Das goldene Notizbuch der Lesbenliteratur

Vor 20 Jahren erschien Karen-Susan Fessels Roman Bilder von ihr im Querverlag. Lange vergriffen, oft nachgefragt. Und so entschieden wir uns, das Buch zum Jubiläum noch einmal neu aufzulegen. Hier findet Ihr Auszüge aus dem Vorwort von Karen-Susan Fessel und dem Nachwort von Herausgeberin Ilona Bubeck. //

Vorwort zur Neuausgabe von Bilder von ihr [Auszug]
(Karen-Susan Fessel)

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Suzannah oder das große Gefühl, so sollte es heißen, das Buch, das ich im Frühling 1995 zu schreiben begann. Seit Langem schon hatte ich an der Idee gefeilt, unzählige Sätze und Passagen notiert, mir die wichtigsten Dialoge vorgesprochen, mich aber nicht ans Schreiben gewagt. Nun aber war ich dreißig Jahre alt, im besten Alter für eine aufstrebende Autorin, wie ich fand, und es war an der Zeit, mich meinen eigenen Ansprüchen zu stellen und das Buch zu schreiben, das mich voranbringen würde. Ich wollte mich weiterentwickeln und zugleich meine eigenen Dämonen bannen, indem ich das Schlimmste und Schönste zugleich erzählte, das ich mir vorstellen konnte: einen Menschen zu finden, den man wirklich liebt, und ihn wieder zu verlieren.

Ein schwieriges Thema, sehnsuchtsbeladen und angst-einflößend zugleich – oder besser gleich zwei Themen: Liebe und Tod. Oder: Sehnsucht und Trauer. Aber nun kam ich nicht mehr drumrum.

Noch hatte ich niemandem von meiner Idee erzählt, nur Jakob, einem Freund, dem ich im Spätsommer zuvor die zweiseitige Inhaltsangabe dazu gezeigt hatte. Jakob, bleich und mager und bereits schwer von seiner Erkrankung – Aids im Vollbild – gezeichnet, saß still in meiner Küche, las das Exposé, während ich ihm mit Herzklopfen gegenüberhockte, dann blickte er auf und sagte ernst: „Das ist richtig gut.“

Jakob starb wenige Wochen danach, er hat nicht mehr erlebt, wie das Buch veröffentlicht wurde, und auch nicht, dass es wirklich gut wurde – nämlich so, wie ich es mir gewünscht und vorgestellt hatte; und auch heute noch, wenn ich bei einer Lesung die eine oder andere Passage daraus vorlese, auch heute noch bekomme ich oft selbst eine Gänsehaut, wenn ich eine der Stellen erwische, die ich damals im Laufe von eineinhalb Jahren wie im Rausch niederschrieb.

[…]

Jahre später, nach einer Lesung in Rostock aus einem ganz anderen meiner – inzwischen sind es 32 – Bücher, trat eine junge, hochgewachsene Frau an den Tisch, zog ein komplett auseinandergefallenes und zerfleddertes, nur mit Gummibändern zusammengehaltenes Exemplar aus der Tasche, legte es vor mich hin und sagte: „Meine Bibel. Schreibst du mir was hinein?“

„Meine Bibel.“ Tja, tatsächlich kann ich die junge Frau, die nun auch nicht mehr so jung sein dürfte, ganz gut verstehen. Denn Bilder von ihr ist auch so etwas wie meine eigene Bibel, ein Buch, aus dem ich Kraft und Trost schöpfe, so seltsam das klingen mag. Wann immer ich hineinsehe, lese ich mich fest. Es gibt keinen Satz darin, den ich heute, zwanzig Jahre später, anders schreiben würde. Und die Themen, die ich darin bearbeitet habe, bewegen mich immer noch: Liebe und Tod. Sehnsucht und Trauer.

[…] Und Tod und Verlust stehe ich immer noch ähnlich hilflos gegenüber wie vor zwanzig Jahren, beim Schreiben von Bilder von ihr. Schriftsteller*Innen halten fest, das ist ihre Aufgabe, und ich glaube, genau das mache ich auch: durch das Schreiben festhalten – Erinnerungen, Erfahrungen, Dinge, die geschehen sind, die gefühlt wurden – und mich selbst.    

