Ein Rezept, um immer weiterzumachen

Die Facebookseite Lesbisch-Literarisch-Lesenswert stellt lesbische Bücher vor, berichtet von Neuerscheinungen und Lesungen. Anlässlich unserer 20. Geburtstags wurden wir zum Interview gebeten, um auf unserem eigenen Blog Rede und Antwort zu stehen. //

ilonajim2015

Foto (c) Sergio Vitale

LLL: Wir gratulieren recht herzlich. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Wenn ihr rückblickend auf diese Zeit schaut, was hat sich in den letzten Jahren euer Meinung nach literarisch geändert? Was las der Leser, die Leserin früher und heute? Hat sich überhaupt etwas geändert?

Ilona: Das Leseverhalten hängt viel davon ab, ob man gerade sein Coming-out erlebt oder schon viele Jahre schwul-lesbische Literatur gelesen hat. Interessant ist eher, inwieweit sich die Literatur selbst verändert hat. Vor vierzig Jahren wurde vor allem sehr biografisch geschrieben, im schlechtesten Fall war es „Betroffenheitsliteratur“. Vor zwanzig Jahren, als wir anfingen, haben lesbische Autorinnen endlich gewagt, über Sex zu schreiben, ohne Romantisierung und Kitsch, dann waren die Geschichten plötzlich voller queerer Menschen und heute schauen wir endlich über den Tellerrand und erzählen Geschichten, in denen Lesbisch-, Schwul- oder Transsein selbstverständlich ist.

Jim: Im Bereich der Belletristik meine ich, vor allem eine „Erweiterung“ der Themen festzustellen. Wo es vielleicht früher vordergründig um Identitätsfindung, Coming-out, Suche nach einem bzw. einer Partnerin bzw. Auseinandersetzungen mit den Eltern/Familien/Freunden ging, wird inzwischen das Lesbisch- oder Schwulsein nicht weiter „problematisiert“, sondern andere Themen wie z.B. Älterwerden, Gesundheit, Familienplanung sowie die Aufarbeitung historischer Stoffe vor dem Hintergrund einer homosexuellen Identität erzählt.

LLL: Eure Listen der 20 Bücher, die ihr auch noch gern verlegt hättet, ist sehr interessant, aber welche Bücher aus der lesbisch-schwulen Literatur haben euch sehr bewegt?

Jim: Mit 15 habe ich mein erstes „schwules“ Buch gelesen: „Der Langstreckenläufer“ von Patricia Nell Warren, und da haben sich für mich plötzlich Welten aufgetan: Zum ersten Mal habe ich eine Geschichte gelesen, in der es um zwei Männer gingen, die zueinanderfinden. Damals hatte ich beim Lesen so ein Kribbeln im Bauch, denn endlich ahnte ich, welche Möglichkeiten über das enge Leben meines Heimatdorfs hinaus auf mich warten. In meinen Augen liegt auch eben darin die Macht der Literatur.

Ilona: Am meisten hat mein Leben bewegt und verändert „Macht und Sinnlichkeit“ von Audre Lorde und Adrienne Rich. Ich habe das zu einer Zeit gelesen, als ich persönlich und politisch – was für mich immer schon schlecht zu trennen ist – nicht mehr weiterwusste. Es kam mir alles sinnlos vor, weil es so wenig war, was ich als Aktivistin erreicht habe – zumindest hatte ich den Eindruck. Dieses Buch hat meine Probleme relativiert, mir in vieler Hinsicht die Augen geöffnet und mir so viel Kraft und Antrieb zum Handeln gegeben, was bis heute für mich bestimmend ist.

LLL: Zwei Jahrzehnte gibt es den Querverlag. Gab es für euch eine besondere Zeit oder Jahre, an die ihr gern zurückdenkt, weil ihr besondere Bücher verlegt habt oder das Weltgeschehen besonders war? Wenn dies so ist, warum? 

