Zwei Frauen – ein Grabstein (Letzte Orte II)

Axel Schock über Alice B. Toklas und Gertrude Stein auf dem Cimetière du Père-Lachaise Paris //

Vier Jahrzehnte haben sie ihr Leben zusammen verbracht, und selbstverständlich teilen sich die beiden Frauen auch eine Grabstätte, ja sogar einen Grabstein. Gertrude Steins Name ist in goldenen Lettern auf der Vorderseite eingraviert, der ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas allerdings nicht etwa direkt daneben oder darunter, wie man erwarten würde, sondern auf der Rückseite. Es soll Alice B. Toklas’ Wunsch gewesen sein. Alle Aufmerksamkeit sollte Gertrude gelten. So war es im Leben, und so sollte es bleiben.

38 Jahre haben die beiden Frauen zusammen verbracht und fast alles gemeinsam unternommen. Die Rollen waren dabei klar verteilt. Gertrude Stein – Kunstsammlerin, Schriftstellerin, „Mutter der Moderne“ (Thornton Wilder) – förderte Maler wie Pablo Picasso, Henri Rousseau und Henri Matisse, und pflegte kreative Freundschaften mit James Joyce, Max Jacob, Guillaume Apollinaire und Alfred Jarry.

Stein Toklas Foto - Carl Mydans

Foto von Carl Mydans

In ihrer Parterre-Wohnung der Rue de Fleurus 27 am linken Seine-Ufer, die sie 1902 mit ihrem Bruder Leo Stein bezogen hatte, scharte sich in den 1920er und 1930er Jahren die Avantgarde. Unter den intellektuellen und kunstsinnigen Paris-Touristen war Stein zu einer Sehenswürdigkeiten geworden wie für andere der Eiffelturm oder die Folies Bergère. Alice hingegen, die treue Frau an ihrer Seite, blieb stets im Hintergrund und war Muse, Sekretärin, Lektorin und Managerin, künstlerische Ratgeberin und Köchin zugleich. „Sie war in gewisser Weise Gertrudes natürliche Ergänzung, wie auch ihr ‚Schutz und Schirm‘“, beschrieb der Stein-Biograf John Malcolm Brinnin das Verhältnis der beiden Frauen zueinander. „Nur dank Alice’ treuer Gefolgschaft und ihrem hingebenden Dienen konnte Gertrude so hemmungslos ihren Neigungen frönen, wie sie es zeit ihres Leben getan hat.“ Und so blieb ihr Alice auch über den Tod hinaus ergeben, kümmerte sich um den literarischen Nachlass und um Neuveröffentlichungen ihrer Werke. Zudem trat Alice nun auch selbst als Autorin an die Öffentlichkeit: als Verfasserin eines mit Anekdoten gespickten Kochbuchs (mit Rezepten für kalorienreiche französische Gerichte wie auch für Hasch-Brownies) und mit einer Autobiografie, die sich dann aber doch vor allem um Gertrude Stein dreht. Darin schildert Alice B. Toklas auch die letzten Tage ihrer Partnerin. Am 19. Juli 1946 war Gertrude Stein nach einem Zusammenbruch ins Amerikanische Krankenhaus in Neuilly-sur-Seine gebracht worden, wo man wenige Tage darauf ihren Magenkrebs operierte. Im Krankenbett verfasste Gertrude ihr Testament, in dem sie Alice sowie ihrem Neffen Allan Stein zu Nachlassverwaltern ernannte.  Picassos Stein-Porträt sollte ans Metropolitan Museum of Modern Art gehen.

“What is the answer? … In that case, what is the question?” – das waren, wenn man Alice B. Toklas Glauben schenken darf, Gertrudes letzte, mysteriöse Worte. Nicht weniger mysteriös wie die Grabinschrift, die im Übrigen vom Weg nicht einsehbar ist. Um sie lesen zu können, muss man über die benachbarten Gräber hinübersteigen. Nicht nur Steins Todesdatum ist nicht korrekt (29. statt 27. Juli), auch ihr Geburtsort Allegheny im US-Bundesstat Pennsylvania ist falsch geschrieben (Allfgheny).

Alice hatte den befreundeten britischen Maler Francis Cyril Rose mit der Grabsteingestaltung beauftragt. Weil sich die Verhandlungen über den Kauf der Doppelgrabstätte länger hinzogen als erwartet, konnte die Beisetzung erst am 22. Oktober 1946, also ein Vierteljahr nach Gertrudes Tod, stattfinden. Ihr Leichnam lagerte in der Zwischenzeit in der Gruft der American Cathedral.

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr vom Begräbnis vernichtete Alice alle persönliche Notizen, die sich die beiden Frauen einander geschrieben hatten. Gertrude glaubte die Lebensgefährtin durch ihr Vermächtnis zeitlebens finanziell gesichert. Doch vor allem Roubina Stein, die Ehefrau des Neffen Allen, verhinderte mit juristischer Finesse, dass Alice Kunstwerke verkaufen konnte, um damit ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Weitgehend mittellos musste sie die geliebte Wohnung aufgeben und sparte an Heizung, weil sie die Rechnungen nicht begleichen konnte. Die Concierge drehte daher in den Winterabenden das Wasser ab, um ein Einfrieren der Rohre zu verhindern.

Im hohen Alter trat die aus einer jüdischen Familie stammende Alice B. Toklas zur Überraschung vieler Freunde in die katholische Kirche ein. Der Beweggrund war ein Versprechen, das ihr die jüdische Religion und schon gar nicht der Atheismus Gertrude Steins geben konnten – nämlich auf ein Jenseits und damit auf ein Wiedersehen mit der Frau ihres Lebens. Alice B. Toklas überlebte Gertrude Stein um zwei Jahrzehnte; sie starb am 7. März 1967.

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Für sein Buch Schwule Orte hat Axel Schock 150 Schauplätze von Morden, Skandalen, Liebesdramen und anderen geschichtsträchtigen schwulen Ereignisse recherchiert. Auf dem #quer20-Blog stellt der Querverlag-Autor in loser Folge nun Letzte Orte vor und erzählt die bemerkenswerten Geschichten hinter den Grabstätten queerer Persönlichkeiten aus aller Welt.

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