Berlin – Monumentenstraße 33/34

In seinem etwas anderen Reiseführer „Schwule Orte“ hat Axel Schock 150 berühmt-berüchtigte Schauplätze schwuler Geschichte versammelt. Zum Jubiläum des Querverlages liefert nun ein ganz persönliches Kapitel nach. //

In manchen Berliner Stadtbezirken lassen sich in fast alle Straßen kleine und große schwule Geschichten erzählen. Die Schöneberger Monumentenstraße macht da keine Ausnahme. BeV Stroganov beispielsweise hatte hier in den 1990er Jahren mit dem Drag-Store den wohl weltweit ersten Tunten-Modeladen eröffnet. Nur wenige Meter weiter (Hausnummer 13) ist 2010 die Allgemeine Homosexelle Arbeitsgemeinschaft in eine ehemalige Eckkneipe eingezogen und so entern seither dort in steter Regelmäßigkeit Nachwuchstunten die kleine Bühne. In direkter Nachbarschaft (Monumentenstraße 9) residiert auch das Scheinbar-Varieté. Dort hatte ich 1999 das unvergessliche Vergnügen, gewissermaßen der Geburt einer genialen Kunstfigur beizuwohnen. An jenem besagten Abend hatte ihr Schöpfer, der mir bisher völlig unbekannte Michael Ulrich Heissig, zur Testvorführung seines ersten Programms „Ich, Irmgard Knef – Auferstanden aus Ruin“ eingeladen. Die Show war noch etwas lang, aber ein Triumph. Alles Weitere ist längst deutsche Kabarettgeschichte.

Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Auch nicht vom St.-Matthäus-Kirchhof, dem sicherlich schwulsten Friedhof der Republik, dessen rückwärtiger Eingang sich direkt gegenüber der Scheinbar befindet.

Monumentenstraße 33/34

Monumentenstraße 33/34, 2015. Foto (c) Axel Schock

Dieser Ausflug soll vielmehr zum Hause 33/34 führen oder besser in dessen weitläufigen Hinterhof. In den etwas unübersichtlichen Nebengebäuden aus rotem Backstein befand sich einst ein Pferdeomnibusbahnhof samt Schmiede, Beschlagschuppen und doppeletagigen (!) Stallungen. In die oberen Stockwerke gelangten die Tiere über Rampen und Brücken. Denselben Weg nahmen ab 1989 die Macher des schwulen Magazins „magnus“, einem Zusammenschluss der damaligen Berliner „Siegessäule“ und des Nürnberger „Rosa Flieder“.

Wo einst Heu und Stroh gelagert wurden, saß ab 1990 auch ich hinter einem Schreibtisch und kümmerte mich vornehmlich um die Kulturseiten unseres ambitionierten Projektes. „magnus“ erschien bundesweit und verstand sich als Zeitschrift aus und für die Bewegung. Dementsprechend herrschte in den Räumen reger Publikumsverkehr: Kunstschaffende, Fotografen, Politiker und Aktivisten aus dem In- und Ausland, etablierte Journalisten und solche, die das Handwerk erst noch lernen wollten. Und ab und an auch Verleger, die ihre Bücher in magnus gepriesen sehen wollten. Auf diese Weise lernte ich Jim Baker kennen, der seinerzeit Egmont Fassbinder im Verlag rosa Winkel zur Hand ging – und bald schon mein Kollege (und Verleger!) sein sollte. Denn dank Jims Initiative gehörte ab 1994 auch ein eigener Buchverlag zu dem langsam expandierenden (aber leider wirtschaftlich nicht erfolgreichen) Medienunternehmen magnus.

magnus_buch1

Das magnusbuch-Frühlingsprogramm 1995 ist das letzte, das Jim Baker verantwortete. Foto (c) Jim Baker

Ein gutes Dutzend Bücher hat Jim damals im Alleingang auf die Buchwelt verholfen: so etwa eine auch heute noch lesenswerte Anthologie deutschsprachiger Autoren zu ihrem Verständnis von Heimat, Sexratgeber und andere Sachbücher, Romanübersetzungen und die gesammeltem Kolumnen des magnus-Kolumnisten Baby Neumann. Den Wunsch, selbst Bücher zu veröffentlichen, trug ich schon lange genug mit mir herum. Nun aber war die Gelegenheit so günstig wie nie: Denn wann sitzt man schon jeden Tag mit einem Verleger beim Mittagessen zusammen?

(Und bevor mir nun gleich jemand Geschichtsklitterung vorwirft: Mein Lyrikmachwerk zählt nicht, sondern fällt unter die Rubrik „Jugendsünde“. Ich war noch nicht 18 und die Schandtat ist daher verjährt.)

Sonderlich hochgeistig und tiefschürfend war die erste Buchveröffentlichung, die mir Jim ermöglichte, dann allerdings auch nicht. Wer mich besser kennt, weiß um meine Vorliebe für unnützes Wissen und andere Kompendien. Insofern war „I’m crazy for das Holzfällerhemd“ ein erwartbares Debüt, obgleich zunächst eigentlich eine schwule Filmgeschichte in Planung war. Aber leider konnte das gemeinsame Projekt mit dem Berlinale-Kurator und Filmverleiher Manfred Salzgeber nicht mehr realisiert werden.

magnus_buch2

Das Frühjahrsprogramm von magnusbuch 2005. Im Herbst 2005 erschien das erste Verlagsprogramm des Querverlags. Foto (c) Jim Baker (Für eine bessere Lesbarkeit einfach auf das Bild klicken.)

Für Jim waren die wenigen Jahre bei magnusbuch so etwas wie ein Probelauf, gewissermaßen das Prequel zum Querverlag. Sein Abschied von magnus war für das ganze Verlagsteam ein Verlust, aber als Verleger war er uns glücklicherweise nicht verlorengegangen. Eine ganze Reihe der Autoren von „magnus“ beziehungsweise von magnusbuch waren bald schon Querverlagsautoren: von Baby Neumann und Thomas Plaichinger über Michael Sollorz, Christoph Klimke und Andreas Maydorn bis zu Lutz van Dijk. Auch ich habe im Querverlag eine verlegerische Heimat gefunden und dank Jim, Ilona und Sergio noch eine ganze Reihe – hoffentlich nicht nur unnütze – Bücher veröffentlichen können. Die Zeitschrift magnus ist inzwischen längst Geschichte, der Querverlag aber ist noch so lebendig und notwendig wie an jenem Tag im Jahre 1995, als in der Berliner Akazienstraße 25 feierlich die Räume des ersten und einzigen schwul-lesbischen Verlages in Deutschland eröffnet wurden. Dieser Ort verdient allerdings ein eigenes Kapitel: als Schauplatz nicht allein schwuler, sondern schwul-lesbischer Geschichte.

//

Axel Schock, geboren 1965, lebt und arbeitet in Berlin als freier Journalist u.a. für kulturnews, Siegessäule und die Deutsche AIDS-Hilfe.

Links
Autorenseite vom Querverlag
Twitter-Account

Wikipedia-Eintrag 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s