Schlag die Kuh und lies ein Querbuch!

von Dennis Lorenz //

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Foto (c) Stephan Hillmann

Ich trinke Wein und esse Schokolade, um mir Mut zu machen für diesen Beitrag. Als hätte ich gar nichts gelernt aus dem Buch, das ich während meiner Praktikumszeit im Querverlag entdecken durfte: Schmeckt wie Urlaub und macht nicht dick von Andreas Bertram. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gerade in einem wundervollen Urlaub war und dort so oft „die Kuh geschlagen“ habe, wie es ging. Jetzt tröste ich mich eben mit meinen Lieblingsdickmachern. Was hat das mit „Kühe schlagen“ zu tun und warum soll man diesen armen Tieren überhaupt Gewalt antun, mögen sich manche fragen. So ging es wahrscheinlich auch Jim, als er Andreas’ ursprünglichen Buchtitel ablehnte. Und der Autor rätselt immer noch, warum Kühe und schwule Buchtitel nicht zusammenpassen.

Schwule lesen wenig schwule Bücher, meinte Jim einmal. Als ich 2011 Praktikant im Querverlag wurde, passte ich gut zu dieser Erkenntnis: Ich hatte noch nie ein Querbuch gelesen. Das lag nicht daran, dass ich wenig lese. Von schwuler Lektüre erwartete ich nicht viel: das übliche Drama um das Coming-out, den Kampf um Akzeptanz oder das Sterben an Aids. Alles wichtige Themen, aber ich wollte mich nicht ständig mit meiner sexuellen Orientierung beschäftigen, sondern einfach mein Leben leben. Dass es Projekte wie der Querverlag waren, die mir den Weg dafür bereitet hatten, begriff ich erst später.

Ausgerechnet die schwulen „blauen Seiten“ brachten mich in Kontakt mit einer Frau aus dem Querverlag: Ich chattete mit einem netten Kerl, der zufällig Corinna Waffender von der Arbeit kannte. Sie war damals auch Lektorin und Autorin für die Reihe quer criminal. Ich und Krimis? Ich hatte ja noch nicht mal einen Tatort gesehen… Corinna ermunterte mich dazu, Jim einfach mal anzurufen. Ich erwartete ein quirliges Verlagsbüro, in dem PR-Huschen wahlweise für Panik oder Partystimmung sorgen und belesene Lesben zusammen mit strunzintellektuellen Schwulen die Fäden ziehen. Aber ich war ganz froh, als ich Jim allein vorfand und er mir ganz entspannt eine Tasse Tee anbot. Und ich war verblüfft, dass ein Verlag zum Großteil mit Hilfe vieler freiwilliger Lektor_innen, Korrekturleser_innen und Unterstützer_innen funktioniert. Der Querverlag gehörte damals teilweise zur Edition Salzgeber und residierte auch in deren Räumlichkeiten. Das Großraumbüro hatte zur Folge, dass ich an manchem Morgen so mit dem Grüßen beschäftigt war, dass ich vergaß, die Glastür zum Querverlag zu öffnen, bevor ich hindurchging.

Ich kam trotz kleiner Blessuren gern zur Arbeit, auch weil ich so nah an den Büchern arbeiten durfte. Der Anfang mit den Krimis fiel mir erst gar nicht so leicht. Ich sollte „Aus Angst“ von Jan Stressenreuter Korrektur lesen und träumte nächtelang von haarsträubenden Ermittlungspannen und wilden Verfolgungsjagden. Zum Glück wurde das besser, je mehr Manuskripte ich in die Hand nahm. Neben traurigen schwul-veganen Emo-Vampiren war mir die schöne Entdeckung von „Schlag die Kuh“ vergönnt: eine schwule Klamotte mit dem sympathisch alltäglichen Helden Andy, der sich immer wieder in herrlich schräge Verwicklungen hineinziehen lässt. Die üblichen schwulen Klischees werden hier kräftig durch den Kakao gezogen. Ich durfte zum ersten Mal lektorieren, und immerhin blieb der ursprüngliche Titel als Kapitelüberschrift erhalten.

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Foto (c) Stephan Hillmann

Aber was bedeutet „Schlag die Kuh“ eigentlich? So genau habe ich das auch noch nicht kapiert. Andys bester Freund Nils würfelt ja ständig Redensarten und Sprichwörter zusammen und rät ihm dringend: „Du musst die Kuh schlagen, so oft es geht“. Möglicherweise will er Andy dazu ermuntern, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und den kernigen Bullen (Gender!), der ihn umgarnt, endlich flachzulegen.

In den Büchern, die in meiner Praktikantenzeit entstanden, ging es aber nicht nur um Crime und Geschlechtsverkehr. Beispielsweise suchte Rainer Hörmann für seine neuerliche Betrachtung zum Zustand der Schwulen Welt noch Interviewpartner. Dazu fiel mir ein junger Mann ein, der sich schon als Teenager beim manCheck engagiert hatte und Mitglied in der CDU war. Gerade diesen – vermeintlichen – Zwiespalt fand ich interessant und freute mich, als das Interview es ins Buch schaffte. Langsam erkannte ich, dass ich mit der Arbeit im Querverlag die Gelegenheit hatte, „die Kuh zu schlagen“ und auch einen Beitrag zu leisten.

Der Wunsch, mich mehr zu engagieren, – dieses zarte Pflänzchen – wurde bald von größeren Tieren belauert. Heute arbeite ich in der manchmal manischen „Wirklichkeit“ des Online-Marketings („verlink mich, oder ich fress’ dich“). Umso dankbarer bin ich für die Abwechslung und Herausforderung, die Jim mir gelegentlich mit Korrekturlesen oder Lektorat für den Querverlag beschert. Vielleicht auch eine Art Engagement? Zumindest sind es schöne Anlässe, um Jim mal wieder auf ein Bier zu treffen.

Prost Querverlag! Danke für 20 Jahre quere Literatur! Auf die nächsten 20 Jahre!

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Dennis Lorenz, Jahrgang 1980, wanderte nach dem Abitur aus der ostbrandenburgischen Provinz nach Berlin aus und studierte unter anderem Linguistik und Publizistik. Im Sommer und Herbst 2011 genoss er ein Praktikum im Querverlag. Es folgte ein Praktikum bei einer Online-Marketing-Agentur mit dem Schwerpunkt Suchmaschinenoptimierung, wo er heute als Redakteur und stellvertretender Teamleiter arbeitet.

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Eine Antwort zu “Schlag die Kuh und lies ein Querbuch!

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