Ihr habt’s erfunden!

von Thomas Ott //

Soso … 20 Jahre alt wird er also, der Querverlag.

Das ist in unserer „schnelllebigen“ Zeit (und Community) ein ziemlich fettes Ausrufezeichen wert! Und trotzdem war meine erste Reaktion: „Ach, erst 20 Jahre? Gefühlt gibt es die doch schon viel länger.“ Das lesbisch-schwule Quer-Programm gehörte doch „schon immer“ zu den verlässlichen Standards unseres Ladens. Ganz selbstverständlich …

Ein bisschen drüber nachdenken. Selbstverständlich? Schwul/lesbisch (oder lesbisch/schwul)?

Im Klappentext zu einem der ganz frühen Quer-Bücher (1997) heißt es: „Die Zeit der Separatismen ist vorbei! Lesbisch-schwule Großereignisse wie die Eurogames, stetig größer werdende Christopher-Street-Paraden, lesbisch-schwule Filmfestivals, gemischte Queer-Partys und ein lesbisch-schwuler Verlag scheinen eine Einigkeit zu beweisen.“ („Freundschaft unter Vorbehalt – Chancen und Grenzen lesbisch-schwuler Bündnisse“. Herausgegeben von Stefan Etgeton & Sabine Hark, Querverlag).

„Angesagt“ war lesbischwule Zusammenarbeit da schon ein paar Jahre, aber wenn ich mich nicht ganz irre, gab es doch noch immer eine mehr als deutliche Dominanz der schwulen Männer, bei den Eurogames und den CSD-Paraden, bei den Filmfestivals und den Queer-Partys. Sicher: Die Lesben wurden langsam mehr – und sichtbarer – und gaben sich immer seltener damit zufrieden, in männerdominierten Strukturen auch ein kleines bisschen Teilhabe zu bekommen. Aber fifty/fifty-Gleichberechtigung? Da war mann/frau doch noch ein Eckchen weg, ist es vielleicht heute noch in vielen Fällen.

Die strikte 50/50-Quote in Sachen Lesbisch/Schwul gab es – und gibt es bis heute – nur hier: beim Querverlag! Das „Querverlag-Gesetz“: Es wird genau gleich viel „Lesbisches“ wie „Schwules“ verlegt. Basta!

Wenn die lesbisch/schwule Gleichberechtigung also irgendwo verwirklicht ist, dann hier. Auf dieses „Alleinstellungsmerkmal“ können Ilona und Jim stolz sein, weil das eben a) nicht „schon immer“ so war und b) erst recht nicht „selbstverständlich“. Nein, nein: Ihr habt’s erfunden!

Nein: ich habe nicht übersehen, dass im Querverlag mittlerweile auch diverse Titel erschienen sind, die über das lesbisch-schwule Spektrum hinausgehen und Inter-, Trans*- und Queer-Themen behandeln. Das sind sozusagen „erwartbare“ Weiterungen, die sich aus dem „Querverlag-Gesetz“ ergeben.

Und das ist gut so!

Noch ein „Dankeschön!“ ganz pragmatischer Art vom Buchhändler, der in dieser Beziehung nur allzu oft von Verlegern in den Wahnsinn getrieben wird: Seit 20 Jahren ist der Querverlag ein Muster an Verlässlichkeit und Pünktlichkeit, was die Erscheinungstermine seiner Bücher betrifft. Manchmal sind so richtig „deutsche“ Tugenden ein wahrer Segen 🙂

Weitermachen…

Foto (c) privat

Foto (c) privat

//

Thomas Ott, geboren 1957 in Hannover, lebt seit 1974 in Stuttgart. Nach Abbruch eines Geographiestudiums und erfolgloser Bewerbung für den Posten des Stuttgarter Oberbürgermeisters („Schwul in die Zukunft – Firlefanz statt Toleranz“) kam ihm im Herbst 1983 die (Schnaps?)-Idee, den 5. „schwulen Buchladen“ Deutschlands zu eröffnen. Mangels weiterer grundlegender Ideen ist er bis heute Betreiber des Erlkoenig (mittlerweile der zweitletzte Laden seiner Art) und damit aller Wahrscheinlichkeit nach der dienstälteste „Schwule Buchhändler“ – weltweit.

Links
Buchladen Erlkoenig

//

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s