Oase für Querdenker

von Werner Hinzpeter //

Wo sind die Orte, an denen Lesben und Schwule über die #Ehefueralle hinausdenken? Wo sie nicht nur übers Gleich-sein-Dürfen sprechen, sondern auch übers Anders-sein-Wollen? Selbst die Metropole Berlin ist in dieser Beziehung eine Wüste – und der Querverlag eine Oase, nun schon seit 20 Jahren.

Ich hatte einen Job als Redakteur eines schwulen Stadtmagazins aufgegeben und lernte gerade meinen Beruf auf einer Journalistenschule, als Jim Baker mich 1995 fragte, ob ich nicht eine Standortbestimmung der Schwulenbewegung verfassen wollte. Das könne ich nicht, sagte ich, ich sei zu wütend. Mich ärgerten Vereine, die lieber eine Statistik frisierten als zuzugeben, dass ihnen weniger schwulenfeindliche Übergriffe gemeldet wurden. Mich ärgerten die schwulen Journalisten, die solche Propaganda ohne die einfachsten Gegenprüfungen verbreiteten. Mich ärgerte damals schon, dass im Kampf für die Homo-Ehe die Bedürfnisse der anders lebenden Mehrheit der Lesben und Schwulen völlig aus dem Blick geraten waren.

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Foto (c) Marc Lippuner

Jim lud mich ein, genau das aufzuschreiben, obwohl er wusste, dass ich damit dem Querverlag Feinde in der Szene machen würde. Er war, genau wie Ilona Bubeck, ein großartiger Sparringspartner für meine Provokationen. Heraus kam die Polemik „Schöne schwule Welt – Der Schlussverkauf einer Bewegung“, erschienen 1997, ganz sicher ein Meilenstein meines Berufslebens. Sie gab Anstoß zu dutzenden Veranstaltungen in Deutschland und sogar einer in Paris, in denen darüber gestritten wurde, wo wir Lesben und Schwulen stehen und wohin wir wollen.

Seit Jahren widme ich mich als Journalist meist anderen, nicht weniger wichtigen Themen. Ilona und Jim beitreiben ihre Oase für Querdenker und Querdenkerinnen weiter. Nicht nur mit streitbaren Büchern wie im Jahr 2000 „Unser Stück vom Kuchen – Zehn Positionen gegen die Homo-Ehe“, für das ich ein Kapitel schreiben durfte. Sondern auch mit ruhigeren Werken, die den Kopf für Neues öffnen, z.B. das im Herbst erschienene Buch „Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später“, das Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer, schwuler und trans* Eltern bündelt.

Ich freue mich auch auf das nächste Mal, wenn sich Ilona so richtig über Schwule ärgert. Dann ruft sie mich nämlich hoffentlich an – und wir werden uns treffen, einander zuhören und uns streiten, wertschätzend und freundlich. Am Ende haben wir beide vielleicht eine andere Meinung und ganz bestimmt neue Gedanken. Dafür liebe ich den Querverlag: Er bringt mich weiter.

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Werner Hinzpeter arbeitet als journalistischer Leiter bei der Stiftung Warentest.

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