Couragierte Krawallschachteln

von Katharina Müller //

Eigentlich hätte ich das Drehbuch zum Suffragetten-Film selber gern geschrieben. Das entsprechende Manuskript lag auch schon verkaufsfertig in meiner Schublade, doch leider hat es die Filmwelt bisher verschmäht, und so schrieb ich einen Roman: Rosie und die Suffragetten, erschienen jüngst beim Querverlag. Natürlich war ich höchst gespannt auf den Film Suffragette von Sarah Gavron, der gerade in Deutschland zu sehen ist.

Manche Parallelen zu meinem Buch fand ich verblüffend. So ist auch Suffragette (mit Carey Mulligan, Ben Whishaw, Helena Bonham Carter und Meryl Streep) im ArbeiterInnenmilieu angesiedelt, und Maud, die Protagonistin, ist wie Rosie eine schüchterne junge Frau, im Grunde eine Randfigur der bürgerlich geprägten Suffragettenbewegung. Diese Außenseiterperspektive ermöglicht es, kritisch auf die Bewegung zu blicken, statt einfach nur die Heldinnen von damals abzufeiern. Leider wurde diese Möglichkeit aus meiner Sicht verschenkt. Aber davon später. Was passiert also mit Maud Watts, der Wäscherin? Eine Kollegin nimmt sie mit zu einer Wahlrechtsversammlung. Maud beginnt zaghaft, sich zu engagieren, erhält sogar die Gelegenheit, dem damaligen Schatzkanzler Lloyd George ihre Meinung zum Frauenwahlrecht darzulegen – und landet gleich bei der ersten militanten Aktion für mehrere Tage im Gefängnis. Ihr Ehemann verstößt sie wegen ihres Engagements bei den Suffragetten; das gemeinsame Kind gibt er zur Adoption frei. Maud kann keine Rechtsmittel einlegen – die Gesetze jener Zeit sind ganz auf der Seite der Männer, und der Film macht diese krasse Ungerechtigkeit deutlich. Das hat mir gefallen.

Doch aus meiner Sicht fehlt es an kritischer Distanz. Waren diese Frauen wirklich alle nur tapfere, selbstlose Soldatinnen im Dienst der guten Sache? War die Anführerin Emmeline Pankhurst eine charismatische Quasi-Heilige? Waren keine zumindest ansatzweise faulen, feigen, eitlen, dünkelhaften, streit- und herrschsüchtigen Zicken dabei? Das widerspricht doch jeder Lebenserfahrung. Und, wo ich schon mal dabei bin, gab es wirklich nie eine zünftige Party, bei der frau mal zu tief ins Glas geguckt hätte, oder die eine oder andere heiße Affäre?

Suffragette idealisiert Märtyrertum und Opferbereitschaft – aus meiner Sicht sind das aber überkommene weibliche Werte. Eine etwas differenziertere Annäherung hätte die dargestellten Persönlichkeiten bunter und glaubhafter gemacht.

Ganz zufrieden war ich also nicht, als ich aus dem Kino kam. Aber vielleicht war meine Wahrnehmung ja von meiner eigenen Interpretation des Suffragetten-Themas verzerrt? Vielleicht missgönnte ich Drehbuchautorin Abi Morgan insgeheim den Job, den ich gern selbst gehabt hätte? Ich habe mir Suffragette dann gleich noch einmal angeschaut. Auf den zweiten Blick konnte ich Mauds Entwicklung besser nachvollziehen. Sie ist, so scheint mir, bis zum Ende eine Frau geblieben, die sich nicht sehr gut ausdrücken kann, die sich auf leise und verhaltene Weise entwickelt und versucht, in ihrem eigenen, eng begrenzten Umfeld etwas zu verändern. Das hat mich berührt.

In jedem Fall finde ich es toll, dass das spannende und so ergiebige Suffragetten-Thema nach ziemlich genau hundert Jahren überhaupt wieder so lebhaft ins Gespräch kommt und es endlich einen großen Film über sie gibt – schließlich waren die trickreichen Taten der couragierten Krawallschachteln in ihren langen Röcken schon zu ihrer Zeit überaus medienwirksam.

Wagemutige Heldinnen sind ja heute mehr als je zuvor gefragte Vorbilder, ob im Film oder im Fernsehen, als Krimi oder im Fantasy-Bereich. Auch die einfallsreichen Polit-Aktionen der Vorkämpferinnen für das Frauenwahlrecht können uns heute noch inspirieren. Denn, wie es die Initiative „ProQuote Regie“ eindrucksvoll zeigt: Es bleibt viel zu tun auf dem Weg zu gleichen Rechten, nicht nur im Bereich der Medien. Deshalb empfehle ich: Auf jeden Fall meinen Roman lesen – und natürlich den Film sehen! Und, wie Emmeline Pankhurst es formuliert hätte: „Hört nie auf zu kämpfen!“

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Katharina Müller, geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet. Soziologie- und Fremdsprachenstudium in England und Frankreich. Seit einigen Jahren viele Reisen in afrikanische Länder. Dolmetscherin und Übersetzerin für Französisch und Englisch im Bereich Kultur und Entwicklungszusammenarbeit. Sie lebt in Berlin. Rosie und die Suffragetten ist ihr zweiter Roman.

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2 Antworten zu “Couragierte Krawallschachteln

  1. Pingback: Verlosung | Mehr als nur Querlesen |·

  2. Emmeline Pankhurst war in der Tat eine ambivalente Persönlichkeit, weil sie als brave Nationalistin als Unterstützerin des Reaktionären „Order of the White Feater“ im ersten Weltkrieg Jagd auf Männer machte, die beim völlig sinnlosen Massenmord nicht mit machen wollten, und diese mit der „White Feather“ als vermeintliche „Feiglinge“ auszeichnete. Da ist Emmeline Prunkhursts Tochter Estelle Sylvia Pankhurst wohl eher ein Vorbild, die sich auch für die Arbeiterinnen, also die Unterschicht, einsetzte (ihre Mutter hingegen trat sogar den Konservativen bei), als Kommunistin sogar Lenin in direkter Konfrontation die Stirne bot, sich als Pazifistin, Antifaschistin und Antikolonialistin engagierte und im Zweiten Weltkrieg sogar nach Äthopien auswanderte um den Kampf der Äthopier gegen die italienischen Faschisten zu unterstützen.

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