Das Buch in meiner Hand

von Jens Korthals //

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Foto: (c) Jens Korthals

Das Buch in meiner Hand. Die Nachahmung von Leben von Jens Korthals. Gerade aus der Druckerei gekommen. Es ist viel dicker, als ich mir vorgestellt habe, und riecht ein wenig nach Chemikalien. Es ist mir fremd.

Ich denke daran, wie alles begonnen hat, wie in das Buch reingekommen ist, was jetzt auf den vielen Seiten steht. Am Anfang ein Traum, den ich auf einer Insel habe, näher an Afrika als an Europa. Ein Toter im Darkroom. Wer ist er? Warum musste er sterben? Ich wache auf und weiß es nicht.

Im Park mit vielen exotischen Pflanzen und bunten Mosaiken. Der Baum, der aus zwei Stämmen besteht, die beide aus einer Wurzel wachsen, sich trennen, zusammenkommen und umschlungen wieder eins werden, bevor sie sich in der Krone verzweigen. Das Sinnbild für die Beziehung der beiden Protagonisten: der Underdog Reinhard, schwul, vom Vater auf die Straße gesetzt, sich herumtreibend unter Obdachlosen, Punkern und Strichern, und der aus einer wohlhabenden Familie stammende Hetero Christian, scheinbar auf der Sonnenseite des Lebens aufwachsend. Verschieden und doch in ihrem Außenseitertum ähnlich, denn beide verstehen die Regeln des Lebens nicht. Sie wachsen im selben Berliner Bezirk auf, doch ihre Wege trennen sich, kreuzen sich aber immer wieder.

Im Flugzeug zurück nach Berlin schreibe ich dann über einen „dirty old man“, der sich in Darkroomkneipen herumtreibt. Er schaut sich Pornos an, Männer werden gefistet, und plötzlich steht ein Fluggast im Gang neben meinem Sitz. Es ist mir peinlich, wenn er das liest, und ich klappe mein iPad zu. Warum? Ich schreibe kein Tagebuch, sondern für die Öffentlichkeit.

In Berlin dann das Programm. Ich schreibe jeden Tag, egal ob Werktag, Wochenende oder Feiertag. Mindestens zwanzig Zeilen. Das ist das Ziel. Egal, wo ich bin, dem iPad sei Dank. Egal, was um mich herum passiert. Ich schreibe am Frühstückstisch am Ostersonntag, und Christian entdeckt im Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg einen konspirativen Neonazitreff und bekommt mit einer Schulfreundin seinen ersten Orgasmus. Es ist Sommer, auf der Terrasse meiner Eltern zwitschern die Vögel, und die symbiotische Beziehung von Reinhard und dem Friedenauer Transvestiten „The Lady“ endet in einer Katastrophe. Immer noch Sommer, in einer Strandmuschel an der dänischen Küste, während Christian und Tim durch die Altstadt von Tanger irren und Zeugen einer Vergewaltigung werden. Im Herbst ist dann im Park vor dem Schloss Charlottenburg schon Silvester, und Reinhard feiert im SchwuZ und Connection in die Neunziger hinein. Auf dem Weihnachtsmarkt in Erfurt verliert sich dann Reinhard in den Darkrooms von Berlin.

Oft schreibe ich, und um mich herum unterhalten sich Leute. Manchmal fragen sie mich etwas, und ich antworte, während ich schreibe. Oder es läuft der Fernseher, das Radio, eine CD. Wenn ich abgelenkt bin, fällt mir das Schreiben leichter. Ist meine Prosa deswegen fahrig, oberflächlich, sprunghaft? Von obdachlosen Punks zu hedonistischen Jetset-Partys an der Côte d’Azur; von Drogenexzessen in Berliner Darkrooms zum Überlebenskampf eines KZ-Häftlings in Sachsenhausen. Die Passagen, die ich Thomas-Mann-mäßig im abgeschotteten Arbeitszimmer verfasse/entwerfe, verwerfe ich dagegen oft.

Dann nach einem Jahr ist der Text fertig, und ich beginne alles noch einmal durchzulesen. Ich erschrecke über die umständlichen Sätze, die unnötigen Wiederholungen. Nach den zwei Lektoraten und dem Korrektorat, die die Sätze geschmeidiger und lesbarer machen (großer Dank an Jim Baker und den/die unbekannte KorrektorIn), kommt mir der Roman von der Konstruktion und dem Aufbau so stümperhaft und unausgegoren vor. Dieses Buch wird niemanden interessieren.

Und jetzt beginne ich zu lesen, freunde mich langsam mit den Wörtern an und stehe dann auf.  Mit meinem Buch in der Hand.

Vielleicht auch bald das Buch in Deiner Hand?

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Jens Korthals, geboren 1962 in Berlin-Charlottenburg. Studium der Germanistik und der Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er arbeitet in der Literaturwerkstatt Berlin. Die Nachahmung von Leben ist sein erster Roman.

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