Das geheime Doppelgrab (Letzte Orte III)

von Axel Schock //

Still und heimlich wurde die Urne von Johanna Elberskirchen auf dem Rüdersdorfer Friedhof im Grab ihrer Lebensgefährtin beigesetzt – 30 Jahre nach ihrem Tod.

Moniac + Elberskirchen - Rüdersdor 6Ein Sommertag im Jahr 1975. Im Morgengrauen schleichen sich zwei Frauen, ausgerüstet mit einem Spaten und einem Korb, auf den kleinen Friedhof der Gemeinde Rüdersdorf in Märkisch Oderland und hoffen, dass ihr Besuch dort in dieser frühen Morgenstunde unbemerkt bleibt. Ihr Ziel ist das Grab der 1967 verstorbenen Hildegard Moniac, die nach dem Krieg die Grundschule von Rüdersdorf geleitet hat.

Sie beginnen ein Loch zu graben, um dann darin das zu versenken, was sie vorsorglich unter Blumen versteckt in ihrem Korb mitgebracht haben: die Asche der Sexualreformerin, Homosexuellen- und Frauenaktivistin Johanna Elberskirchen. 30 Jahre war die Urne in einem Pferdstall verstaubt, um nun von alten Freundinnen klammheimlich an der Seite ihrer einstigen Lebensgefährtin beigesetzt zu werden.

Die Guerilla-Aktion blieb unbemerkt. Sicherheitshalber hatten die beiden Bestatterinnen Vergissmeinnicht und Veilchen auf die Grabstelle gepflanzt.

Dass die Publizistin, streitbare Sozialdemokratin und außergewöhnliche Vorkämpferin für die Rechte von Schwulen und Lesben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden hat, blieb Jahrzehnte lang ein Geheimnis. Dass es gelüftet wurde, ist ein Verdienst der Historikerin Dr. Christiane Leidinger. Sie hat mit ihrer Forschung nicht nur maßgeblichen Anteil daran, dass Johanna Elberskirchen insbesondere als Homosexuellenaktivistin aus der Vergessenheit geholt und ihr kämpferisches Leben und politisches Wirken gewürdigt werden. Sie stieß bei ihren Recherchen auch auf die beiden Frauen, die an besagten Sommermorgen 1975 die Urne beigesetzt haben und ihr das Geheimnis um Moniacs Grab offenbarten.

johanna_elberskirchen_um_1905Elberskirchen, 1864 in Bonn geboren, war eine der wenigen aktiven, offen lesbischen Frauen im Wissenschaftlich-humanitären Komitee, der ersten Bürgerrechtsorganisation Homosexueller, das 1897 unter anderem von Magnus Hirschfeld mitbegründet worden war. Als feministische Schriftstellerin und politische Rednerin engagierte sie sich national wie international für das Frauenwahlrecht, für Arbeitschutz und Bildung, insbesondere für Frauen, und die proletarische Jugend. Zudem war sie aktiv in der „Weltliga für Sexualreformer“. Dass sie sich expliziert auch für lesbische Frauen einsetzte, sah man in der SPD nicht gern: 1913 entzog ihr die Bonner Ortsgruppe deshalb das Parteibuch.

1920 übersiedelte Elberskirchen mit ihrer Lebensgefährtin Hildegard Moniac nach Rüdersdorf. In der vom Kalksteintagebau und Schachtofenanlagen geprägten Kleinstadt eröffneten sie im gemeinsam erworbenen Haus in der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße 57 eine Naturheilpraxis. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begannen für das Paar schwierige Zeiten. Moniac verlor wegen ihrer Mitgliedschaft in der USPD, einer Abspaltung der SPD, ihre Anstellung als Gewerbelehrerin, Elberskirchen wurde die Berufsbezeichnung „Ärztin“ aberkannt. Ihre 1904 veröffentlichte Schrift „Die Liebe des dritten Geschlechts“ landete auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“.

Nach Jahren schwerer Krankheit verstarb Johanna Elberskirchen am 17. Mai 1943 79-jährig in Rüdersdorf. Doch warum wurde ihre Asche damals nicht bestattet und die Urne in einem Pferdestall deponiert? Und wusste Hildegard Moniac davon? Waren die Kriegwirren und die herannahende Front der Grund dafür?

Bekannt ist lediglich, dass Hildegard Moniac nach dem Abzug der Roten Armee im Oktober 1945 wieder als Direktorin an die Rüdersdorfer Grundschule zurückkehren konnte, 1951 allerdings auf Drängen der Elternschaft an die örtliche Berufsschule versetzt wurde. Die Gründe bleiben im Vagen. Denkbar ist, dass sie als SPD-Mitglied für nicht linientreu galt, womöglich war auch ihre offen gelebte Liebe zu Frauen das entscheidende Motiv. Ihr Haus teilte sie bis zu ihrem Tod 1967 mit ihrer neuen Lebensgefährtin Luitgarde Kettner. Ihr war eigentlich auch der Platz in Moniacs Doppelgrab zugedacht. Doch als Luli, wie sie von ihrer Lebensgefährtin genannt wurde, zehn Jahre später ebenfalls verstarb, wurde sie jedoch von ihren Verwandten in Süddeutschland beerdigt. Stattdessen ruht nun Johanna Elberskirchen an ihrer Seite.

Wer das Grab auf dem Rüdersdorfer Friedhof Rudolf-Breitscheid-Straße besuchen möchte, muss nur nach zwei weißen Gedenktafeln in der Nähe des anonymen Gräberfeldes Ausschau halten. Auf Initiative von Dr. Christiane Leidinger wurde die Grabstätte 2002 vom Gemeinderat in einem einstimmigen Beschluss zum Ehrengrab erklärt und die beiden Textplatten mit Informationen zum Leben und Werk des Frauenpaares finanziert.

Lektüretipp:
Christiane Leidinger: „Keine Tochter aus gutem Hause – Johanna Elberskirchen (1864-1943)“, UVK Verlagsgesellschaft Konstanz 2008.

//

Für sein Buch Schwule Orte hat Axel Schock 150 Schauplätze von Morden, Skandalen, Liebesdramen und anderen geschichtsträchtigen schwulen Ereignisse recherchiert. Auf dem #quer20-Blog stellt der Querverlag-Autor in loser Folge nun Letzte Orte vor und erzählt die bemerkenswerten Geschichten hinter den Grabstätten queerer Persönlichkeiten aus aller Welt.

Advertisements

Eine Antwort zu “Das geheime Doppelgrab (Letzte Orte III)

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Rassistische Straßennamen, falsche Opfer und ein heimliches Grab – kurz verlinkt·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s