Warnhinweis

von Stephan Niederwieser //

Bildschirmfoto 2015-08-23 um 13.07.13

Vielleicht ist es ein wenig überzogen, das Obenstehende auf ein einziges Telefongespräch zurückzuführen, aber hey, wenn ein Schriftsteller die Wahrheit erzählen will, schreibt er am besten einen Roman.

Mein Geschreibsel Verlagen anzubieten tat ich aus einer Laune heraus. Ein schwuler Verlag sollte es sein. Der eine erklärte mir eine Stunde lang, wie schwer es schwule Verlage heutzutage (Ende der 90er) hätten. Der nächste empörte sich über meinen Anruf. Ich hätte alles schriftlich einzureichen, und dann würde ich schon sehen, ob man mir antworten würde. Der dritte riet mir aufgrund einer Leseprobe, mich doch lieber für einen ersthaften Beruf zu entscheiden (um die geringste der Beleidigungen hier aufzuführen). Und dann hatte ich Ilona am Telefon. Sie entschuldigte sich dafür, dass der Lektor (Jim Baker) im Moment gerade auf der Post sei, mich aber umgehend zurückrufen würde. Was er wenig später tatsächlich tat. Und weil ich nur am Wochenende nach Berlin reisen konnte, nahm er sich sogar an einem Samstag die Zeit, mich und meine Romanidee kennenzulernen.

Aus meinen zugegebenermaßen manchmal recht eigenwilligen Aneinanderreihungen von Buchstaben wurde nach einigem Hin und Her der 1998 nach Steinhöfels „Die Mitte der Welt“ best verkaufte deutschsprachige schwule Roman: „An einem Mittwoch im September“.

Persönlich halte ich ihn nicht für das Raffinierteste, was mir je aus der Feder geflossen ist, aber inhaltlich ist er näher an meiner eigenen Geschichte, als ich es damals auch nur ahnte. Das stellte ich erst 15 Jahre später fest (wenn man die Wahrheit erzählen will, schreibt man eben am besten einen Roman). Bald folgte eine zweite Auflage im Hardcover. Weitere Romane folgten. Der Piper Verlag brachte sie als Taschenbücher auf den Markt. Allein „Eine Wohnung mitten in der Stadt“ erzielte drei Auflagen.

IMG_1472

Unvergessen die Lesungen, durch die mich das Querteam (damals noch etwas größer) gecoacht hat. Wahrlich intim jene, zu denen gerade mal ein Fan kam. Überwältigend vor 600 Zuhörern in der Paulskirche zu lesen. Geschätzte hundertmal habe ich meine Fantasien mit aufmerksamen Zuhörern geteilt, insgesamt um die 2500 Menschen persönlich erreicht.

Meine Romane haben mir innige Freundschaften eingebracht. Mit Andreas (Bussl), mit Mario (du wirst mir immer fehlen) oder mit Richard (Ich schreibe an deinem Roman, Richard, versprochen!). Ohne meine Romane wäre vieles, was danach folgte, nicht denkbar: die Kurzgeschichten, auch für Verlage wie Droemer, Heyne und Goldmann, die Sexratgeber …

Ich halte es für überflüssig, darauf hinzuweisen, dass ich Ilona und Jim schriftstellerisch vieles verdanke. Wer meine Bücher gelesen hat, weiß das. Was aber die wenigsten wissen: Der Entschluss, von München nach Berlin zu ziehen, reifte unter einem Apfelbaum in Falkensee – in Ilonas Garten. Und als ich einige Wochen später zum ersten Mal Wohnungen in Berlin besichtigte, traf ich Jim morgens im Verlag. Zum Abschied sagte er noch, es sei jetzt ganz en vogue, auf der Roten Insel zu leben. Die kannte ich nicht. Görlitzer Park war mein Ziel, Friedrichshain, Mitte … Der Makler kurvte mich über Autobahnen und vorbei an Industriegebieten durch das ganze große Berlin, um mir die angesagtesten Wohnviertel zu zeigen. Ein Altbau hatte es mir angetan in einer unscheinbaren Ecke der Stadt. „Wo sind wir eigentlich?“, fragte ich den Makler. „Auf der Roten Insel“, antwortete er. Und so kommt es, dass ich seit über zehn Jahren in direkter Nachbarschaft des Querverlags wohne.

Wenn ich mir’s recht überlege, müsste man Jim und Ilona eigentlich mit einem Warnhinweis versehen: Vorsicht! Kontakt mit dem Querverlag kann Ihr Leben nachhaltig verändern.

//

Stephan Niederwieser, 1962 in Bayern geboren, lebt seit 2004 wieder in Berlin. Der gelernte Heilpraktiker schrieb Romane und Kurzgeschichten, Ratgeber über alternative Heilmethoden und Sexualität, er übersetzte aus dem Englischen und Schwedischen und schrieb zahlreiche Beiträge für verschiedene Zeitschriften. Heute bietet er wieder Psychotherapie in eigener Praxis an.

Links
Website 
Autorenwebsite
Autorenseite des Querverlags

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s