Die kalte Grammatik

von Regina Nössler //

Ich wollte von Anfang an etwas zum Jubiläumsblog des Querverlags beisteuern, aber ich wusste nicht so recht, was, und mir fiel auch nichts speziell Schwul-Lesbisches ein – wobei die Bedeutung des Verlags, seine Einzigartigkeit, in der deutschsprachigen Verlagsszene immer wieder unterstrichen werden sollte.

nössler_bildDann dachte ich recht bald an Grammatik. Nicht, dass Autorinnen und Autoren – und Lektoren erst recht – nicht häufig oder zumindest hin und wieder an Grammatik denken (zumindest sollten sie das, auch wenn mancher zarten Schriftstellerseele Grammatik viel zu streng ist, zu streng und zu kalt, nur Regeln und gar kein Gefühl!), aber trotzdem, warum um Himmels willen Grammatik in einem Jubiläumsblog? Das war doch das, was in der Schule die meisten gehasst haben, fast so wie Mathematik, auch ich. Vor allem im Lateinunterricht. Was war eigentlich noch mal das Gerundium? Und gibt es das auch im Deutschen? (Jim, ich wette, du weißt das sofort und kannst es erklären, sogar ohne nachzudenken!)

Ich bin selbst Autorin und außerdem Lektorin. Und in dieser letzten Funktion kommt die Grammatik ins Spiel. Meistens arbeite ich ganz gut allein, natürlich immer in Rücksprache mit den Autorinnen und Autoren. Nicht ganz allein, ich liebe meinen zehnbändigen Duden (so etwas besitzt Jim natürlich auch), der in meinem Arbeitszimmer wohnt. Er und ich verstehen uns ziemlich gut und kommen, wie gesagt, bestens in unserer einsamen Zweisamkeit zurecht. Wir haben es gemütlich. Hin und wieder gibt es jedoch den Fall, dass er mich im Stich lässt. Ich bin mir dann bei einer Satzkonstruktion nicht hundertprozentig sicher, ob sie korrekt ist.

Dann schicke ich Jim eine Mail oder trinke bei ihm in der Akazienstraße einen Kaffee. Er weiß auf fast alle Grammatikfragen eine Antwort (und er kann es sogar immer erklären!). Ich bin jedes Mal platt. Jim ist also eine Art Duden, aber nicht gelb – und übrigens auch nicht orange, die Farbe des Duden Nummer 4 „Die Grammatik“ –, Jim ist hauptsächlich blau gekleidet (korrigiere mich, wenn das nicht stimmt!), und außerdem kann man mit ihm wie gesagt Kaffee trinken oder auch Bier, mit dem Duden nicht. Mit Jim war ich nie im Bett, mit Konrad hingegen schon oft, denn manche Abgabetermine sind knapp bemessen, und die Druckfahnen müssen bis zum nächsten Tag korrigiert sein. Übrigens keine gute Idee, denn danach kann ich meistens nicht einschlafen.

Ich kann mich nicht entsinnen, dass Jim mich jemals etwas gefragt hätte beziehungsweise fragen musste (oder hast du?) – und ich spreche jetzt nicht von den Mysterien der Welt oder davon, wie ich, außergrammatisch, ein Manuskript fand –, immer nur ich ihn.

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Regina Nössler, geboren 1964 in Altenhundem, Studium der Germanistik und Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum, Magister. Lebt seit 1995 in Berlin. Freie Autorin und Lektorin. Bisher 13 Buchveröffentlichungen, zwei davon im Querverlag: Alltag tötet – Geschichten über die Liebe und Morgen ohne Gestern.

Links
Autorinnenseite des Querverlags

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