Auf alle Ewigkeit online (Letzte Orte I)

Axel Schock über Andy Warhols Grabstätte auf dem St. John the Baptist Byzantine Catholic Cementery in Bethel Park/USA //

Als sich am 22. Februar 1987 im Laufe des Vormittags die Nachricht vom Tode Andy Warhols verbreitete, herrschte zunächst Ungläubigkeit, und nicht wenige hielten es für einen makabren Spaß seiner Feinde oder vielleicht sogar des Pop-Art-Künstlers und Filmemachers selbst. Die offizielle Bestätigung des New York Hospital brachte schließlich die traurige Gewissheit: Andy Warhol war am Morgen an den Komplikationen einer Gallenblasenoperation verstorben.

nyp_warholdead„Andy Warhol Dead at 58“ vermeldete die New York Post nüchtern und knapp in fetten Lettern den überraschenden Tod des Allroundgenies. Genau genommen war der Tod allerdings bereits zwei Jahrzehnte zuvor in Warhols Leben getreten, nämlich am 4. Juni 1968. An diesem Tag schoss Valerie Solanas, Gründerin und einziges Mitglied von SCUM, der Society for Cutting Up Men (dt. wörtlich: Gesellschaft zur Zerstückelung von Männern), Warhol vor dessen Factory nieder. Der überlebte das Attentat zwar schwer verletzt, litt aber zeitlebens an den Folgeschäden. Das traumatische Erlebnis hat auch in seiner Kunst Spuren hinterlassen. Neben seinen legendären Bildern von Campbell’s Suppendosen und den Marilyn-Monroe-Porträts, mit denen er die Oberflächlichkeit der Konsumwelt und die Popkultur feierte, hat sich Warhol immer wieder auch mit düsteren Aspekten des Lebens beschäftigt. Gleich mehrere Zyklen sind der Todesthematik gewidmet und bilden ein wahres Panoptikum von Toten und Todesformen: Bilder vom elektrischen Stuhl, von Totenschädeln, von der Ermordung John F. Kennedys, aber auch von anonymen Toten. „Ich war der Ansicht, dass die Leute auch einmal über sie nachdenken sollten: über das Mädchen, das vom Empire State Building sprang, über die Frauen, die den vergifteten Thunfisch aßen, und die Menschen, die bei Verkehrsunfällen umkamen“, kommentierte Warhol seine Serie Disaster Paintings.

Auch bei diesem Bildzyklus verwendete Warhol zumeist Zeitungsfotos als Vorlage: sensationslüsterne Bilder von brennenden Autos, von Menschen im freien Fall und von verunstalteten Leichen. Es ist ein abgeklärter, wenig empathischer Blick auf das Sterben und die Toten.

Was sein eigenes Grab angeht, so wünschte sich Andy Warhol einen ähnlich nüchternen Umgang. Am liebsten, so sagte er in einem Interview, wäre ihm ein Grabstein ohne Namen und ohne jegliche Inschrift. Dieser Wunsch blieb unerfüllt. Bestattetet wurde er auf dem Pittsburgher St. John the Baptist Byzantine Catholic Cementery in direkter Nähe zu seinen Eltern. Sein Grabstein – das hätte Warhol sicherlich gefallen – ist ein industrielles Massenprodukt. Dennoch ist die Ruhestätte auf dem weitläufigen Gelände recht leicht zu finden. Das liegt an den Campbell’s-Suppendosen, die Warhol-Fans statt Blumen zum Grab bringen.

Allegheny Andy Warhol'  Foto Allie Caulfield

Foto (c) Allie Caulfield

Um zu sehen, wie viele Blechbüchsen sich aktuell gerade stapeln, muss man nicht einmal nach Pittsburgh reisen. Seit Warhols 85. Geburtstag nämlich filmt eine Webcam rund im die Uhr den Ort des Geschehens und überträgt die Bilder via Internet in alle Welt. Die Idee könnte von Warhol selbst stammen, schließlich hatte er als Filmemacher ein Faible für endlos lange statische Kameraeinstellungen. In Blow Job ist 35 Minuten lang das Gesicht und der Oberköper eines Mannes zu sehen, dem exakt das widerfährt, was der Titel verspricht. Empire zeigt ganze acht Stunden aus unbewegter Perspektive die oberen Etagen und die Spitze des Empire State Building in New York City. Figment (Einbildung), so der Titel des vom Warhol-Museum Pittsburgh initiierten Live-Stream-Projektes, soll ewig dauern. Zumindest, solange es das Internet gibt.

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Für sein Buch Schwule Orte hat Axel Schock 150 Schauplätze von Morden, Skandalen, Liebesdramen und anderen geschichtsträchtigen schwulen Ereignisse recherchiert. Auf dem #quer20-Blog stellt der Querverlag-Autor in loser Folge nun Letzte Orte vor und erzählt die bemerkenswerten Geschichten hinter den Grabstätten queerer Persönlichkeiten aus aller Welt.

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