Asche zu Asche (Letzte Orte IV)

von Axel Schock //

Kenneth Halliwell war nicht nur der Lebensgefährte des Dramatikers Joe Orton, sondern auch sein Mörder. Trotzdem blieben sie auch nach ihrem Tod vereint: Ihre Asche wurde zusammen in Golders Green am Rande Londons beigesetzt.

Joe Ortons Karriere begann gerade richtig durchzustarten. Seit das erste abendfüllende Bühnenstück Seid nett zu Mr. Sloane am Londoner West End für Furore sorgte, ging es endlich aufwärts. Nicht nur die BBC, sondern auch die Beatles wollten nun mit dem jungen, wilden Genie zusammenarbeiten. Ein Chauffeur der Fab Four sollte Orton am Morgen des 9. August 1967 in seiner Dachwohnung im Londoner Stadtteil Islington abholen, um seinen Drehbuchentwurf für Up against It zu besprechen. Weil auf sein Klopfen niemand reagierte, lugte der Fahrer durch den Briefkastenschlitz an der Wohnungstür – und rief die Polizei.

Die Beamten erwartete ein grausiges Szenario. Orton lag blutüberströmt mit zertrümmertem Schädel in seinem Bett. Auch sein Lebensgefährte Kenneth Halliwell war tot; er lag nackt und in zusammengekauerter Körperhaltung auf dem Fußboden.

Der Schauspieler Kenneth Cranham, der mit dem Paar eng befreundet war, hat das kleine, beengte und düstere Apartment der beiden später als „extravagante Gruft“ bezeichnet: die Wände vom Boden bis zur Decke mit Reproduktionen aus Kunstbildbänden beklebt. Die Collagen waren nun mit Ortons Gehirn bespritzt.

Wie die Obduktion später ergab, hatte Halliwell seinen Lebensgefährten mit neun Hammerschlägen auf den Kopf getötet und sich dann mit Phenobarbital, das er in Grapefruitsaft aufgelöst hatte, das Leben genommen. Halliwell starb binnen einer Minute, sein Lebensgefährte hingegen muss langsam verblutet sein.

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Foto (c) Islington Gazette

Joe Orton und Kenneth Halliwell hatten sich 1951 während des Schauspielstudiums an der Royal Academy of Dramatic Art (RADA) kennengelernt. Orton, der unter seiner proletarischen Herkunft und mangelnden Bildung litt, fand in Halliwell nicht nur einen Geliebten, sondern auch einen wichtigen Mentor. Durch ihn erhielt er Zugang zur Literatur- und Kunstgeschichte und wurde zudem in seinen literarischen Ambitionen und in der Entwicklung seines eigenen, wilden Stils bestärkt. Doch während Orton sich durch die Unterstützung seines Partners zum Enfant Terrible der jungen britischen Literatur- und Theaterszene entwickelte, blieben Halliwells eigene Erfolge als Autor wie als Schauspieler sehr bescheiden. Halliwell fühlte sich zunehmend minderwertig, herabgesetzt, ungeliebt und ausgenützt. Orton machte jetzt sein eigenes Ding. Die Zeiten, da man gemeinsam aus den Stadtbüchereien „miserable Bücher“ klaute und mit Pornobildchen und schmutzigen Texten „aufhübschte“ und wieder in die Regale zurückschmuggelte, erschienen unendlich lange vorbei. Dabei war es gerade einmal vier Jahre her, dass sie für diese subversiven Aktionen ein halbes Jahr Gefängnisstrafe hatten absitzen müssen.

Halliwell hatte zeitlebens mit Depressionen zu kämpfen, ausgelöst wohl durch zwei traumatische Todesfälle. Im Alter von elf Jahren muss er hilflos mit ansehen, wie seine über alles geliebte Mutter an einem Wespenstich erstickt. Als 23-Jähriger findet er die Leiche seines Vaters: Er hatte seinen Kopf in einen Gasofen gesteckt und sich so das Leben genommen.

Nun drohte, dass er auch Orton verliert. Halliwell war als Mentor, Mitautor und Ratgeber nicht länger notwendig, und auch die erotische Anziehung war längst verflogen. Umso mehr quälte den notorisch eifersüchtigen Halliwell das promiske Treiben seines Lebensgefährten. Bis er es einfach nicht mehr ertrug.

Wenn ihr dieses Tagebuch lest, wird alles erklärt sein. KH.
P.S: Besondern den letzten Teil.“

Diese kargen Zeilen sind Kenneth Halliwells Abschiedsbrief. Der „letzte Teil“, auf den er anspielt, sind Ortons detaillierte Notizen zu seinen Erlebnissen mit anderen Männern, insbesondere zu seinen ausgedehnten Besuchen der nahgelegenen Klappe am Islington Green.

Halliwell schlug neunmal zu – aus Wut, aus Verzweiflung, vielleicht auch aus Hass.

orton_halliwell_cemeteryHalliwell und Orton waren zu Mörder und Opfer geworden und blieben doch ein Paar – auch über den Tod hinaus. Die Trauerfeiern fanden getrennt statt. Zu Ortons Einäscherung im Krematorium Golders Green im Londoner Stadtbezirk Borough of Barnet kamen nicht nur Familienmitglieder und Freunde, sondern auch das gesamte Ensemble seines Stücks Beute, das bereits Monate im Criterion Theatre lief. Zu Beginn der Abschiedszeremonie gab es Ortons Lieblingslied: A Day in the Life vom Beatles-Album Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band, später folgte noch Debussys Claire de lune. Harold Pinter hielt eine Rede, Donald Pleasence rezitierte ein eigenes Gedicht. Halliwells Trauerfeier fand hingegen in sehr kleinem Kreise statt. Und dort wurde dann auch auf Vorschlag von Ortons Agentin Peggy Ramsay beschlossen, die Asche der beiden Männer – möglichst ohne dass dies an die Öffentlichkeit gerät – zu vereinen und auf dem anonymen Bestattungsfeld des Krematoriums von Golders Green, dem „Garden of Rememberance“, beizusetzen. Die weitläufige, in sattem Grün leuchtende Rasenfläche ist wie ein Schachbrett in Planquadrate eingeteilt. Die gemeinsame Urne von Halliwell und Orton wurde im Feld 3-C begraben.

Die Klappe am Islington Green ist durch die Veröffentlichung von Ortons Tagebüchern bzw. durch Stephen Frears Filmbiografie Prick Up Your Ears (1987) gewissermaßen zu einer Kult(ur)stätte geworden, mittlerweile aber im Rahmen von Sanierungsmaßnahmen verschwunden. Das Wohnhaus von Orton und Halliwell in der 25 Noel Road im Norden Londons steht allerdings noch. Eine Plakette an der Fassade erinnert an den Dramatiker und Schriftsteller Joe Orton. Kenneth Halliwell wird hingegen nicht erwähnt.

Auch einige der von ihnen umgestalteten Leihbücher haben die Zeit überdauert. Sie gelten heute als Raritäten von kultur- und literaturgeschichtlicher Bedeutung und werden im Islington Museum aufbewahrt.

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Für sein Buch Schwule Orte hat Axel Schock 150 Schauplätze von Morden, Skandalen, Liebesdramen und anderen geschichtsträchtigen schwulen Ereignisse recherchiert. Auf dem #quer20-Blog stellt der Querverlag-Autor in loser Folge nun Letzte Orte vor und erzählt die bemerkenswerten Geschichten hinter den Grabstätten queerer Persönlichkeiten aus aller Welt.

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