Kleider machen Leute – Anzüge scheinbar erst recht

Die obligatorische Buchmessenrückschau von Jim Baker //

1917617_945135175604291_8113880569655753873_nIm Alltag bin ich eher der „Jeans-und-T-Shirt“-Typ – das geht schnell, braucht wenig Pflege und ist bequem. Nur zu Buchmessen tanze ich da aus der Reihe. Dann ist Anzug angesagt, keine Ahnung, warum. Doch wenn es darum geht, den Verlag zu repräsentieren und vier Tage lang dekorativ in vollen Messehallen rumzustehen, mit Lesern und Leserinnen zu reden und die manchmal sehr sonderbare Fragen gutmeinender heterosexuellen Besucher und Besucherinnen stoisch zu beantworten, greife ich auf das klassische Outfit zurück: dunklen Anzug, helles Hemd, Krawatte und schwarze Halbschuhe aus Leder.
Und bin jedes Mal über die Reaktionen erstaunt.
„Da habe ich zu meiner Freundin gleich gesagt: ‚Schau mal, was für einen schicken Verleger ich habe!‘“, gestand mir in Leipzig am letzten Messetag unsere neue Autorin aus der Schweiz, Lovis Cassaris, voller Stolz. Das Kontrastprogramm dazu lieferte ein schwuler Verlagskollege am ersten Messetag beim Kaffeetrinken: „Jim, hast du mal überlegt, eine schmalere Krawatte dazu zu tragen? Würde garantiert besser aussehen.“ Am Samstag bekam ich sogar Besuch von meinem Nachbarn aus Berlin-Schöneberg, der statt einer Begrüßung mich gleich aus der Fassung brachte: „Jim wie siehst du denn aus? So kenne ich dich gar nicht! Oder musst du nachher zu einer Beerdigung?“
Ich muss gestehen, ich weiß auch nicht, warum ich Buchmesse immer mit Anzug verbinde. Vielleicht, weil ich meine 1,69 m kompensieren will? Oder eher mit billigen Mitteln mir Respekt (hoffentlich) damit erschleiche? Kompetenz und Professionalität durch einen Schlips vorheucheln? Es könnte aber genauso gut bloß die Lust an der Verkleidung sein. Wer weiß?
Dass ein Verlagsmitarbeiter in Anzug bei manchen völlig andere Assoziationen wecken kann, musste ich mal erleben, als eine Journalistin für die Berliner Zeitung eine Buchpremiere so kommentierte: „Nur der Verleger wirkte in seinem Anzug etwas fehl am Platz, erinnerte er mich doch eher an einen Schaffner der Deutschen Bahn.“
Verunsichert durch meine Erfahrungen in Leipzig beschäftigt mich nun plötzlich die Frage: Was soll ich bloß auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober anziehen? Vorschläge nehme ich gern entgegen.

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Jim Baker ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Querverlags.

 

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Eine Antwort zu “Kleider machen Leute – Anzüge scheinbar erst recht

  1. Und wenn man dann erst als Frau, jedenfalls genetisch-biologisch, einen Anzug trägt … interessant nur, dass mich das in den Augen anderer irgendwie immer noch nicht zum Cross-Dresser macht. Und erst mit angemaltem Bart gucken die Leute wirklich.
    Ich schlage für’s nächste Mal vor, ein Kleid? =)

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