Wie der erste Kuss

von Volker Surmann //

Pressefoto Volker SurmannMit dem ersten Lektor ist es wie mit dem ersten Kuss. Du vergisst ihn nie.
Ich überlege, ob so ein Aphorismus reicht als Beitrag zu diesem Jubiläumsblog, den ich leichtfertigerweise zugesagt habe. Soll ich einmal mehr Jim Bakers Qualitäten als akribischer Lektor würdigen? Seinen spitzen Bleistift, seine „guck“-Allergie, sein profundes Grammatikwissen als Eigentlichnichtmuttersprachler, das mich (einen promovierten Linguisten) jedes Mal beschämte? – Nein, derlei Dinge haben meine Vorblogger ausreichend gewürdigt, nachher steigt das dem Kerl noch zu Kopf.
Mit dem ersten Lektor ist es wie mit dem ersten Kuss. Du vergisst ihn nie.
Belassen wir es dabei. Der Satz ist so schön, dass man ihn getrost zweimal bringen darf.
Ich will diesen Blogbeitrag schon so einreichen, als mich tags darauf eine E-Mail meiner Randomhouse-Lektorin erreicht, die gerade meinen dritten Roman redigiert. (Ja, von Querverlag zu Randomhouse, so tief kann man kann es kommen. Dass der Roman dort mit Abstand das „Schwulste“ ist, was ich je geschrieben habe, ist ein Kuriosum am Rande.)
Mein offenes Ende gefalle ihr nicht, schreibt meine Lektorin, und ich schreibe zurück: „Oh, das sehe ich anders. Mein erster Verleger hat mir mal mit auf den Weg gegeben: Enden können offen sein, aber man möchte als Leser mit dem Gefühl aus einem Roman rausgehen, dass es den Figuren gutgeht. Und genau so habe ich es hier gehalten.“
Ich schicke die Mail ab und stutze. Denke nach und stutze noch mal. Langsam geht mir auf, wie oft ich Sätze dieser Art in den letzten Jahren gesagt oder geschrieben habe: „Ich hab das so gelernt …“, „Mein erster Lektor hat …“ Schau einer an. Dein erster Lektor verfolgt dich ein Leben lang. Und Jim Baker wirkt: Meine Lektorin kann ich mit seinem Argument überzeugen. So wie er mich damals überzeugt hat, das Ende meines Debütromans noch etwas zu ändern. „Du musst wissen, ‚Ende‘ kommt von ‚Ändern‘“, hat Jim Baker damals gesagt.
Nein, das ist geflunkert. Aber der Satz könnte durchaus von Jim stammen. (Jim, du darfst ihn gerne haben, ich schenke ihn dir – zum Verlagsgeburtstag.)
Nun ergab es sich, dass ich im Jahr 2011 selbst einen Verlag übernommen habe. Dazu kam ich wie die Jungfrau zum Kind, und in meiner verlegerischen Ahnungslosigkeit habe ich alle Verfahrensabläufe und Lektoratsroutinen einfach so übernommen, wie ich sie ein Jahr zuvor als Autor beim Querverlag kennengelernt hatte.
Ich strich jedes „guckte“ aus den Manuskripten meiner Autoren (außer in wörtlicher Rede), diskutierte offene Enden, und schickte meinen Autoren neben den Druckfahnen brav den Ausdruck des Korrekturlesers mit, damit sie nachvollziehen konnten, was in diesem letzten Durchgang noch verändert wurde.
Ich hab diese Verfahrensweisen kopiert, weil ich dachte, das gehört sich so, das macht man so als Verleger. Meine Autorinnen und Autoren erkannten das an, manche wunderten sich, und wenn sie sich wunderten, sagte ich im Brustton der Überzeugung: „Das macht man so, so hab ich das gelernt.“
Erst nach und nach dämmerte mir, dass ich in Punkto Transparenz und Autorenservice einen außergewöhnlich guten Lehrmeister hatte, den ich dazu in meiner ersten Zeit als Frischverleger gerne auch das ein oder andere Mal um Rat fragte und fragen durfte. („Frischverleger“ ist übrigens ein Wort, das mir Jim sofort aus dem Manuskript gestrichen hat: „Ich hab das im Duden nachgeschlagen, das steht da nicht drin.“ Aber ich verwende es trotzdem in einer Art teenagermäßigem Emanzipationstrotz.)
Heute bekomme ich als Autor Druckfahnen zugeschickt, in denen der Setzer auf jeder zehnten Seite verlangt, den Text passend zu kürzen, damit der Schriftsatz hinhaut. „Willkommen im Großverlag“, schrieb mir ein Großverlag einmal dazu. Als Kleinverleger macht man so was nicht. Das habe ich tatsächlich von Jim Baker gelernt: Das einzige Pfund, mit dem man als Kleinverlag wuchern kann, ist die Betreuung der Autorinnen und Autoren.
„Mein erster Lektor hat damals gesagt…“, weisheite ich nach wie vor meinen Autorinnen und Autoren gegenüber herum, wenn ich lebensklug und erfahren klingen will. Ich weiß nicht, ob Jim Baker sich in dieser Rolle als „Gandalf der Kleinverlage gefiele (ich befürchte: ja – und weiße Haare hat er schon, nur an der Bartlänge müssten wir noch arbeiten), aber ein bisschen ist er das für mich; mein verlegerischer Werthers-Echte-Opa („Ich weiß noch ganz genau, wie mir das erste mal ein ,guckte‘ gestrichen wurde…“), mein Meister Joda der schwulen Literatur („Erster Verleger damals hat gesagt…“), aber bevor ich mich in weiteren Vergleichen verstricke, die Jim unangenehm werden könnten, komme ich lieber zum Schluss; denn man will ja, dass es den Protagonisten am Ende gut geht.
Außerdem muss ich noch einer ganz anderen Frage nachsinnen: Mit wem hatte ich eigentlich meinen ersten Kuss …?

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Volker Surmann ist Autor, Satiriker und Exil-Ostwestfale in Ostberlin. Er stand zwanzig Jahre als Kabarettist und Comedian auf der Bühne und ist nach wie vor einer der Hausautoren des Berliner Kabaretts „Die Stachelschweine“. Er schrieb für diverse TV-Comedyformate (z.B. „Mensch Markus“, „Was guckst Du?“) und rechnete in seinem ersten Roman „Die Schwerelosigkeit der Flusspferde“ (Querverlag, 2010) mit dem Comedybusiness ab. 2012 erschien seine Geschichtensammlung „Lieber Bauernsohn als Lehrerkind“, 2014 sein zweiter Roman „Extremely Cold Water“. Er schreibt Beiträge für das Satiremagazin „Titanic“, Kolumnen für das queere Hauptstadtmagazin „Siegessäule“ und betreibt seit 2011 den Berliner Satyr Verlag für Humor und Satire. Seit 2003 liest er jeden Donnerstag bei der Berliner Vorlesebühne „Brauseboys“ und tritt regelmäßig bei Poetry Slams in ganz Deutschland auf.

Links
Website
Autorenseite vom Querverlag

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