L-Beach Nebenwirkungen

lovis-lbeach2015

Ilona Bubeck und Lovis Cassaris auf der L-Beach 2015

von Lovis Cassaris //

Die kleine, zierliche Frau hinter dem Büchertisch des Querverlags wirkte sofort sympathisch auf mich. Ilona – so stellte sie sich mir damals an der Ostsee vor – passte überhaupt nicht ins Bild des ersten L-Beach-Festivals. Mitte fünfzig, vielleicht etwas älter, nicht so aufgedreht wie die ganzen Lesben auf der bisher größten europäischen Indoor-Veranstaltung für Frauen. Wir kamen ins Gespräch, unterhielten uns über Bücher und Feminismus. Sie erzählte mir, dass sie Audre Lorde persönlich gekannt hatte. Ich war hin und weg. Wir tauschten kaum Persönliches aus. Nicht, dass es mich nicht interessiert hätte, aber wir hatten eine viel intimere Gesprächsbasis: die Literatur. Ich reiste nach dem Festival mit fünf, sechs, noch mehr Büchern zurück in die Schweiz und behielt ihren Namen noch ganz lange in Erinnerung. Ilona. Wir sollten uns von nun an jedes Jahr sehen. Immer am Weißenhäuser Strand, immer am Bücherstand des Querverlags, meistens bei Regenwetter. War es eine Freundschaft? Ich wusste nur, dass Ilona für mich zum L-Beach-Inventar gehörte. Dass es sich immer ein wenig anfühlte wie nach Hause zu kommen, wenn wir uns im Bücherzelt begrüßten. Dass ich mich jedes Mal schon Tage vor der Abreise auf die neuen Gespräche freute.

Vier Jahre nach unserer ersten Begegnung, während ich gerade wieder eine Neuerscheinung des Querverlags in der Hand hielt, sprach ich einen Satz aus, der mein Leben prägen sollte: „Es wäre so schön, eines Tages selbst im Querverlag zu veröffentlichen.“

„Du schreibst?“,  fragte mich Ilona. Ich nickte und schämte mich nahezu, es zuzugeben. Ich hatte ein Jahr davor genau am Weißenhäuser Strand einen ersten Entwurf von Ein letztes Mal wir gemacht. Ich hatte ein paar Szenen verfasst. Bis dahin nichts Greifbares, aber immerhin.

„Ich kann dir zwar wirklich nichts versprechen, aber wenn du magst, kannst du mir dein Manuskript schicken. Ich werde es mir anschauen.“

Ich verstand nicht. Jahrelang hatte ich Ilona nicht gefragt, welche Funktion sie im Querverlag hatte. Gegoogelt hatte ich sie auch nie. War es naiv von mir gewesen zu glauben, sie sei lediglich die Büchertante? Die Assistentin, die immer wieder an den Bücherständen mit anpackt?  Eine Aushilfe? Oder hatte Ilona schon mal von ihrem Job erzählt, und ich hatte es einfach überhört? Vielleicht.

Ich konnte mein Glück nicht fassen, war sprachlos.

„Ich hab ja keine Ahnung, ob du schreiben kannst. Das Einzige, was ich tun kann, ist dir zu versprechen, dass ich mir deinen Text anschauen werde.“ Ich nickte weiter.

„Und es wird eine Weile dauern. Wir bekommen Tausende von Manuskripten.“ Es war mir egal, wie lange es dauern würde. Ilona hatte mir soeben gesagt, dass mein Manuskript nicht gleich im Mülleimer landen würde. Sie gab mir eine Chance. Das war das Wichtigste.

Zurück in der Schweiz schrieb ich ein paar neue Szenen und revidierte die alten. Mittlerweile sind übrigens nur noch Fragmente davon im Roman wiederzufinden. So viel hat sich seitdem geändert.

Ich trieb Familie, Freunde und Bekannte in den Wahnsinn, indem ich alle dazu nötigte, Exposé und Probekapitel mehrfach zu lesen und gemeinsam mit mir zu redigieren. Dann schickte ich, mit Ehrfurcht erfüllt, Ilona die Datei. Bereits nach wenigen Wochen meldete sie sich. Es war Juni 2014. Sie war begeistert, wollte das Gesamtmanuskript sehen.

„Das habe ich noch nicht“, gab ich zu.

„Mir gefällt dein Schreibstil sehr gut, von daher gedulde ich mich gern.“ O ja, Ilona ist in der Tat ein sehr geduldiger Mensch! Zu diesem Zeitpunkt wussten wir beide noch nicht, dass sie noch über ein ganzes Jahr auf meinen Text würde warten müssen. Vier Monate davor hatte mein Bruder Claudio, dem ich Ein letztes Mal wir gewidmet habe, die Diagnose erhalten: Krebs im Endstadium. Und ich, die ich in meinem Romanentwurf zufälligerweise auch gerade über Krebs schrieb, tat es mir anfangs damit schwer, weiter am Text zu arbeiten. Es war nicht nur die Angst vor der persönlichen Auseinandersetzung. Ich benötigte meine ganze Energie, um meinem Bruder beizustehen, ihm in den letzten Monaten seines Lebens nahe zu sein. Da war keine Zeit zum Schreiben. Ich erzählte Claudio vom Interesse des Querverlags an meinem Buchprojekt. „Ich glaube an dich, Schwesterherz. Du schaffst das.“ Er selbst war auch Künstler, machte Musik, verfasste Lyrik. Wir hatten einen gemeinsamen Traum, der leider nicht in Erfüllung ging: zusammen einen Roman zu verfassen. Die Zeit bis zu seinem Tod im August 2014, also keine sechs Monate nach der Diagnose, reichte gerade mal für einen ersten Entwurf des Plots und der Figuren. Ich versprach ihm, zu gegebener Zeit das gemeinsame Projekt weiterzuverfolgen und eines Tages unseren Roman zu schreiben. Für ihn, für uns. 

