Solche und solche – von Verlagen & Politik

von Christiane Leidinger //

„Vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Verlag und Ihre Anfrage. Schicken Sie uns doch bitte ein Exposé, einen Gliederungsentwurf und ein Probekapitel, außerdem eine Marktanalyse zu Ihrem Projekt.“

Marktanalyse. Eine solche Aufforderung wird man vom Querverlag nicht bekommen. Als mich eine solche Bitte, die eigentlich eine Bedingung in einer K.o.-Runde ist, von einem Wissenschaftsverlag erstmals erreichte, war ich perplex: kostenloses Outsourcing von Marketingaufgaben zu Lasten anfragender Autor*innen.

„Nach Durchsicht Ihrer Unterlagen freuen wir uns, Ihnen mitteilen zu können, dass wir Ihr Projekt sehr spannend finden und Ihr Buch sehr gern verlegen möchten. Im Anhang finden Sie ein Angebot. Über die Höhe Ihres Druckkostenzuschusses sprechen wir am besten zusammen mit den anderen organisatorischen Fragen in den nächsten Tagen am Telefon.“

Druckkostenzuschuss. Eine solche Aufforderung wird man vom Querverlag nicht bekommen. Wenn man Geld mitbringt, ist das erfreulich und gern gesehen. Aber Projekte, die der Verlag für sinnvoll hält, würden am fehlenden Zuschuss nicht scheitern. Erstautor*innen von Fachbüchern und andere nichts ahnende Interessierte sind zumeist fassungslos, wenn sie hören, dass Fachbuchschreibende im bundesdeutschen Verlagswesen nicht nur kein Honorar bekommen, sondern obendrein für den Druck ihrer Bücher bezahlen müssen.

„Wenn Sie Satz und Layout, einschließlich Register-Erstellung, nicht selbst übernehmen möchten, erhöht sich der Druckkostenzuschuss um …“

Satz- und Layoutkosten. Eine solche Aufforderung wird man vom Querverlag nicht bekommen. Das Sach- und Namensregister des Lesbenbewegungsbuchs, das ich zusammen mit Gabriele Dennert und Franziska Rauchut unter Mitarbeit von Stefanie Soine 2007 im Querverlag herausgegeben habe, hat 15 (!) Seiten bei gefühlter Schriftgröße 4. Die immense Verlagsarbeit, die hinter einem solchen nützlichen Verzeichnis steckt, können nur diejenigen einschätzen, die selbst schon einmal ein Register erstellt haben.

„Wir haben das Projekt nunmehr kalkuliert. Wunschgemäß teilen wir Ihnen den Ladenpreis für das Projekt mit: Das Buch (ca. 600 Seiten) wird im Buchhandel in Deutschland für EUR 40/50/60,– zu beziehen sein.“

Ladenpreis. Eine solche Ladenpreishöhe wird der Querverlag nicht vorschlagen. Die Verlagspolitik lautet stets: Querverlagsbücher müssen sich so viele wie möglich leisten können.

„Im Anhang befindet sich die neue Version des Vertrags.“

Vertrag und Verwertungslogik. Eine E-Mail mit einem solchen Satz wird man vom Querverlag nur einmal bekommen. Mit Verlagen muss man oft monatelang ringen, da gehen viele E-Mails und Versionen ins Land, bis beide Seiten ihren Namen unter eine ausgefertigte Vertragsfassung setzen. Und es geht dabei nicht um unterschiedliche Honorarvorstellungen, sondern um das vertragliche Ausmaß des Ausverkaufs von Autor*innenrechten entlang ökonomischer Verwertungslogiken.

frauenbuchladen

Der Frauenbuchladen Lillemor’s in München Ende der 1970 Jahre. Das Foto ist mit freundlicher Genehmigung dem hier erwähnten Sammelband „In Bewegung bleiben“ entnommen worden.

