Straßenfestkultur – oder: „Ist das hier der Info-Stand der Junglesben?“

von Jim Baker //

13680527_1027268340724307_161608328528131608_nEin Straßenfest weist erstaunliche Gemeinsamkeiten mit einer Buchmesse auf. Ob Verlagsstand in Leipzig und Frankfurt am Main oder ein Verkaufstresen in Köln, Berlin und Hamburg – man braucht an allen Orten ganz bestimmte Fähigkeiten: ein beträchtliches Stehvermögen, ein Dauerlächeln und nicht zuletzt Lust, mit einem wirklich breiten Spektrum an Menschen zu reden.
Und das im Schnitt bis 12 Stunden am Tag. Im Stehen. Ob es regnet, stürmt oder tropisch heiß ist.

Da inzwischen für uns die CSD-Saison (vulgo Pride Week) als abgeschlossen gelten kann, möchte ich nun die Eindrücke von den lesbisch-schwulen Straßenfesten in Hamburg, Berlin und Köln kurz auswerten.

Alle drei Städte boten uns eine Schar interessierter Leser_innen, der Stand war (meist) gut besucht und über die Umsätze können wir uns nun wirklich nicht beschweren. Dennoch muss ich drei frappierende Unterschiede festhalten, die mir nach den vielen langen Wochenenden in Erinnerung geblieben sind:

  1. In Köln singen die Leute in der Tat mehr als in Berlin und in Hamburg.
  2. In Berlin wird der Sexualität in all ihren unterschiedlichsten Spielarten erheblich mehr Raum gegeben als in Hamburg und in Köln.
    Und
  3. In Hamburg waren die Menschen viel stolzer auf ihre Stadt als in Berlin und Hamburg (was vor der traumhaft schönen Kulisse der Binnenalster auch verständlich ist).

Trotzdem überwiegen die Gemeinsamkeiten zwischen allen drei Großstädten.

  1. Überall wird gleich viel gesoffen. Vor allem nach 20 Uhr.
  2. Überall müssen wir Heteros noch erklären, was queer bedeutet.
  3. Überall beschweren sich Trans*Menschen zurecht, es gebe nicht genug Literatur für sie.
  4. Überall müssen wir auf die Frage enttäuschter Eltern, warum wir keine Bilderbücher für Regenbogenfamilien verlegen, eingehen.
  5. Überall müssen wir mindestens fünfmal am Tag erklären: „Nein, die Bücher sind nicht umsonst zum Mitnehmen. Und nein, billiger darf ich es dir wegen Preisbindungsgesetz nicht verkaufen.“
  6. „Ja, Amazon ist wirklich der Feind des Buchhandels. Aber bitte, bevor du’s gar nicht bestellst, auch gern über Amazon. Eine Buchhandlung deiner Wahl wäre mir aber lieber.“
  7. Überall waren die gleichen Fressbuden vertreten. Fast, als wären sie uns von Stadt zu Stadt hinterhergereist.
    Und schließlich
  8. Es ist in allen Städten und Ecken dieser Welt auch im Jahr 2016 enorm wichtig, Sichtbarkeit zu zeigen und – wenn auch die Antwortuns inzwischen eher roboterhaft über die Lippen geht – auf die neugierig-naive Frage, „was denn für ein Verlag“ das sei, stolz zu verkünden: „Wir sind der Querverlag, Deutschlands erster und einziger Verlag für Lesben und Schwule. Und das seit nun mehr als 20 Jahren.“

Also danke an alle, die uns am Stand besucht haben. Nächstes Jahr gern wieder!

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Jim Baker ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Querverlags.

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