74 Stufen

von Christine Olderdissen //

„Querverlag“ stand eines Tages auf dem Klingelschild im ersten Stock vor der linken Wohnungstür. `Nachtigall, ick hör Dir trapsen´, dachte ich, während ich weiter die Treppe hochstieg, zu mir in den vierten. `Die meinen wohl „queer“ und trauen sich nicht´. Als ich vor Jahren in die Akazienstraße eingezogen war, klebte ein Schild mit „Kürschnerei“ an der Tür. Irgendwann habe ich mal geklingelt und dann gehört, wie zahllose Sicherheitsschlösser klickten und klackerten, bis eine Frau im Arbeitskittel öffnete. In den Räumen wurden wohl wertvolle Pelze gelagert. Lange Zeit war es in der Wohnung verdächtig still, bis da drin kräftig renoviert wurde und das neue Schild auftauchte.

74 Stufen trennen mich vom Querverlag, beim Treppensteigen bleibt Zeit zum Nachdenken. Das Wörtchen „queer“ kannte ich von einem längeren Aufenthalt in den USA. In Deutschland hatte es sich vor zwanzig Jahren noch nicht so richtig als Sammelbegriff für Lesben und Schwule herumgesprochen. Vor meiner Wohnungstür angekommen überlegte ich: Es gibt doch den Transit-Verlag und den Kreuz Verlag, warum also nicht auch Querverlag, irgendwas Intellektuelles, ambitionierte Leute, die sich dem Querdenken verschrieben hatten, was man halt so vermuten kann. Ich öffnete meine Wohnungstür und beschloss, die Sache zu beobachten.

Wenige Tage später traf ich eine kleine blonde Frau im Hausflur. Sie holte die Post aus dem Briefkasten des Querverlags. Ich fummelte an meinem Briefkasten und stellte mich vor als die Nachbarin aus dem Vierten: “Christine“ – „Ilona“ – „Hallo“. Hatte ich sie schon mal irgendwo gesehen? Ich konnte mich an Ilona nicht so recht erinnern. Die Lesbenszene in Berlin war schon immer sehr groß, oft überschneiden sich die Kreise nicht. Ich war mir nicht ganz sicher, war sie eine von uns? Aber es konnte doch gut sein. Wir machten freundlichen Smalltalk, über das Haus, die Nachbarschaft, die Vermieterin. Ilona blieb konsequent beim „Sie“. Ich ließ noch einen Luftballon los und erzählte, dass ich mit meiner Freundin oben wohne. Ilona zuckte nicht mit der Wimper. Hmm, ich war in geheimer Mission unterwegs und wartete auf ein Zeichen von ihr. Aber sie hatte nicht vor sich und ihren Verlag zu outen.

Das haben wir kurze Zeit später nachgeholt. Ilona, Jim und ich wurden gute Nachbarn. Sie nahmen Pakete für mich entgegen. Manchmal mussten sie bis zu mir hochstiefeln, um ihre abzuholen. Jim fütterte meine Katze, wenn ich jobmäßig auf Reisen war. Ich baute aus Holzpaletten, auf denen der Querverlag seine druckfrischen Bücher geliefert bekommen hatte, mein Gästebett. Auf dem kurzen Stück zwischen erstem Stock und Haustür sind mir vermutlich schon oft namhafte Buchautorinnen und Literaten begegnet. Sicher erkannt habe ich nur Corinna Waffender und Karen-Susan Fessel. Bei 15 Büchern im Querverlag lag bei der „Starautorin“ die Wahrscheinlichkeit der Hausflurbegegnung besonders hoch. Ariane Rüdiger, die ich lange Zeit vorher in München während meiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule kennengelernt hatte, entdeckte beim Verlagsbesuch meinen Namen am Klingelschild. „Ach, du wohnst im Haus vom Querverlag?“, sagte sie wie so viele andere. Und ich dann: „Na ja, die sind bei mir im Haus. Ich war zuerst da.“

Ich bin Journalistin und wenn Du so einen Verlag im Haus hast, dann kommst Du auf Ideen. Aber ob Sachbuch oder Kinderbuch – meine Vorschläge zündeten bei Jim nicht. Irgendwann zwischen Tür und Angel erzählte er mir von dem Projekt 100 Jahre Lesbengeschichte. „Oh, da hab ich was für Euch“, sagte ich und brachte ihm ins Verlags-Büro eine Vielzahl meiner Fotos von CSD-Aktionen des Lesbischen Freundinnenkreises. So ziert nun „Deutschland sucht die Superlesbe“ den Buchtitel von „In Bewegung bleiben“.

Mein Metier ist das Fernsehen. 2002 kamen wir arbeitsmäßig doch noch zusammen. Damals arbeitete ich als Autorin bei der MDR-Sendung „Thüringen Privat“, eine kleine, feine Sendung, für die ich Menschen, die irgendwas mit diesem Bundesland zu tun hatten, portraitiert habe. Als ich im Bücherkatalog des Querverlags einen Schriftsteller aus Sonneberg entdeckte, konnte ich loslegen. Im Fernsehbeitrag liest Peter Hofmann Passagen aus „Allein die Welt dazwischen“, sein Roman über ein Coming-out, während er mit seinem Freund Markus durch sein Heimatdorf läuft. Das war schon ein sehr heiterer Moment, als ich die beiden erkennbar sehr schwulen Männer vor der Kamera händchenhaltend durch glitzernden Schnee spazieren ließ, im romantischen Ambiente eines tiefverschneiten Thüringer Dörfchens.

dorfspaziergang

Bei einer privaten Preview vor der Ausstrahlung im Fernsehen saßen dann Ilona, Jim, Peter und Markus bei mir im vierten Stock auf dem Sofa. Und wir stellten amüsiert fest, dass doch sehr viele, die in Berlin auf coole Socke machen, vom Dorf sind. Aber das ist dann doch wieder eine andere Geschichte. Oder vielleicht ein schönes Buch.

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Christine Olderdissen zog 1993 in die Akazienstraße, zwei Jahre vor der Gründung des Querverlags. Sie ist Juristin und Journalistin, Mutter einer zehnjährigen Tochter. Seit 20 Jahren beobachtet sie als Nachbarin, wie sich die literarische LGTBIQ-Szene im ersten Stock die Klinke in die Hand gibt.

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