Ja, bitte? – Gespräche mit Folgen

von Karen-Susan Fessel //

Wo wir zusammensaßen, weiß ich nicht mehr so genau, aber es war in Schöneberg, und wir waren zu viert: Ilona, Jim, der Journalist und Autor Werner Hinzpeter und ich. Jim hatte mich angerufen und zu dem Treffen gebeten, in der Hoffnung, dass daraus ein gemeinsames Sachbuchprojekt, an dessen Inhalt ich mich ebenfalls nicht mehr erinnern kann, entstünde.

Rasch stellte sich heraus, dass aus dem Projekt nichts werden würde – und als Werner Hinzpeter dann schon gegangen war, stellte Jim mir die magische Frage: „Wir wollen natürlich auch gern Lesbenromane veröffentlichen. Weißt du vielleicht eine Frau, die gerade an einem Roman arbeitet oder einen in der Schublade hat?“

Und ich sagte: „Ja. Ich.“

In der Tat hatte ich „Suzannah oder das große Gefühl“, ebenjenes Manuskript, das mein zweiter Roman werden sollte, zwar nicht in der Schublade, aber gerade in Arbeit. Und es schien mir, als ob der soeben gegründete Querverlag dafür vielleicht genau die richtige Plattform wäre.

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Foto (c) Ilona Bubeck

So war es dann auch. „Bilder von ihr“ erschien im Herbst 1996, und bis heute ist der Roman mein erfolgreichstes Buch für Erwachsene, was sicherlich auch dem Piper-Verlag zu verdanken ist, bei dem der Roman wiederum drei Jahre später im Taschenbuchformat erschien und im Laufe der kommenden Zeit eine fünfstellige Auflage erreichen sollte.

Heute ist die Taschenbuchausgabe nicht mehr erhältlich, und der Restbestand des gebundenen Buches schmort in den Lagerräumen des Querverlages ein Dornröschendasein. Auf direkte Anfrage hin wird hie und da ein Exemplar verkauft, aber über den regulären Buchhandel ist das Werk nicht mehr beziehbar. Ich hoffe jedoch schwer, dass sich alsbald möglichst viele Menschen zum Kauf entschließen, das Lager bald leergeräumt ist und „Bilder von ihr“ dann endlich in Neuauflage beim Querverlag erscheint – zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, die meine äußerst fruchtbare Zusammenarbeit mit Jim und Ilona markierte.

Seit 1996 sind im Querverlag elf weitere Bücher von mir erschienen, darunter zwei „Sachbücher“, eins davon in Zusammenarbeit mit Axel Schock – der Ilona, Jim und mich seinerzeit zusammenbrachte, in dem er den Kontakt herstellte. Und mir so auch diesen denkwürdigen Telefonanruf von Jens Riewa, ARD-Tagesschausprecher, bescherte, der in der Erstausgabe von „Out! – 500 Lesben, Schwule und Bisexuelle“ als Homosexueller vermerkt worden war, was er keinesfalls auf sich sitzen lassen wollte.

„Fessel?“
„Jens Riewa, ARD-Tagesschau.“
„Wer?“
„Jens Riewa, ARD-Tagesschau!“
Verdutztes Schweigen meinerseits. Dann: „Ja, bitte?“
„Jens Riewa, ARD-Tagesschau!!“
Beredtes Schweigen seinerseits.
„Ja, das habe ich verstanden. Worum geht es?“
„Sie wissen nicht, warum ich anrufe?“
„Nein?“

Unser Gespräch entwickelte sich auch im weiteren Verlauf nicht viel besser. Und gefallen hat es meinem Gesprächspartner mit Sicherheit nicht, hatte ich doch keine Ahnung, dass er in unserem Buch überhaupt aufgetaucht war. Was mir wiederum entgangen war, da ich mich um die aufgenommenen Frauen und Axel sich um die Männer gekümmert hatte. Also verwies ich Jens Riewa, ARD-Tagesschau an Axel, was eine Klage, den Fastbankrott des Verlages und seine Rettung durch die Solidarität der Szene zur Folge hatte – und habe bis heute das Gefühl, einen alten, unliebsamen Bekannten zu sehen, wenn ich ihn im Fernsehen erblicke.

Ist ja auch so: Immerhin haben wir uns ja auch schon mal miteinander unterhalten.

Mit Jim und Ilona unterhalte ich mich bis heute gern, und ich bin froh, dass es den Querverlag nun nach zwanzig Jahren immer noch gibt und mit ihm die Möglichkeit, engagierte, streitbare, romantische, lustige und – ja, auch das – manchmal auch langweilige Bücher zu lesen, die sich mit den Gefühlsgemengelagen und Gegebenheiten der zeitgenössischen deutschen schwullesbischen Szene befassen. Um mal den Ausdruck zu verwenden, den wir vor zwanzig Jahren in den Mund nahmen, wenn wir von der heute „queeren“ Szene sprechen.

Der Querverlag ist auf dem Weg, zu einer guten, alten Institution zu werden, und ich bin gespannt, wie das in weiteren zwanzig Jahren so aussehen wird. Und da die meisten der Beteiligten ja dem „kreativen Prekariat“ zuzurechnen sind, ist die Hoffnung groß, dass wir alle noch in zwanzig Jahren arbeiten werden, um unseren mageren Lebensunterhalt zu sichern.  Aber zum Glück macht das ja auch Spaß!
Herzlichen Glückwunsch, Jim und Ilona!

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Links
Website
Autorinnenseite vom Querverlag
Autorinnenseite auf Literaturport
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