Es lebe Offenbach! (Mein schönstes Vorleserlebnis 2015 mit einem Buch des Querverlags)

von Lutz van Dijk //

Von den 20 bedeutsamen Jahren eurer wunderbaren Verlagsarbeit, liebe Ilona und lieber Jim, bin ich seit dem ersten Tag mit dem Herzen an eurer Seite und seit 13 Jahren (seit 2002) auch mit inzwischen fünf Büchern.
Obwohl ich in Berlin geboren bin, lebe und schreibe ich die meiste Zeit meines Lebens nun schon weit weg – Hamburg, Amsterdam, Kapstadt. Trotzdem kehre ich regelmäßig zu Lesereisen nach Deutschland (und Berlin!) zurück, meist zweimal im Jahr für einen Monat. Dabei auch immer mit Veranstaltungen aus unseren gemeinsamen Büchern.
In eurem Jubiläumsjahr gab es die größte Tour mit einem neuen Buch bei euch: „Endlich den Mut …“ – mein Briefwechsel mit dem Polen Stefan T. Kosinski, der mit 17 Jahren nach Paragraph 175 verurteilt wurde und mehrere Straflager nur knapp überlebte (wunderbar lektoriert – wieder – von Rainer Falk und grafisch gestaltet von Sergio Vitale!). Vor gut 25 Jahren entstand mit Stefan, als er bereits 65 war, das Jugendbuch “Verdammt starke Liebe”, das bei euch nun ebenfalls eine Neuauflage erlebte.
Diese Lesetour im Mai-Juni führte mich in vierzehn Städte mit gut 30 Veranstaltungen, darunter in Hamburg, Hannover, Düsseldorf, Bochum, Siegen, Frankfurt, Stuttgart, München, (natürlich) Berlin – und Offenbach!

Fraglos waren alle Lesungen auf ihre Weise besonders – vom Evangelischen Kirchentag in Stuttgart (wo zu einem Nachmittag über 800 Interessierte – zum Teil aus Versehen? – kamen), zum Magnus-Hirschfeld-Centrum in Hamburg (wo meherere Freunde erschienen, die vor über 20 Jahren auf einer Disko für Stefan Geld gesammelt – ertanzt – hatten) bis zum Schwulen Museum in Berlin (wo am Ende der schwule Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf eine lange Rede hielt).
Es gab viele bewegende Momente – zum Beispiel als in der Heinrich-Böll-Schule in Bochum in einer 12. Klasse sich ein kurdischer Junge bei dem Kapitel über Stefans Folterungen durch die Nazis meldete und der Klasse von seinem älteren Bruder berichtete, der an der Grenze zwischen der Türkei und Syrien von Fanatikern des „Islamischen Staates“ (IS) misshandelt worden war. Ab dann berieten alle darüber, wie wir eine Aktion seines Onkels in Bochum unterstützen können, der versuchte, mit anderen Container für Flüchtlinge an der Grenze zu organisieren. Der Junge ließ es sich nicht nehmen, mich danach zum Bahnhof zu fahren, um sich persönlich zu bedanken. Dabei hatte ich ihm zu danken!

Ein Erlebnis in Offenbach möchte ich deshalb besonders schildern, weil es sich nicht am Abend selbst offenbarte, sondern erst gut einen Monat später. Was nichts davon wegnehmen soll, dass der Abend in der Aula der Rudolf-Koch-Schule hervorragend vorbereitet war von Schülerinnen und Schülern, die vorab „Verdammt starke Liebe“ gelesen hatten, von engagierten Lehrerinnen und Lehrern sowie einer Schulleiterin, die schon ein Jahr vorher in einem Sponsorenlauf Geld für unser HOKISA-Kinderhaus in einer Township Kapstadts gesammelt hatten und auch beim Thema sexuelle Vielfalt sofort wieder dabei waren. Und schließlich, weil der Abend in Kooperation von Schule und örtlicher Aids-Hilfe, die zu Beginn ihre wichtige Arbeit vorstellte, perfekt mit Infos und Getränken vorbereitet worden war – und am Ende viermal so viel Gäste anzog wie die nahe Großstadt Frankfurt am Main am Abend zuvor.


Einen Monat nach der Lesung in Offenbach erreichte mich die folgende Mail:

Sehr geehrter Herr van Dijk!
Ich muss Ihnen einfach schreiben, weil Sie nicht ahnen können, was Ihr Abend in unserer Familie, aber zuerst bei mir und meinem Mann bewirkt hat. Wir sind nämlich nur durch ein Versehen zu Ihnen gekommen. Wir hatten auf der Einladung nur die Überschrift „Endlich den Mut …“ und Ihren Namen gelesen und erinnerten uns an die große Aktion der Schule unserer Kinder für Südafrika letztes Jahr. Da wollten wir gern mehr drüber erfahren.
Nun müssen Sie wissen, dass mein Mann (er ist Ingenieur) ausgesprochen homophob ist. Als dann allmählich zu mir durchdrang, dass es an dem Abend gar nicht um Südafrika, sondern um einen schwulen Mann im Dritten Reich ging, erfasste mich Panik. Dann sprachen Sie auch noch über Ihre eigene Homosexualität. Mein Herz klopfte, weil ich sicher war, dass mein Mann gleich aufstehen und etwas Unüberlegtes sagen würde.
Zu meiner Überraschung aber blieb er ruhig und hörte zu. Am Ende sagte er zu mir, dass ihn das Thema und Ihre Art, darüber zu reden, beeindruckt hätten.
Er hat dann kein Buch gekauft, aber ich. Und ich schreibe Ihnen, um Ihnen noch mal für den Abend zu danken.
Mit freundlichem Gruß …

Liebe Ilona, lieber Jim,
all so etwas können eure wunderbaren Bücher auslösen, bewegen und im besten Sinne quer-treiben. Macht bitte weiter mit dem Querverlag, sorgt rechtzeitig für „Nachwuchs“, auch wenn Ihr selbst natürlich ewig jung bleibt!
Alles Liebe von Kapstadt nach Berlin.

//

Lutz van Dijk, geboren in Berlin, nach einigen Jahren als Lehrer in Hamburg Zweitstudium der Geschichte u.a. in Israel, später Mitarbeiter der Anne Frank Stiftung in Amsterdam. Seit 2001 als Mitbegründer der Stiftung HOKISA für von AIDS betroffene Kinder und Jugendliche in Kapstadt. Seine Bücher für Erwachsene und Jugendliche wurden in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Jugendliteraturpreis von Namibia 1997 und dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2001. 2003 erhielt er für sein Engagement für die Rechte von Homosexuellen den Rosa Courage Preis von Gay in May, Osnabrück. 2009 wurde ihm die Poetik-Ehrenprofessur der Universität Oldenburg verliehen. Er lebt und arbeitet heute in Kapstadt und ist zwei Mal im Jahr zu Lesereisen in Europa.

Links
Website
Autorenseite des Querverlags

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