„Hast du inzwischen etwa einen anderen Verlag gefunden?“, fragte mich Ilona, als ich mich weiterhin nicht bei ihr meldete. Es hatte in der Zeit tatsächlich ein anderer Verlag Interesse am Projekt bekundet. Jemand hatte meinen WordPress-Blog entdeckt und eine Textprobe gesehen, aber ich wollte unbedingt beim Querverlag bleiben, mit welchem ich mich zu dem Zeitpunkt bereits verbunden fühlte. 

„Nein, aber ich brauche noch etwas Zeit“, sagte ich und ging das Risiko ein, von Ilona diesmal den Laufpass zu kriegen. Sie zeigte Verständnis für meine Situation, auch wenn es für sie und den Verlag sicher nicht schön war, so lange auf meinen Kram warten zu müssen. Mein Bruder starb mitten im Sommer, und ich musste eine wichtige Entscheidung treffen. Entweder weiterschreiben und mich der Herausforderung stellen oder eine Pause einlegen und trauern. Ich entschied mich fürs Weiterschreiben und merkte nach und nach, dass mir die Konfrontation mit dem Thema guttat. Eine Sache wollte ich allerdings vermeiden. Ich wollte auf gar keinen Fall ein deprimierendes Werk produzieren. Deshalb ist Ein letztes Mal wir so ein bewegendes Buch geworden: Es erzählt eine Liebesgeschichte, die nicht nur von Krankheit und Tod bestimmt ist. Wenn ich etwas aus meiner persönlichen Erfahrung gelernt habe, dann, dass Humor ein durchaus effizientes Mittel sein kann, um mit der ganzen Scheiße klarzukommen, die einem im Leben widerfährt. Ein letztes Mal wir hat schon einige zum Weinen und Lachen gebracht. Beides teilweise sogar gleichzeitig. Genau das wollte ich als Autorin.

Ilona blieb glücklicherweise am Ball. Sie gab mich nicht auf, fragte immer wieder nach dem Manuskript. Wir verschoben den Abgabetermin von September auf Dezember, von Dezember auf März und dann auf Mai. Im August 2015 gab ich endlich den gesamten Text ab. Und ich hatte Angst wie wohl jede*r Autor*in, einen Haufen Mist geliefert zu haben. Ich hatte keine Zeit mehr für ein professionelles Vorlektorat gefunden. Ich musste auf die Korrekturen, Kommentare und Kritiken von Freunde und Familie vertrauen.

„Ich kann dir wieder nichts versprechen“, warnte mich Ilona. „Die Entscheidung liegt auch bei Jim.“ O nein, dachte ich. Wer genau war dieser Jim? Wer wusste schon, wie er drauf war und ob er meinen Stil auch so mögen würde wie Ilona. Ich stellte mich innerlich schon darauf ein, bald eine Absage zu bekommen, das Autorsein an den Nagel zu hängen und zukünftig nur noch Einkaufslisten und Whatsapp-Nachrichten zu verfassen.

Doch dann, im letzten Oktober, befand ich mich gerade am Grazer Flughafen, als die E-Mail mit der Zusage auf meinem Notebook-Bildschirm aufploppte. Ich war wie berauscht, fing an zu weinen. Ich war so glücklich, dass ich auf die teuren Auslandgebühren pfiff und alle anrief, die mir gerade in den Sinn kamen. Durch die ganze Aufregung wartete ich erst am falschen Gate, kam beinahe zu spät zum Boarding und ließ zu guter Letzt auch noch mein Handgepäck stehen. Jetzt fehlte nur noch, dass der Flughafen wegen eines unbeaufsichtigten Koffers evakuiert wurde und meine Sachen sicherheitshalber in die Luft gesprengt würden.

Kaum zu Hause angekommen, buchte ich auch schon meinen Flug nach Berlin, um den Autorenvertrag zu unterschreiben und das Manuskript in einer ersten Runde zusammen mit den Lektorierenden zu besprechen. Mit dem unterschriebenen Vertrag ging ich zum Friedwald und suchte den Baum auf, unter dem mein Bruder bzw. seine Asche begraben ist.

„Schau mal, Bruderherz. Ich habe es geschafft.“

//

Lovis Cassaris, geboren 1983 in Süd­italien, aufgewachsen in der Schweiz, lebt heute in Aarau. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Englische Literaturwissenschaft in Zürich, Berlin und Potsdam. Aktuell promoviert sie im Forschungsfeld der Gender- und Queerlinguistik in Zürich, arbeitet als Kommunikationsverantwortliche und freie Journalistin. Im Queverlag erschien 2016 ihr erster Roman Ein letztes Mal wir.

Links
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