Wie ich zu den Held_innen kam

von Ariane Rüdiger //

Seit mehreren Jahren läuft nun auf der Eingangsseite des Querverlags die Interviewserie „Alltägliche HeldInnen“. Sie porträtiert Menschen aller Geschlechter, die sich intensiv und meist auch langjährig auf unterschiedliche Weise für die Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Inter-Menschen sowie solchen, die sich derartigen Festlegungen entziehen möchten, einsetzen oder eingesetzt haben. Gleichzeitig sprechen diese Menschen auch darüber, wie sie sich die Rolle der oben genannten Minderheiten in dieser Gesellschaft in Zukunft vorstellen.

Wie bin ich auf dieses inzwischen recht umfangreiche Vorhaben gekommen? Eigentlich fing die Geschichte der Serie auf Sizilien an. Dorthin war ich beordert worden, um die Einweihung einer (inzwischen wahrscheinlich wegen Krise wieder stillgelegten) Solarfabrik inmitten eines gottverlassenen, wüstenartigen Industriegebiets feierlich zu begehen. Nachdem wir viele Kilometer ziellos an einem Zaun entlanggefahren waren, dessen Durchlass wir schließlich doch noch fanden, stundenlang in praller Sonne gestanden hatten und zu guter Letzt besichtigungshalber durch die Anlage getrieben worden waren, ging es wieder zurück in die Stadt, und dort gab es ein Abendessen in einem Restaurant am Hafen.

Zufällig saß ich der PR-Managerin des einladenden Unternehmens gegenüber, die die anwesenden Journalisten nach ihren Hobbys fragte. Ich erzählte was von Bücher-Schreiben und Vereinsarbeit, worauf man wissen wollte, welche Art von Büchern und Vereinen. Mit Werken über Solartechnik konnte ich nicht dienen. „Unterhaltungsromane für die lesbisch-schwule Szene und ein lesbisch-schwuler Geschichtsverein“, sagte ich, und dann war es erst mal still. Schließlich murmelte die PR-Dame: „Euch sollte man allen einen Orden verleihen.“ Das fand ich ziemlich erstaunlich.

Es stellte sich heraus, dass der Bruder der PR-Dame aus konservativer Familie in den siebziger Jahren den Wehrdienst verweigert hatte und daraufhin viel Ärger in der Familie hatte. Das, so sagte meine Gesprächspartnerin, sei ja allen so gegangen, die in den vergangenen Jahrzehnten dazu beigetragen hätten, den Mief der fünfziger Jahre endlich halbwegs wegzupusten, und deshalb der Orden. Nun habe ich mich persönlich niemals so sehr angestrengt, dass ich glaube, dafür einen Orden zu verdienen. Da gibt es tatsächlich andere, viele andere, die ihr ganzes Leben oder große Teile davon in den Dienst der Bewegung gestellt haben und stellen.

Irgendwann später las ich ein Buch, in dem Leute aus aller Welt gefragt wurden, welche Rolle Deutschland in der Welt spielen könnte. Die Befragten kamen wirklich aus allen fünf Kontinenten, und die Antworten waren sehr spannend. Übertragen auf die oben genannten Minderheiten ist das die Frage, welche Rolle wir in der Welt und hierzulande spielen können oder wollen.

Und damit wären wir auch gleich bei Punkt drei: Der Tatsache nämlich, dass es gelungen ist, durch die erheblichen Anstrengungen von Gruppen und Einzelnen sowie das Einsehen der Gerichte viele Ungerechtigkeiten uns gegenüber zumindest auf dem Papier zu beseitigen. Jetzt ist sogar das Thema „Ehe“ wieder auf dem Tisch (mag man/frau davon halten, was er/sie/es will). Das Internet erspart es vielen, zur Kontaktsuche noch vor die Tür zu gehen. Unter den LGBTIQs, so scheint es mir manchmal, macht sich saturierte Müdigkeit breit, Kneipen schließen, Vereinen fehlt der Nachwuchs. Was also wird aus der Szene? Brauchen wir sie noch? Und wenn ja wie, wo und getragen von wem?

Das alles verwob sich plötzlich zu der Idee der Interviews. Und schon ging es los. An Menschen, die dafür in Frage kamen, mangelte es wirklich nicht. Manche konnte ich nicht für das Projekt gewinnen: aus Überarbeitung, aus dem Gefühl heraus, ohnehin schon oft genug um die eigene Meinung gefragt zu werden. Ein Interview führte ich durch, aber dann sah sich die Interviewpartnerin ein ganzes Jahr lang nicht im Stande, das Gespräch durchzulesen und Irrtümer oder Fehler zu berichtigen, worauf ich es aufgab, dieses Interview zu veröffentlichen. Ein Interviewpartner zweifelte plötzlich am Sinn des Ganzen und stieg aus. Doch das waren seltene Einzelfälle. Die meisten hatten wie ich Spaß an den ausführlichen telefonischen oder persönlichen Gesprächen, die zwischen einer und drei Stunden dauerten. Ich lernte viel darüber, was Einzelne bewegen können und was Bewegung vermocht hat, bekam Einblick in faszinierende, engagierte und intensive Leben, hörte aber auch manche Kritik an aktuellen Entwicklungen, und für all das bin ich dankbar, weil es mich bereichert hat. Inzwischen ist eine stattliche Menge an Porträts zusammengekommen. Und bald steht an, sie in Buchform zu veröffentlichen. Denn digital ist schön, Print aber für etwas, das möglichst dauerhaft sein soll, noch viel schöner. Mal sehen, was sich daraus entwickelt. Vielleicht viele spannende Diskussionen. Dann wäre das wichtigste Ziel bereits erreicht: dass wir miteinander reden. Über uns, über die Welt und was wir dazu beitragen können.

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Ariane Rüdiger, geboren 1958, absolvierte viele Ausbildungen, z.B. als Beinahe-Juristin, Dolmetscherin, Journalistin, Umweltberaterin und Webdesignerin, ehe sie Belletristik zu schreiben begann. Sie lebt in München, wo sie auch als freiberufliche Fachjournalistin für Informationstechnik arbeitet.

Link
Autorinnenseite des Querverlags
Website des Redaktionsbüros Rüdiger
Linkliste zu den Interviews auf der Website des Querverlags

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