Ilona: Mir fällt das schwer, auf eine bestimmte Zeit zu reduzieren. Ich bin trotz Harmoniebedürftigkeit ein sehr streitbarer Mensch, und darum ist es von Anfang an eine tolle Erfahrung, sich immer wieder zusammenraufen zu können, Unterschiede auszuhalten, einen Konsens zu finden, manchmal unangenehme Kompromisse einzugehen, oft auch einer Meinung zu sein und sich auf den anderen verlassen zu können. Wie viel Wert das ist, lernt man leider erst im Laufe der Jahre seines Lebens.

Jim: Für mich war es eindeutig das Jahr 2000 bis 2001: Wir hatten gerade den sehr erfolgreichen Lesbensexratgeber „Schöner kommen“ verlegt und gleich die zweite Auflage gedruckt. Den Riewa-Prozess hatten wir soeben mit der Hilfe und Solidarität der Szene überlebt. Wir hatten schon mehr als die Hälfte der Bankkredite abbezahlt. Im Verlag waren wir zu viert, also beschäftigten wir noch zwei MitarbeiterInnen. Es war eine schöne Zeit.

LLL: Ihr seid auch in der Ausstellung Homosexualität_en in Berlin und stellt dort in einem Video Bücher vor. Der Querverlag selbst ist mehrmals in der Ausstellung präsent. Selbst in großen Buchläden seid ihr häufig mit Romanen und wissenschaftlichen Büchern vertreten. Als Indiebook-Verlag gibt es dann überhaupt noch etwas, was ihr erreichen wollt? Wenn ja, was?

 Ilona: Leider sind wir in Buchläden immer weniger vertreten bzw. verschwinden immer mehr Buchläden, die vor allem schwul-lesbische Literatur im Sortiment hatten. Ich bin ziemlich ratlos, wie wir noch unsere Leser_innen erreichen, außer über den großen Internetanbieter, der den kompletten Handel verändert und zu zerstören versucht. Es ist nicht die Frage, was wir noch erreichen wollen, sondern wie wir weiterhin überleben.

Jim:  In einem Land, in dem jährlich über 80.000 Neuausgaben erscheinen, ist eine Nische Segen und Fluch zugleich. Ich wäre schon zufrieden, wenn wir die lesenden Lesben und Schwulen mit unserem Programm erreichen würden. Und da wir im Laufe der letzten zwanzig Jahre immer weniger Buchläden haben, die uns führen, sind wir mit der Herausforderung konfrontiert: Wie erreichen wir unsere Leser_innen? Eine spannende und leider nicht einfach zu beantwortende Frage, mit der wir uns täglich auseinandersetzen.

LLL: Ihr seid nur zu zweit in dem Verlag tätig. Habt ihr ein Rezept oder besser gesagt, was war immer wichtig, um weiterzumachen und nie alles hinzuwerfen?

Jim: In einem Verlag, der in erster Linie aufgrund von Selbstausbeutung und Idealismus aller Beteiligten funktioniert, ist für mich die wichtigste Regel: Optimistisch in die Zukunft schauen und Lust auf Neues haben.

Ilona: Begeisterung und Leidenschaft (in dem Wort steckt das „Leiden“ ja auch mit drin) für Bücher und immer wieder das Entdecken neuer Autor_innen! Und inzwischen auch die tiefe Verbundenheit mit vielen unserer Autor_innen und Buchhändler_innen und Menschen, die uns begleiten.

LLL: In zwei SätzenWas macht den Querverlag aus? Wie würdet ihr selbst den Querverlag beschreiben? 

Ilona: Autor_innen zu finden und zu fördern und Bücher zu verlegen geschieht bei uns nicht im luftleeren Raum. Wir haben uns von Anfang an als Teil einer emanzipatorischen politischen LGBTQI-Bewegung begriffen, mit allen Differenzen, gegenläufigen Interessen und möglichen Zusammenschlüssen.

Jim: Bei der Programmpolitik setzen wir auf die Förderung deutschsprachiger Autor_innen. In einer produktiven Zusammenarbeit und im kreativen Austausch entwickeln wir gemeinsam mit den Schreibenden Projekte, auf die wir alle stolz sind.

LLL: Herzlichen Dank für das Interview und wir wünschen euch alles Gute. 

Das Interview führte Sanni Bücherwurm.

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