Anti Imp und Pat

Mitte der achtziger Jahre. Ein unbewohntes Haus in Berlin, vielleicht auch Hamburg. In den graffitibesprühten Räumen viele junge Frauen, die Kragen ihrer schwarzen Lederjacken hochgestellt. Die Luft schwer von Zigarettenrauch und angestrengten Diskussionen – hier habe ich Ilona zum ersten Mal gesehen: beim Norddeutschen FrauenLesben-Treffen Anti Imperialismus und Patriarchat, kurz Anti Imp und Pat.

Ilona redete klar und deutlich, manchmal sogar gegen die gängige Meinung. Meine Bewunderung war grenzenlos. Schüchtern, wie ich war, habe ich Ilona natürlich nicht angesprochen. Dennoch lernte ich sie kennen, als sich meine Mitbewohnerin Christiane in sie verliebte. Später wohnten wir zusammen in Schöneberg in der Potse, wo wir vom Küchenfenster aus auf die Bühne der Begine schauen konnten.

Zusammengesetzte Küchenbilder, Malou, Ilona

Unsere WG-Küche: Rechts im Bild Ilona, bzw. ich. Die Frau links im Bild war nicht Christiane. Und auch nicht beim Anti Imp und Pat.

Irgendwann zog Ilona aus der WG aus, und wir verloren uns aus den Augen. Ich zog nach Ost-Brandenburg, fand nur noch selten Zeit für Berlin-Besuche und schrieb Kurzgeschichten, ohne mich an Verlage oder Zeitschriften zu wenden. Eines Tages erzählte mir eine gemeinsame Bekannte, Ilona würde mit einem Typen einen Verlag gründen. Ilona! Mit einem Typen!!!  Ich hielt es für ein böses Gerücht. Bis ich zum ersten Mal ein Buch vom Querverlag in den Händen hielt: „Bilder von ihr“ von Karen Susan Fessel. Es gefiel mir.

Fünfzehn Jahre nach unserem letzten Kontakt erhielt ich plötzlich eine E-Mail von Ilona, in der sie sachlich-distanziert um einen Beitrag für die Anthologie „Sappho küsst die Sterne“ anfragte. Ich schickte ihr die Kurzgeschichte „Wir hätten es also doch wissen müssen“, die sie prompt annahm. Doch erst als ich in der folgenden E-Mail nach Christiane fragte, stellte sich heraus, dass sie mich wegen meines neuen Nachnamens gar nicht erkannt hatte.

Ilonas „Typen“, also Jim, lernte ich dann als feinfühligen und charmanten Mann schätzen, von dem ich beim Lektorat meines Romans „Zeit bis Mitternacht“ viel gelernt habe. Außerdem hat er mir in Leipzig bei der Buchmesse das Hotelzimmer überlassen und selbst mit einem beengten Schlafplatz vorliebgenommen.

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Foto (c) Marc Lippuner

„Zeit bis Mitternacht“ erhielt acht Rezensionen von Zeitungen und Online-Magazinen, die fast alle ausschließlich positiv waren. Bis heute erzählen mir LeserInnen, wie sie die letzten Jahre in der DDR oder in West-Berlin erlebt haben. Durch den Erfolg meines Debütromans ermutigt habe ich mich u.a. mit diesem Buch bei der Filmarche Berlin beworben und drei Jahre Filmdramaturgie/Drehbuch studiert. Nach einigen Drehbüchern und Filmen und zweijähriger Mitarbeit beim Findling Verlag arbeite ich derzeit wieder an einem Romanmanuskript, das jedoch nicht dem Verlagsprogramm des Querverlags entspricht. Oder vielleicht doch? Ilona, Jim, wir sollten mal darüber reden.

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Malou Berlin, geb.1961 in Baden-Württemberg, lebt in Ost-Brandenburg und arbeitet als freiberufliche Autorin und Filmemacherin. Ihr Dokumentarfilm „Nach dem Brand. Eine Familie aus Mölln“ erhielt verschiedene Auszeichnungen, u.a. den Vielfaltspreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern und Nominierungen für den Prix Europa und den Grimme-Preis.

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