Rezensions-, Rezeptions- und Kooperationssperren. Der Querverlag gehört zu den unabhängigen Verlagen in der Bundesrepublik. Ich verstehe ihn als Verlag an der Schnittstelle von Wissenschaft und Bewegung. An dieser Schnittstelle sind auch meine Projekte oft angesiedelt. Das hat Folgen wie Rezensions-, Rezeptions- und Kooperationssperren. Das Lesbenbewegungsbuch In Bewegung bleiben – 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichten von Lesben mit seinen rund 100 Texten, Autor*innen und Aktivist*innen zwischen Jahrgang 1931 und 1981 wurde zwar viel, aber nicht in Forschungszeitschriften rezensiert. Rezipiert, also in anderen wissenschaftlichen Texten aufgenommen, wurde es kaum. Zuviel „L“ und „l“ für den bundesdeutschen Wissenschaftsbetrieb, einschließlich Gender-Forschung und feministischer Wissenschaft? Der Verlag seinerseits hat das Nachsehen, wenn es darum geht, dass größere Institutionen mit dem Verlag für Einzelprojekte oder Reihen kooperieren – was eine Möglichkeit wäre, solche prekär wirtschaftenden Kleinverlage zu unterstützen und auch im gesellschaftlichen Mainstream aufzuwerten. Aber schaut man auf die Publikationen öffentlicher Einrichtungen, erscheinen diese in großen Wissenschaftsverlagen, die nicht einmal in den Verdacht geraten, irgendwie bewegungsnah zu sein. Solche und ähnliche Kooperationssperren finden sich auch bei Wissenschaftler*innen (und vermutlich ebenso bei Belletristik-Autor*innen). In einem Verlag mit ausgewiesen lesbisch-schwul-queerem Programm wissenschaftlich zu veröffentlichen, ist wenig dazu geeignet, sich akademische Meriten zu verdienen.

Leerstelle Pole-Position. Inzwischen gibt es die Möglichkeit, mit LGBTIQ-Buchprojekten in anderen Verlagen zu veröffentlichen. Auch das ist ein politischer Erfolg der Bewegung und damit ebenso ein Verdienst von Verlagen wie dem Querverlag als bewegungsnahem Publikationsort, der Idealismus vor betriebswirtschaftliche Rechnungen stellt. Die Möglichkeit, mit diesen Themen und Perspektiven anderenorts unterzukommen, ist eine vergleichsweise neuere Entwicklung. Gleichzeitig gilt: Viele Verlage stellen auch heute noch die Und-wer-kauft-das?- Frage, die nur bei befriedigender Antwort auch zu einem Veröffentlichungsangebot führt – oder die Autorin* zahlt mehr für die Produktion … Der Buchverkauf wird von Konzernen und Ketten dominiert. Im Handel liegen die Sachbücher aus Kleinverlagen nicht nur nicht als Stapel in der Pole-Position, sondern zumeist gar nicht. Das Lager muss sich drehen. Eigentlich egal mit was, aber sofort verkaufen muss es sich. Und beim Einkauf stehen die kleinen Verlage definitiv als letzte auf der Liste. Deren Bücher könnten sich ja nicht verkaufen.

Unabhängige Verlagsarbeit ist wie vieles rund ums Buch: ein prekäres Geschäft und daher mit großen finanziellen Risiken verbunden. Ohne Herzblut und starke Nerven geht da eigentlich gar nichts – zumal aus „prekär“ schnell „existenzbedrohend“ wird.

Konsum? Unter Lesben* wurde 2014 vor, während und nach dem letzten Lesbenfrühlingstreffen (LFT) gestritten: u.a. über Bücher als Konsum, über Klassismus und über bürgerliche Wohlfühlhaltungen zu diesem Macht- und Herrschaftsverhältnis.
Kaufforderungen sind jedenfalls ambivalent, weil sie Ressourcenabhängigkeit nicht reflektieren. Dies mitdenkend möchte ich mit einer ganz altmodischen Mobilisierungsformel in kleiner Abwandlung schließen. Denn mit den Verlagen es ist so wie mit den linken und Frauenbuchläden: Unterstützen „wir“ sie, solange es sie noch gibt!
Kauft alle!

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Christiane Leidinger ist freischaffende Politikwissenschaftlerin und Autorin in Berlin. Sie promovierte zur politischen Ökonomie von Medien, schrieb die Biografie von Johanna Elberskirchen (1864-1943), forscht und lehrt u.a. zu alten und neuen sozialen Bewegungen sowie zu Protest. Aktuell schreibt sie an zwei Büchern: Politische Theorie politischer Aktionen (erscheint im Herbst bei edition assemblage) und Feminismen in Aktion. Außerdem ist sie Co-Administratorin und Co-Herausgeberin des multilingualen Portals lesbengeschichte.org.

Links
Website
Website Lesbengeschichte.org

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