Junge Hunde

von Dorit David //

Am Ende werden meine Romane meistens schwanger. Sie gebären eine neue Geschichte und wenn ich nicht aufpasse, breiten sich diese Abkömmlinge schneller aus als ich gucken kann. Sie sind wild wie junge Hunde und bellen zwischen den Zeilen, an denen ich gerade schreibe.
Behutsam nehme ich sie aus dem laufenden Projekt heraus.
„Wartet!“, sage ich. „Das ist nicht euer Buch.“
Je nachdem wie geduldig, hörig oder angepasst sie sind, harren sie tatsächlich aus. Meist in digitalen Ordnern oder Notizbüchern. Oft auf Papierfetzen.
Manchmal warten sie aber nicht.
Ein ganz besonders quirliger Abkömmling meines letzten Romans machte mir das ruhige Schreiben sehr schwer.
Er hatte eigentlich schon während der Arbeit an meinem zweiten Roman ständig mitgemischt. Ich sagte damals: „Platz!“ und er bekam ihn in Form eines winzigen Ballettstudios am Randgeschehen der Geschichte. Es half jedoch nicht viel. Auch im dritten Roman gab er keine Ruhe. „Tanzen tanzen!!“, bellte er ständig dazwischen.
Also – es ist so: wenn ich eine Geschichte schreibe, habe ich nie das Gefühl, sie mir ausdenken zu müssen. Ich sehe einen Film. Ich höre die Figuren sprechen, schaue zu, was sie tun, und schreibe es mit. Das muss manchmal sehr, sehr schnell gehen. Die Bilder dieses inneren Films sind nicht immer scharf. Es ist wie in einem Traum. Manche Begleiter sind anfangs nur eine vage Energie, von der ich aber genau weiß, dass sie zum Beispiel gerne kurze Hosen trägt, braune Augen hat oder hochgradig erregt wird durch Händchenhalten. Manchmal riecht sie nach alten Äpfeln. Der Rest schärft sich im Laufe des Niederschreibens.
Hin und wieder mache ich einer Romanfigur auch Angebote für Hobbys, Vorlieben oder sexuelle Ausrichtungen. Sie antwortet dann sehr klar mit einem Ja oder einem Nein.
Esra zum Beispiel, eine Frau mit Nähe- und Distanzproblemen, zeigte einen gut entwickelten Bewegungsdrang und brauchte ihr allabendliches Training, um Urlaub von sich selbst zu machen, wie sie behauptete.
„Tanzen?“, schlug ich ihr vor.
„Nehm ich“, sagte sie. „Aber nur am Rande. Es geht hier um ganz andere Dinge.“
Ich musste dringend etwas tun. Der Abkömmling hat sich nun endlich ausgebreitet und sich als sehr vermehrungsfreudiger Geselle herausgestellt. Das Ergebnis sind zwei weitere Romane, in denen es endlich um Tänzerinnen geht.
Den Aktionsradius einer Tänzerin nennt man übrigens kinästhetischen Raum – ganz platt gesprochen. Und weil ich selbst sehr neugierig bin und in die Materie, über die ich schreibe, eintauche, habe ich mich ebenfalls kinästhetisch fortgebildet. Während dieser Recherchearbeit musste ich leider feststellen, dass auch ich, wie meine Hauptfigur Esra, eine Bewegungs-Legasthenikerin bin und Grenzen habe. Auswendig tanzen geht gar nicht. Nur nachmachen. Schatten sein. Bringt aber einen Riesenspaß! Und im Gegensatz zu Esra kann ich dabei ohne Probleme in den Spiegel schauen. Hier ein Film darüber. Ein echter. Keiner aus meinem Kopf. Viel Freude beim Anschauen wünscht Euch Dorit David.

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Dorit David lebt seit 1992 in Hannover. Sie arbeitet u.a. als Schauspielerin, Pädagogin und Illustratorin. 1993 begann sie spontan auf der Bühne Geschichten zu erfinden und ab dem Jahrtausendwechsel auch am Schreibtisch. 2007 ging sie mit ihrem ersten Buch Herr Feng Shui weint an die Öffentlichkeit und brachte drei weitere Bilderbücher heraus. Ihr erster Roman Gefühl ohne Namen erschien 2012, gefolgt im Jahr 2014 von Tür an Tür (beide im Querverlag).

Links
Autorinnenseite des Querverlags

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