Die Freiheit der schreibenden Zunft

von Stephanie Gerlach //

Vor anderthalb Jahren: Eins noch? Soll ich wirklich noch ein Buch schreiben? Na gut. Aller guten Dinge sind drei. Zehn Jahre nach dem ersten, fünf Jahre nach dem zweiten – passt doch. Schnell wurden Co-Autorin Uli Streib-Brzič und ich uns einig: „Und was sagen die Kinder dazu? Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer und schwuler Eltern“ bekommt eine Fortsetzung, in der endlich auch Transfamilien vorkommen. Ist ja auch ein schönes Feedback, das uns unsere Leser_innen gegeben haben, als sie uns häufig fragten, was denn aus unseren Protagonist_innen geworden ist. Also haben wir nachgefragt bei unseren über 30 Held_innen und reisten que(e)r durch Deutschland, um zehn Jahre später einen Großteil der „alten“ und eine Handvoll neue Töchter und Söhne noch einmal zu besuchen. Spannende Sache. Uli hat ja bereits im März in ihrem Blogbeitrag sehr schön davon erzählt.

Eigentlich hatte und habe ich schon viele Berufe ausgeübt – Übersetzerin, Süßwarenverkäuferin, Sozialpädagogin, Trainerin in der Erwachsenenbildung, Homo-Aktivistin –, aber der Beruf der Autorin ist mir besonders ans Herz gewachsen. Warum? Es ist einfach wunderbar, ein fertiges Produkt in den Händen halten zu dürfen. Nach getaner Arbeit liegt das Ergebnis vor mir – fasst sich toll an, das Papier riecht ganz neu, das bunte Cover ein Eye-Catcher. Natürlich bin ich stolz auf „mein Produkt“. Bei der ersten Lesung bekommt mein Füller einen Ehrenplatz in der Tasche, denn ich liebe es, am Ende des Abends persönliche Widmungen in die von reizenden lesbischen Wannabe-Moms, wohl erzogenen schwulen Jungs oder schüchternen Transmännern erworbenen Bücher zu schreiben. Natürlich kaufen auch schneidige Lesben und herzliche Transfrauen oder schlecht erzogene Queers unsere Bücher – egal –, wir freuen uns, dass sich unsere Werke seit vielen Jahren einer stetigen Beliebtheit erfreuen.

Regenbogenfamilien

Foto (c) Ilona Bubeck

Manchmal, wenn ich in einer Bibliothek tatsächlich ein Exemplar von „Regenbogenfamilien – ein Handbuch“ sehe, dann hüpft mein Herz. Ganz kurz denke ich an die Zeit zurück, in der meine lesbische Karriere begann. Damals waren Handbücher dieser Art noch utopische Zukunftsmusik, mein erster CSD 1980 eine eher bedrückende Veranstaltung mit 30 Lesben und 120 Schwulen, die von altmodischen Polizeiautos eskortiert wurden. Wie weit wir gekommen sind in unserem Ringen um Würde und Selbstverständlichkeit, das wird mir in diesen Momenten klar. Ich kann über die Themen schreiben, die mir am Herzen liegen. Frei. Für diese Freiheit bin ich dankbar, sie ist alles andere als selbstverständlich.

Wenn jemand aus einer weit entfernten Stadt anruft, um mich zu einer Lesung einzuladen, dann fühle ich mich geehrt und freue mich auf eine meiner zahlreichen Dienstreisen – es ist immer wieder großartig, unterwegs zu sein. Nebenbei gesagt: Das Geldverdienen sollte anderweitig erledigt werden, aber da ist hier ja nicht das Thema.

Was ich nun aber besonders gerne am Beruf der Autorin beim Querverlag mag, das ist der Verleger: Lieber Jim, du verstehst es, mich mit humorvollen Sprachkünstlereien bei Laune zu halten. Du säuselst beruhigende Worte in mein Ohr, wenn ich die Quellenangaben vereinheitlichen soll, und versprichst mir einen Cocktail bei meinem nächsten Berlinbesuch, wohl wissend, dass dieser Besuch wohl noch in weiter Ferne liegt und wir uns dann meist zum Frühstück treffen! Den Cocktail werde ich jedoch heute Abend endlich trinken – auf 20 Jahre Querverlag und 20 Jahre tolle Bücher. Herzlichen Glückwunsch!

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Stephanie Gerlach ist Sozialpädagogin und lebt mit Frau und Tochter in München. Sie arbeitet als freiberufliche Referentin zu gleichgeschlechtlichen Lebensweisen und bietet seit 1998 ein von ihr entwickeltes Anti-Homophobie-Training an. Veröffentlichte diverse wissenschaftliche Beiträge zu lesbisch-schwuler Elternschaft.

Links
Website
Rainbow Familiy News – Ein Blog von Stephanie Gerlach

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