Mit 20 haben wir noch Träume

von Inge Lütt //

Als ich 20 wurde, hatte ich ausgesprochen Mangel an Malheur. Ich muss sagen, wenn die Männer von dir glauben, dass du garantiert lesbisch bist, und die Frauen ebenso sicher vom Gegenteil überzeugt sind, bleiben die Marktchancen, nun, sagen wir: etwas eingeschränkt.

Als ich 20 wurde, verliebte ich mich in eine, die schräg vor mir in der Vorlesung saß. Nie hätte ich zugegeben, dass ich mich zwar im Hörsaal geirrt hatte, aber nicht bei ihr. Bis zu den Ferien kam ich gelegentlich und ganz zufällig dort vorbei. Sie blieb verschwunden. Hatte sie sich auch nur verlaufen?

Als ich 20 wurde, kaufte ich mit heißem Herzen und roten Ohren in London mein erstes Buch von Pat Califia und hoffte prompt, dass mich umgehend eine geheimnisvolle Frau aus der U-Bahn hinauslieben würde. Pat ist längst Patrick. Aber ich lese immer noch gerne, auch in der Bahn.

Als ich 20 wurde, war das vor 35 Jahren. Jetzt wird der Querverlag 20. Wie mag es ihm ergehen, wenn er die 55 erreicht? Ob Jim dann manchmal noch ins Büro kommt und leise lächelt, wenn sein Nachfolger im Archiv ein leicht beschädigtes Schantall-Plakat entdeckt? Nimmt Ilona, wenn sie die Redaktionspressekonferenz besucht, ihren müde gewordenen Hunden zuliebe doch endlich den für Geschäftsräume dann längst gesetzlich vorgeschriebenen Aufzug? Moment mal. Wie alt werden die beiden dann … nein. Besser nicht nachrechnen. Bleiben wir beim Heute. Der Querverlag wird 20.

Der Querverlag wird 20 und noch kaufen viele im Buchhandel ihres Vertrauens ein ohne sich dabei zu schämen. Dennoch muss Hamburgs erster schwuler Buchladen nach 33 Jahren schließen. Aber immerhin bleibt die Hoffnung, dass Berlins neuer Flughafen dereinst einmal eröffnet wird.

Der Querverlag wird 20 und ich bin schon wieder heftig verliebt, aber nicht mehr in eine Autorin, von der ich keine Ahnung habe, was und wie sie ist. Nicht mehr in eine, der meinen Zustand zu gestehen ich nie wagen würde. Oder dass es nicht schon wieder ist, sondern immer noch.

Rainbow-SUI

Foto (c) Marc Lippuner

Der Querverlag wird 20 und der Megabestseller „50 Shades of Regenbogen“ lässt weiter auf sich warten. Aber wenigstens werden weiterhin BuchhändlerInnen ausgebildet. Also alles Gute, Querverlag – auf die nächsten Jahrzehnte hoffnungslosen Optimismus!

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Inge Lütt, Jahrgang 1959, in Köln geboren mit entsprechenden Konsequenzen. Sie lebt in der Schweiz, wo sie Luxus verkauft. Bereits als Kind fiel sie in die Buchstabensuppe, ihren ersten literarisch gemeinten Text, Die Morgendiebin, veröffentlichte der Querverlag 2004 in der Anthologie Sappho küsst die Sterne. Eine Bratsche geht flöten, 2013 im Querverlag erschienen, ist Inge Lütts erster Krimi. 

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