Natürlich weiß ich, dass meine Leser*Innen sich genau das von mir wünschen, was damals die junge Frau in Rostock von mir bekommen hatte: noch eine Bibel. Und natürlich ist es nicht einfach, nach einem Buch, das so viele bewegt hat und immer noch bewegt, weitere Romane von vergleichbarem Gewicht zu schreiben. Ich persönlich weiß, dass ich stets mein Bestes gebe – und dass jedes Buch für mich ein neues Abenteuer und eine neue Herausforderung ist, der ich mich immer wieder mit Freuden stelle.

Ich bin ein Mensch mit vielen Zweifeln und Ängsten, aber in Bezug auf Bilder von ihr, meinem ersten großen Roman, bin ich frei davon. Für mich war, ist und bleibt das Buch meine ganz persönliche Mondlandung: ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer aber für mich.

//

Nachwort zur Neuausgabe von Bilder von ihr [Auszug]
(Ilona Bubeck)

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Als ich 1996 das Manuskript von Karen-Susan Fessel zum Lesen bekam, ahnte ich nicht, welchen besonderen und erfolgversprechenden Roman ich in den Händen hielt. Fasziniert haben mich gleich ihre klare, stilsichere und strukturierte Sprache sowie ihre offensichtliche Begabung, eine komplexe Geschichte dicht und ergreifend erzählen zu können.

Liebe und Tod sind klassische Themen der Weltliteratur, aber nur selten sind die Protagonistinnen lesbische Frauen. Das Beschreiben intensiver widersprüchlicher Gefühle, die berühren, ohne kitschig zu sein, ist das, was mich am meisten begeistert hat. Liebesgeschichten mag ich selten, aber in diesem Manuskript habe ich mich damals selbst dabei ertappt, dass ich mich dem Sog der ambivalenten Gefühlswelten nicht entziehen konnte. Ohne Pathos wird die Dynamik der großen Liebe, der Sehnsucht nach Nähe und Vertrauen, dem Drang nach versuchter Flucht und schützender Distanz geschildert. Leben und das Ende von Leben werden erzählt – kompromisslos, wunderschön und traurig.

Bilder von ihr ist auch ein anschauliches Dokument und Zeitzeugnis in Romanform über schwul-lesbische Lebensweisen in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren in Berlin. Aber das Einmalige daran ist, dass der Roman für die unterschiedlichsten Leser*innen bis heute nicht an Faszination und Bedeutung verloren hat. Und es ist noch immer der Roman, den ich Lesben, egal in welchem Alter, unter anderem zu ihrem Coming-out empfehlen kann. Und wenn heute, zwanzig Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe, junge Frauen vor mir stehen, die mit Tränen in den Augen von Bilder von ihr schwärmen und mir berichten, warum gerade der Roman für ihr Leben so viel ausgelöst hat, dann zeigt mir das, wie zeitlos die Geschichte ist, wie hervorragend die Schriftstellerin und wie wichtig der Verlag.

Der Roman ist einzigartig, tiefgründig und gefühlvoll erzählt, und ich behaupte nach dieser langen Zeit: Bilder von ihr ist ein fester Bestand im Kanon der Lesbenliteratur.

Karen-Susan hat in der Zwischenzeit viele schöne Romane und zahlreiche berührende Kinder- und Jugendbücher geschrieben, aber Bilder von ihr ist für mich „Das goldene Notizbuch“ der Lesbenliteratur.

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Karen-Susan Fessel wurde 1964 in Lübeck geboren. Nach ihrem Abitur 1983 in Meppen/Ems studierte sie an der Freien Universität Berlin Theaterwissenschaften, Germanistik und Romanistik. Im Anschluss an das Magisterstudium hospitierte sie 1992 in den Abteilungen Hörspiel und Feature des ORB und arbeitet seit 1993 als freiberufliche Schriftstellerin, Journalistin, Lektorin und Dozentin für Schreibseminare. Im Querverlag erschienen bislang 15 Titel von ihr.

Links
Website
Autorinnenseite vom Querverlag
Autorinnenseite auf Literaturport
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