Ilonas Verzweiflung

von Jan Stressenreuter //

Von Ilona Bubeck, Mitbegründerin des Querverlags, habe ich unfreiwillig eine Lektion darüber gelernt, wie man ein Buch (nicht) präsentiert.

Bis vor einigen Jahren war es üblich, das neue Programm des Verlags in den Verlagsräumen vorzustellen und zu feiern. Dazu wurden alle Autoren, einige Journalisten und alle Freunde und Mitarbeiter des Querverlags eingeladen. Es gab Schnittchen, Kaffee und Sekt und man unterhielt sich. Eine nette, ungezwungene Atmosphäre. Nebenbei wurden in loser Reihenfolge die neuen Titel des Frühjahrs- bzw. des Herbstprogramms präsentiert; Jim oder Ilona sagten ein paar Worte, und dann durfte der Autor/die Autorin eine kurze Passage aus seinem/ihrem neuen Buch vortragen. Im Frühjahr 2002 war auch ich dabei; soeben war mein erstes Buch Love to Love You, Baby erschienen, ein Roman über ein Coming-Out in den 70er Jahren, eine Liebesgeschichte. Natürlich war ich entsetzlich aufgeregt, lief ein wenig verloren zwischen diesen ganzen unbekannten Leuten herum und traute mich kaum, ein Gespräch mit Autoren wie Peter Hofmann oder Stephan Niederwieser anzufangen. Immerhin hatten die schon zwei oder sogar drei Romane veröffentlicht, wer war ich dagegen?

Irgendwann war dann ich an der Reihe, meinen Roman vorzustellen. Natürlich hatte ich keine Ahnung, welche Textstelle ich lesen sollte, auch Jims Rat im Vorfeld, das zu lesen, was mir wichtig war, erschien mir in Anbetracht der vorgegebenen kurzen Lesezeit von 10-15 Minuten nicht sehr hilfreich. Alles an meinem Roman war mir wichtig, jede einzelne Szene, jedes einzelne Wort! Aber da ich nun mal ein schwuler Autor war und bin und in einem schwullesbischen Verlag veröffentlichte, erschien es mir logisch, eine schwule Sexszene aus dem Roman vorzutragen. Mann, war das ein Fehler! Während ich also mit rotem Kopf vorlas, wie meine Hauptpersonen Sebastian und Tobias Sex hatten, schien der männliche Teil der Gäste noch einigermaßen gefesselt zu sein. Der weibliche dagegen hatte bestenfalls einen desinteressierten Blick aufgesetzt, im schlimmsten Fall angewiderte Mienen. Kein Wunder, denn welche Lesbe bekommt schon gerne detailreich etwas über schwulen Sex erzählt, inklusive erigierter Geschlechtsteile und den Austausch von Körperflüssigkeiten? Den Applaus, den ich für meinen Vortrag erhielt, konnte man dann auch nur höflich nennen. Am eindrucksvollsten für mich aber war Ilona, die im Türrahmen stand, sich buchstäblich die Haare raufte und in ihrer unnachahmlichen Art verzweifelt in den Raum hineinrief: „Es ist ein so wunderbares Buch, mit unglaublich viel Humor und Drama, voller liebenswerter Charaktere, das die siebziger Jahre förmlich vor den Augen des Lesers wiederauferstehen lässt …“ Aber ihre Worte verhallten ungehört; und ich bin nicht sicher, ob seitdem je eine lesbische Frau meinen Erstling in die Hand genommen hat.

Jan Stressenreuter, Jim Baker, Buchhandlung Eisenherz

Jan Stressenreuter und Jim Baker im März 2015 auf einer Lesung in der Berliner Buchhandlung Eisenherz. Und – wie man rechts im Bild erkennen kann – es gibt doch Frauen, die Jans ersten Roman in den Händen halten. Ob die Dame ihn jedoch gelesen hat, wissen wir leider nicht. Foto (c) Marc Lippuner

Trotzdem bin ich Ilona für diese Lektion sehr dankbar. Seit diesem Tag informiere ich mich vorher, zu welcher Art von Publikum ich lese und stimme den Text wenigstens in etwa darauf ab. Da weiterhin Jim meine Romane betreut, habe ich zu Ilona relativ wenig Kontakt. Aber ich weiß, dass sie wie Jim ein unverzichtbarer Teil des Querverlags ist. Nach wie vor lässt sie es sich auch nicht nehmen, meine Manuskripte zu lesen, was ich ausgesprochen schmeichelhaft finde. Und ich freue mich immer über ihre Kritik – auch wenn wir selten einer Meinung sind.

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Im März 2015 erschien auf diesem Blog als erster Autorenbeitrag ein Text von Jan Stressenreuter über Jim Baker.

Jan Stressenreuter wurde 1961 in Kassel geboren. Er studierte Anglistik und anglo-amerikanische Geschichte in Köln, wo er bis heute lebt. Seit 2002 ist er als freier Autor tätig. Im Querverlag sind seither neun Romane und zahlreiche Erzählungen in Anthologien erschienen. Weitere Texte sind bei Männerschwarm, Bruno Gmünder und im Konkursbuchverlag erschienen. Darüber hinaus veröffentlicht Stressenreuter Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften.

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