich als gutes Vorzeichen wertete.
So feilte ich also an meinem Exposé und schickte es los. Zwei Monate später, in denen ich hin und hergerissen war zwischen „Geduld, Petra, Geduld, die melden sich schon“ und „Scheiße, das wird nix“, hakte ich vorsichtig nach, ob denn mein Exposé angekommen sei. Birte Rohles, die damals für Vertrieb zuständig war, antwortete mir geschwind, dass ich alles schicken solle, was ich schon geschrieben habe. Dass sie mir aber nicht sagen könne, wann sie sich wieder melden würden.
Es folgten wieder Wochen zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Vorfreude und blanker Angst, bis dann die E-Mail von Jim kam und mit den Worten begann:

Liebe Petra, inzwischen haben meine Kollegin Birte und ich die Probekapitel gelesen und möchten erst einmal sagen: mehr!“

Herzklopfen, überschäumende Freude, Kribbeln im Bauch. Ich habe mich gefühlt wie ein Teenager, dessen zaghafte Anfrage „Willst du mit mir gehen?“ beim scheinbar unerreichbaren Schwarm mit einem unerwarteten „Vielleicht“ beantwortet worden war. Alles war möglich! Sogar ein später folgendes „Ja“.
So war ich also Wochen und Monate damit beschäftigt, meine Ideen zu einem runden Ganzen werden zu lassen. Dann schickte ich den großen Batzen nach Berlin. – Und musste mich im Warten üben. War ich es ja auf der anderen Seite im Verlag ebenso gewohnt, ungeduldige Autoren zu vertrösten, merkte ich dann, wie unerträglich dieser Schwebezustand sein konnte. Ich hing am Haken und zwischenzeitlich hatte ich Angst, aus dem „Vielleicht“ könnte ein „Weiß nicht“ oder vielleicht ein „Nein“ werden.
Dann eine hoffnungsvolle E-Mail von Jim …

Liebe Petra! Nur ein kurzer Zwischenbericht: Inzwischen habe ich das Manuskript gelesen und werde es auf jeden Fall weiterempfehlen. Jetzt liegt es an den beiden Frauen hier im Team, ihren Senf dazu zu geben. Ich für meinen Teil habe es sehr gern gelesen.

Jim gefiel also, was ich zustande gebracht hatte. Jippiehjayeah! Es lag jetzt aber noch an Birte und Ilona. Dem Ziel so nah und doch noch so fern. Es war zum Haareraufen. Also machte ich das, was man so tut, wenn man hinter jemandem her ist: nerven. Und obwohl mir Jim immer wieder sagte, ich gehe ihm keinesfalls auf den Geist, muss ich im Rückblick beim Durchsehen meiner zahlreichen Nachfragen per E-Mail sagen: Der hatte ein gutes Nervenkostüm.
Ein halbes Jahr nach unserem Erstkontakt kam die sehnsüchtig erwartete Antwort. Das „Ja“:

Liebe Petra, viele liebe Grüße zurück von uns allen! Ich habe die große Ehre, Dir die freudige Mitteilung zu machen, dass wir gerne Dein Manuskript verlegen möchten.“

Zu schön! Ein Buch. Mein Buch! Wow!
Wie früher bei Liebesbriefen in Form von Zettelchen auf kariertem Collegeblockpapier habe ich diese kleinen Zeilen wohl zig Male gelesen. Und viele Münchner Biergärten beehrt, um das Wunder zu begießen.

Ich werde nie vergessen, wie viele Covervorschläge wir uns hin- und hergeschickt haben. Und immer wieder stellte ich fasziniert fest, wie unkonventionell und cool Jim und Birte an die Sache rangingen. Sie waren für meine Vorschläge offen und ließen in allen Punkten mit sich reden. Ganz anders, als es in so manchem Ratgeber für angehende Autoren stand. Und ich hatte gerade in einem großen Publikumsverlag angefangen zu arbeiten und dort mitbekommen, welche (Irr-)Wege Coverbesprechungen manchmal gehen konnten. Da ging es teilweise um abstruse, diffuse, verrückte Details. Es wurden Analysen zurate gezogen, Kundenbefragungen zugrunde gelegt, in zahllosen Coverrunden Materialien, Farben, Farbeffekte, Schattierungen, Aufkleber und Lesebändchen ausgewählt, und so weiter und so fort.
Schließlich teilten mir Jim und Birte nach vielen Geht-so-Covern mit, dass sie die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen wollten. So wurde in liebevoller Arbeit ein blumiges Layout für eine Kaffeetasse entwickelt (= Sinnbild für die WG in meinem ersten Roman) und die Tasse bei einer Druckerei bestellt. Und während ein damaliger Praktikant von oben Kaffee eingießen musste, machte der Grafiker einen Schnappschuss – und so entstand mein Cover. Es ist einmalig, einzigartig, definitiv exklusiv und in keiner Bildagentur zu finden. Es ist grell und grün und etwas beknackt – ich liebe es.
Und als dann im September 2009 der Paketbote mit einem Karton voller Bücher vor der Tür stand, klopfte mir das Herz den Hals hoch bis in die Haarspitzen. Mein erstes Buch! Wahnsinn! Wieder wurde kräftig angestoßen.

Kurz darauf begann meine kleine Lesereise. Meine Feuertaufe hatte ich in München, darauf folgten Frankfurt, Bamberg, Leipzig, Bochum, L-Beach und Ulm. Es war jedes Mal wieder aufregend und mitunter extrem witzig. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Zuhörerin, die mich nach meiner Lesung in der Lehmanns Buchhandlung in Leipzig angesprochen hat. „Meine Güte, was Ihnen alles für verrückte Geschichten passiert sind. Das ist ja unfassbar! Daraus könnte man ja einen Roman machen.“ – „Ähm, das ist eigentlich ein Roman.“

IMG_9347Lieber Jim, liebe Ilona,
zu eurem Jubiläum gratuliere ich euch von Herzen.
DANKE für 20 Jahre großartige Titel und Themen
DANKE für 20 Jahre Lebenshilfe und Aufklärung
DANKE für 20 Jahre unermüdliche Arbeit
DANKE für 20 Jahre Querverlag

Und ganz persönlich:
DANKE für Scheinfrei und Schunkelfieber und euer Vertrauen!

Weiter so. Immer weiter!

Seid umarmt –
Eure Petra

PS: Die Scheinfrei-Tasse mit den Originalkaffeeflecken wird niemals gespült!

//

Petra Brumshagen ist 1979 in Oberhausen geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin studierte sie in Bochum Germanistik und Sozialpsychologie. Nach einigen Jahren in München lebt Petra Brumshagen nun zwischen Rhein und Neckar. Im Querverlag erschienen zwei Romane, weitere Veröffentlichungen u.a. bei Heyne, im Aufbau-Verlag und im Satyr-Verlag.

Links
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