I couldn’t help but wonder: Is Baby Neumann the gay Carrie Bradshaw?

von Baby Neumann //

I couldn’t help but wonder: Is Baby Neumann the gay Carrie Bradshaw? Diese Frage stelle ich mir seit Jahren. Ich war mit meiner Kolumne „Das erste Mal“ schon längst für Sex und andere Peinlichkeiten in der Großstadt zuständig, bevor Carrie Bradshaw mit „Sex and the City“ überhaupt anfing. Die Grundideen sind extrem ähnlich: Die Hauptfigur ist neu in der Großstadt und etwas naiv, aber neugierig? Check. Schreibt eine Kolumne über Sex und so weiter? Check. Hat amüsant-neurotische Freunde? Findet schließlich die große Liebe? Double check. Baby ist die schwule Carrie. Ganz klar! Also warum bin ich dann nicht märchenhaft reich und weltberühmt? Tja.
Ich habe meine Geschichten an den Querverlag verramscht, und der hatte weder die Idee, mein Werk an den TV-Sender HBO zu verkaufen, noch haben sich Jim oder Ilona darum gekümmert, dass jemand wie Chris Hemsworth oder Zac Efron dafür engagiert wurde, mich in einer weltweit erfolgreichen Fernsehserie und zwei Kinofilmen darzustellen. Stattdessen wurde das Feld offen gelassen für Sarah Jessica Parker als Carrie Bradshaw, die den ganzen Ruhm und die Kohle absahnte, die eigentlich mir zustanden. Aber ich kann den beiden vom Querverlag nicht böse sein. Wer braucht schon die Millionen, das Brownstone in Manhattan, die Einladungen zu Fashion-Galas, Matthew Broderick (“Ferries Bueller“!) als Ehemann und all das? Kann Sarah Jessica behalten, den Flitter. Hat sie Bücher im Querverlag veröffentlich? Eben! Hat sie nicht. Aber ich. Und das kam so:

