Fremd und doch vertraut

von Jannis Plastargias //

„Ich lebe einfach in der falschen Zeit: Ich hätte in den siebziger Jahren leben sollen …“ – dies sagte meine damals enge Freundin Verena zu mir.

Wir befanden uns Mitte der neunziger Jahre in einem Auto auf der Fahrt von Kehl nach Offenburg, wo eine Seventies Party in einem Club auf uns wartete. Ich stellte mir die siebziger Jahre in der Provinz gerade für einen schwulen Heranwachsenden nicht gerade easy vor. Doch meine heterosexuellen Freunde liebten die „Rocky Horror Picture Show“ und „Hair“ und bei jeder Gelegenheit legten sie eine Performance zum Time Warp oder zu Aquarius hin. Sie favorisierten die weiten Hosen mit Schlag und Blusen und Hemden mit Blümchen und stellten sich das mit den Hippies so lustig, frei und sexuell vor; dabei kifften sie und pfiffen vor sich hin. Ich blieb kritisch und begleitete sie nur, weil ich gerne mit ihnen zusammen war, weniger wegen irgendwelcher romantischen Vorstellungen.

Wirklich. Wenn ich es aussuchen könnte, wäre ich lieber in der heutigen Zeit ein schwuler Heranwachsender, ich hatte noch nie das Gefühl, dass früher alles besser wäre, höchstens anders – und für Schwule eher schwieriger. Wie viel leichter hätte ich Anfang der neunziger Jahren leben können, wenn ich bereits das Internet so wie heute hätte nutzen können: Plattformen zum Kennenlernen anderer schwuler Jugendlicher, Informationen zum Coming-out und zu Beratungsmöglichkeiten, zu Jugendgruppen und was es sonst noch alles gibt.

Woher kam also nun das Interesse an den siebziger Jahren? Ging es mir überhaupt um diese Zeit oder eher um die Bewegung an sich? In der Einleitung versuche ich meine Motivation an dem Projekt „RotZSchwul“ auch an der Faszination um dieses Jahrzehnt festzumachen. Sicher. Filme wie „Taking Woodstock“ oder „Fear and Loathing in Las Vegas“ oder Ausstellungen in Frankfurter Museen konnten mich begeistern und machten mich neugierig auf die siebziger Jahre. Doch es waren zwei Dinge, die mich sofort an der RotZSchwul fesselten: dass sie die moderne Schwulenbewegung in Deutschland mitbegründet und die Tatsache, dass sie mit Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit und Co. die Häuser besetzt haben sollten.

Ich stolperte bei einer Recherche über die RotZSchwul und ab diesem Zeitpunkt ließen sie mich nicht mehr los, ich nahm mir vor, bei der nächsten guten Gelegenheit, mich der Thematik anzunehmen – und die bot sich mit dem Stipendium der Polytechnischen Stiftung. So wurde ich also StadtteilHistoriker und begann meine Reise, die zu diesem schönen Buch führte. Es war ein weiter Weg und manchmal dachte ich, ich käme niemals an: als ich unter Tausenden von Kopien aus dem Archiv des Berliner Schwulen Museums* begraben war, als ich zwanzig Stunden Interviewmaterial sichtete und mich fragte, wie ich das bearbeiten sollte, als ich schon hunderte von Arbeitsstunden investiert hatte und ich mich noch immer bei der Einleitung befand.

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Foto (c) Jannis Plastargias

Dass ich nicht in den siebziger Jahren gelebt habe – bzw. nur als Baby und Kleinkind – merkt man dem Buch an. „Ich empfinde deinen Text fast wie einen Traumtext, der sich verwundert über eine Realität äußert, die ihm fremd und doch vertraut erscheint. Ich finde das hat was, weil du nicht versuchst, wie ein Historiker zu schreiben, der alles verstanden zu haben glaubt. Auf deine Art verfremdest du die Geschichte.“ Das schrieb mir das RotZSchwul-Gründungsmitglied, Michael Holy, nachdem er einen Teil des Buchs zu lesen bekommen hatte. Das trifft es sicher. Ein Historiker wollte ich niemals sein, eher so etwas wie ein Suchender, einer, der versucht zu verstehen, der etwas einordnen oder etwas für sich klären möchte. Vielleicht wollte ich einfach nur in dieser wichtigen Zeit dabei sein, ohne dabei zu sein – so wie damals bei diesen Seventies Partys?

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Jannis Plastargias, geboren 1975 in Kehl am Rhein, studierte Pädagogik in Karlsruhe und wohnt in Frankfurt, wo er 2012 bis 2014 StadtteilHistoriker war. In dieser Funktion entstand sein Querverlagsbuch RotZSchwul. Plastargias arbeitet als freier Autor, Blogger und Kulturveranstalter.

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