Zehn Jahre für ein Buch?

von Malou Berlin //

Ja, von der Idee bis zur Drucklegung meines Romans „Brandspuren“ sind fast zehn Jahre vergangen. Mit dem ersten Konzept habe ich mich 2006 an der Filmarche Berlin für den Studiengang Filmdramaturgie/Drehbuch beworben, mich dort mit Aristoteles, Dialogführung und mit Subtexten beschäftigt und in meiner knappen Freizeit am Manuskript geschrieben. Das Thema hatte ich gewählt, weil der Brandanschlag von Mölln – im Nachkriegsdeutschland der erste mit tödlichen Folgen – eine Zäsur in meinem Leben bildete. Einige Menschen in meinem Umfeld haben damals überlegt, Deutschland zu verlassen, rechtzeitig, wie sie meinten, anders als viele Juden, Homosexuelle und Linke in den dreißiger Jahren. Manche meiner Bekannten bewaffneten sich oder legten Taue unter ihre Betten, damit sie sich bei einem Brandanschlag abseilen könnten und sich nicht – wie die Frauen der Möllner Familie Arslan – durch den Sprung aus dem Fenster schwer verletzen würden.

Mein Versuch, mit den Arslans Kontakt aufzunehmen, erwies sich als schwierig, weil die Familie ähnlich schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht hat wie später die Angehörigen der NSU-Opfer: Schuldzuweisungen und Versuche, die Opfer zu kriminalisieren. Da ich nicht ohne Einverständnis der Familie Arslan deren Erlebnisse in einer fiktiven Geschichte verarbeiten wollte, verlegte ich meine Roman- bzw. Drehbuchhandlung nach Ost-Brandenburg, wo ich seit Langem lebe und mit den regionalen Gegebenheiten und dem Menschenschlag vertrauter bin als in Schleswig-Holstein.

Dann lud mich der damals 21-jährige Sohn der Familie Arslan überraschend zu einem Gespräch ein, bei dem ich von einer ihn begleitenden Rechtsanwältin auf Herz und Nieren geprüft wurde. Als ich den jungen Ibrahim Arslan erlebte, wie er trotz seiner traumatischen Erfahrungen – er war als Sechsjähriger stundenlang allein im brennenden Haus gewesen – vor Lebenslust sprühte und wie er sich mit seiner Geschichte auseinandersetzte, wusste ich, das will ich anders erzählen, das muss ein Dokumentarfilm werden, in dem er selbst für sich spricht. Also habe ich an allen Filmarche-Seminaren zu Dokumentarfilmregie und Montage teilgenommen und mir ein Team gesucht, mit dem ich diesen Film verwirklichen konnte. Es entstand die Langzeitdokumentation „Nach dem Brand“, an der ich fast fünf Jahre gearbeitet habe.

Während ich im Film ausschließlich die Opferperspektive gezeigt habe, konzentrierte ich mich beim Schreiben des Romans auf eine zweite Sichtweise: die der schweigenden Zeuginnen und Zeugen. Wie kann sich ein Leben entwickeln, wenn man sein eigenes Hören und Sehen verleugnet? Was sind die Folgen des Schweigens – nicht für die Opfer, sondern für das eigene Leben?

In Mölln gab es eine kindliche Zeugin: die neunjährige deutsche Freundin von Ibrahims getöteter Schwester, die nachts auf dem Weg zur Toilette die beiden Nazis vor dem Haus gegenüber beobachtet hatte. Deren Eltern hatten verständlicherweise große Angst davor, zur Polizei zu gehen, und davor, dass ihre Tochter vor Gericht aussagt. Sie haben sich dennoch dafür entschieden, wodurch die beiden Nazis zu Höchststrafen verurteilt werden konnten. Der Preis, den die kindliche Zeugin und ihre Familie dafür zahlen mussten, war hoch: Mit einer neuen Identität ausgestattet, haben sie Mölln verlassen und sind an einen unbekannten Ort gezogen. Ich vermute, der Preis für das Schweigen und Vertuschen wäre noch höher gewesen.

Erst Ende 2013, als die Filmfestivals und Vorführungen vorbei waren, hatte ich wieder Zeit, an meinem Manuskript „Brandspuren“ weiterzuarbeiten. Ich nahm an, dass es für den Querverlag nicht lesbisch genug sei, und nur durch einen Zufall habe ich mit Ilona im Herbst 2015 darüber gesprochen und es ihr anschließend vorgelegt.

Auch nach zehn Jahren lässt mich der Stoff noch nicht los: Ich habe bereits erste Schritte für eine Verfilmung von „Brandspuren“ eingeleitet.

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Malou Berlin, geb.1961 in Baden-Württemberg, lebt in Ost-Brandenburg und arbeitet als freiberufliche Autorin und Filmemacherin. Ihr Dokumentarfilm „Nach dem Brand. Eine Familie aus Mölln“ erhielt verschiedene Auszeichnungen, u.a. den Vielfaltspreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern und Nominierungen für den Prix Europa und den Grimme-Preis.

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