1990 gab es mit „magnus“ ein bundesweites schwules Magazin, das zwar sehr politisch und kulturell war, dem aber ein wenig der Humor abging. So ist es öfter mal, wenn engagierte Menschen etwas Sinnvolles schaffen wollen – sie vergessen zu lachen. Den Machern von „magnus“ ist der Humor dann glücklicherweise wieder eingefallen, und Baby Neumann durfte dafür sorgen, dass die Gay-Community auch mal was zu kichern hatte. Meine monatlichen Humoresken vom Junghomo, der mit naiver Neugier in sämtliche Ecken der schwulen Großstadtszene hineinschnüffelt und dabei meistens mehr sieht und erlebt, als ihm angenehm ist, kamen bei den Lesern gut an. Besonders Jungs im oder kurz nach dem Coming-out identifizierten sich mit Baby und seinen Abenteuern. „magnus“ hatte einen angeschlossenen Buchverlag, und dort beschloss man, die Geschichten als Sammelband zu veröffentlichen. So fand das historische Zusammentreffen von Baby Neumann und Jim Baker statt, der damals „magnus buch“ verantwortete. Sofort sah Jim das Potenzial der Baby-Storys, nannte sie „Gay Sex and the City“ und fing an, die Filmrechte bei Hollywoodstudios anzubieten. Na ja, nicht ganz so. Stattdessen kam das Buch unter dem Titel der „magnus“-Kolumne, „Das erste Mal“, raus, und lief dann so erfreulich, dass Jim über eine Fortsetzung nachdachte. Eine Fortsetzung, keine TV-Serie. Aber immerhin, Jim. Leider ging „magnus“ (Zeitschrift und Verlag) durch etwas unter, was man sich im Zeitalter von you-porn kaum mehr vorstellen kann: als die lukrativen Anzeigen für Telefonsex-Hotlines ausblieben, kam der Bankrott … So ist es öfter mal, wenn engagierte Menschen etwas Sinnvolles schaffen wollen – sie vergessen die Finanzierung. (Hatte ich das nicht eben schon gesagt? Ach so, nur so ähnlich.) Jim Baker jedoch machte es nach dem Ende von „magnus“ wie jede gute Prinzessin: Aufstehen, Krönchen zurechtrücken, neu anfangen. Und zusammen mit Ilona (Jims Prinz?) gründete er vor genau 20 Jahren das, was den Anlass für diese heitere Rückbesinnung bietet: Deutschlands ersten schwul-lesbischen Verlag. Ich wurde bald ein Teil des Querverlag-Universums. Der zweite Baby-Neumann-Band erschien dort im Jahr 1996 unter dem Titel „Ganz was anderes!“ Ich berichtete in diesem Buch auch von meinen Abenteuern in den USA, unter anderem gab es ein Kapitel namens „So ist das eben in New York“. Wenn sich das nicht für eine TV-Serie angeboten hätte: Kolumne! In New York! Sex kommt auch vor! (Ach, ich glaube, ich wiederhole mich …) 2005 kam schließlich ein drittes Baby-Buch heraus, ein dicker fetter Sammelband, der „alles, aber wirklich alles von Baby Neumann“ enthielt, wie das Cover es ganz subtil in die Welt schrie. „Nicht zu fassen“ enthielt alle Storys, auch die aus vier Querverlag-Anthologien über Gay Olympics, Heimat, Reisen und schlechten Sex. (Ja, das sind die Themen, zu denen das schwule Publikum sich Anthologien wünscht. Ist wohl so. Don’t ask.) Außerdem bot das Buch neue Baby-Storys und, mehr als 15 Jahre nach Erscheinen der ersten Kolumne, jede Menge Fußnoten, um der neuen Lesergeneration vielleicht nicht bekannte Personen und Themen der neunziger Jahre zu erklären. FullSizeRender Heute, weitere zehn Jahre später, wundere ich mich beim Reinlesen in die alten Geschichten selbst über die Sitten und Gepflogenheiten der frühen schwulen Nineties. Sehr, sehr lange her kommt es einem vor. Als lese man Charles Dickens. Oder „Herr der Ringe“. Immerhin gab es schon elektrisches Licht – und keine Orks, abgesehen von ein paar konservativen Politikern. Und David Hasselhoff. Aber man stelle sich das vor: Eine Welt ohne Handy? Ohne Internet? Ohne Online-Porn? Ohne Grindr? Ohne „Queer as Folk“ und „Glee“ und „Looking“? Ohne Homo-Ehe? Ohne Kim Kardashian? Ohne Klaus Wowereit? Ohne einen schwulen Apple-Chef? Aber dafür eine Welt mit Telefonzellen, Safer-Sex-Partys, Kylie Minogue, Take That und „Melrose Place“. Mit peinlichen Kontaktanzeigen in übel beleumundeten Magazinen („Jeansboy, 55 Jahre jung, sucht Kameraden zur Freizeitgestaltung. Alles kann, nichts muß.“). Eine Welt, in der man Pornos auf Kassetten im Videothek-Hinterzimmer auslieh. In der ein Kuss zwischen Männern in der „Lindenstraße“ zum Skandal führte. In der Jean-Claude Van Damme noch sexy und Hape Kerkeling noch nicht out war (Glaubt man’s?). Eine Welt, in der es „Sex and the City“ im Fernsehen noch nicht gab. Aber dafür Baby Neumann im Querverlag. Und darauf bin ich bis heute sehr stolz. Carrie Bradshaw hin oder her. Ich bin und bleibe das Original, auch ohne TV-Serie. Und das verdanke ich euch, Jim und Ilona. Baby sagt Danke!

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Baby Neunmann gilt als legendärer Erforscher und Chronist des schwulen Alltags. Er dokumentierte seine Erleb- und Erkenntnisse in drei Büchern sowie in Beiträgen in zahlreichen Anthologien. 

Link
Autorenseite des Querverlags

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