Von der ersten Idee an

Als der Querverlag vor 20 Jahren gegründet wurde, hatte man im Berliner Buchladen Eisenherz schon zwei Jahrzehnte Erfahrungen auf dem schwulen Buchmarkt gesammelt. Roland Müller-Flashar hat mit seinem Buchladenteam die Gründung des Querverlages gewissermaßen von der ersten Idee an begleitet.

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Fotos: Website der Buchhandlung Eisenherz

Mal ehrlich, habt ihr diesem Unternehmen damals eine ernsthafte Chance gegeben?

Aber selbstverständlich! Die Idee war damals ganz sicherlich revolutionär, auch weil Schwule und Lesben so lange separate Wege gegangen waren. Einen explizit schwul-lesbischen Verlag zu gründen, war einfach eine großartige Antwort auf diese überholten Strukturen und ein tolles Experiment. Das wollten wir auf jeden Fall unterstützen.

Damals allerdings hieß euer Laden noch „Prinz Eisenherz“ und war rein schwules Unternehmen.

Auch bei uns mussten erst bestimmte Denkprozesse stattfinden, bis wir dann ganz konsequent nicht nur das Sortiment erweitert, sondern auch die Belegschaft paritätisch mit Kolleginnen besetzt haben.

Ihr habt viele Tausend Titel in den Regalen stehen: schwule, lesbische und queere Titel aus vielen hundert verschiedenen Verlagen. Der Querverlag ist da einer von vielen.

Der Querverlag hat in unserem Sortiment schon allein deshalb eine herausgehobene Stellung, weil er schwul-lesbisch ist und damit einfach alle Veröffentlichungen für uns relevant sind. Ich freue mich immer sehr auf die Verlagsankündigungen und schaue gierig darauf, was da jeweils Neues auf uns zukommt.

Und gibt es da auch mal Enttäuschungen?

Manchmal bleibt die spontane Euphorie erst einmal aus, weil man die Titel nicht sofort einschätzen kann, zum Beispiel bei neuen, unbekannten Autorinnen und Autoren. Generell aber sind die Bücher des Verlages immer sehr spannend und für uns als Laden auch sehr wichtig.

Auch für die Kundinnen und Kunden?

Ja, denn der Verlag pflegt ja auch seine Autorinnen und Autoren. Manche veröffentlichen ja bereits seit Verlagsgründung im Querverlag und haben eine entsprechen große Gefolgschaft. Ich denke da nur an Karen-Susan Fessel oder Jan Stressenreuter. Und nicht nur der Verlag pflegt die Autoren, sondern auch wir. Das zeigt sich daran, dass viele von ihnen ihre Buchpremieren regelmäßig bei „Eisenherz“ feiern.

Das macht uns auch immer wieder großen Spaß. Diese Kontinuität ist uns auch sehr wichtig. Und wenn die Bücher gut sind, und das steht außer Frage, dann finde ich es durchaus erstrebenswert, dass wir die Autorinnen und Autoren auch zu Lesungen bei uns einladen – und natürlich auch ihre Bücher an den Mann und an die Frau bringen.

Sind über die Jahre durch diese engen und regelmäßigen Besuche der Autorinnen und Autoren Rituale und Gewohnheiten entstanden?

Es hat sich daraus in der Tat eine sehr angenehme, aber keineswegs langweilige Routine entwickelt. Die Autorinnen und Autoren wissen bereits, wo sie ihren Mantel aufhängen können, wie alles aufgebaut ist, wo und wie sie sitzen sollen. Man fühlt sich also bereits ein wenig zuhause bei uns.

Aber auch für mich als Buchhändler bereiten diese Veranstaltungen ein schönes Gefühl, denn bei jeder Lesung fallen mir dann immer auch wieder alle anderen ein, bei denen die jeweiligen Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu Gast waren. Und man darf es ja durchaus auch als Kompliment verstehen, wenn diese sich immer wieder unseren Buchladen auswählen, um ihre Bücher vorzustellen. Im Lauf der Jahre hat sich aber auch ein Ritual entwickelt, von dem die Besucher und Autoren eigentlich nie etwas mitbekommen.

Und das wir natürlich wissen wollen!

Sobald die Lesung angefangen hat, ziehen sich der Verleger und mein Kollege Franz ganz diskret zu einem Plausch ins Büro zurück, wo sie zuvor bereits eine Flasche Rotwein bereitgestellt haben.

In den 20 Jahren seit Gründung sind über 200 Titel im Querverlag erschienen. Sind da auch welche darunter, die aus Sicht des Buchhändlers eben nur dort überhaupt erscheinen konnten oder für dich ein ganz typisches Querverlagsbuch sind?

Es gibt eine ganze Reihe von Sachbüchern, die ich keinem anderen Verlag zugetraut hätte. Ich erinnere da nur an das Filmlexikon „Out im Kino“, das großartige Geschichtsbuch für Lesben „In Bewegung bleiben“ oder die Einführung in die Queer Theory. Da ist so viel Wissen zwischen den Buchdeckeln verpackt! Das sind richtige kleine Juwelen, über die ich sehr froh war, als sie damals erschienen sind. Das sind für mich richtige Querverlagsbücher, ohne die die Buchlandschaft sehr viel ärmer wäre.

Ihr bekommt ja schon Bücher zu Gesicht, bevor sie Bücher sind, nämlich wenn sie erst noch als Idee oder Manuskript vorliegen. Jim Baker und Ilona Bubeck bitten euch regelmäßig um eure buchhändlerische Expertise, wenn sie sich bei bestimmten Buchprojekten noch unsicher sind. Fühlt ihr euch da in der Mitverantwortung, dass ein Titel kein Flop wird, wenn ihr zuvor „Daumen hoch“ für dessen Erscheinen gegeben habt?

Wir sind ja mindestens zu zweit, wenn wir unsere Einschätzungen zu solchen Büchern abgeben, und haben unterschiedliche Meinungen. Grundsätzlich aber ist es schon so, dass wir Bücher, die wir lieben, selbstverständlich im Laden auch pushen – ganz gleich in welchem Verlag sie erschienen sind. Die Frage ist natürlich, ob das in anderen Buchhandlungen genauso passiert.

Es ist immer sehr interessant, wenn wir uns mit unseren Kollegen von anderen Buchläden darüber austauchen, was wo gut läuft oder auch nicht. Da gibt es bisweilen deutliche Diskrepanzen. Denn nicht nur die Kunden haben unterschiedliche Geschmäcker, sondern auch die Buchhändlerinnen und Buchhändler.

Und dein persönliches Buchhändler-Lieblingsbuch aus dem Querverlag?

„Nicht zu fassen!“ von Baby Neumann. Das ist einfach zeitlos und kann man auch an Leute verschenken, bei denen man nicht so genau weiß, welche Art von Literatur ihnen gefällt. Bei Baby Neumann haben eigentlich alle ihr Lesevergnügen.

Die Fragen stellte Axel Schock.

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