Ich stricke nicht

Ein Messerückblick von Jim Baker //

Ich stricke nicht. Stehe ich auf der Leipziger Buchmesse plötzlich vor einem Verlag mit Schwerpunkt Handarbeit und Stricken, zucke ich kurz mit den Schultern und laufe einfach weiter – vorausgesetzt, ich nehme das Programm überhaupt wahr. Daher ist es für mich einfach unbegreiflich, warum manche Heterosexuelle vor einem lesbisch-schwulen Verlagsstand stehen und sich seltsamerweise dazu gezwungen fühlen, das Buchangebot kommentieren zu müssen.

querverlag verlagegegenrechts„Unnötig! Heutzutage ist so was total unnötig, was Ihr hier macht“, warf mir ein Mann mittleren Alters am Messesamstag unaufgefordert an den Kopf. „Ihr habt doch alles inzwischen erreicht. Was wollt Ihr noch?“ Als ich dann ansetze, ihm die auch heute noch aktuelle Bedeutung eines solchen Nischenverlags erklären zu wollen, beendete er das Gespräch mit dem Totschlagargument: „Ihr seid eben Teil des Problems!“ Ein Problem, dessen Existenz er mit seinem Eröffnungsstatement ja zunächst infrage gestellt hatte. Hmm …

Sonntag, kurz vor Messeschluss, blieb eine Rentnerin einige Minuten konsterniert vor unseren Neuerscheinungen stehen, scannte die neuen Titel – angefangen bei unserem Fotobuch „Butches – begehrt und bewundert“ in der oberen linken Ecke des Messestands über „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …“ bis hin zu „Heteros fragen, Homos antworten!“ ganz unten rechts – perplex ab, bis man mit einem Mal die berühmte Glühbirne über ihrem Kopf quasi aufleuchten sah. Dann wandte sie sich an mich mit den Worten: „Ich finde das nicht richtig, dass Sie mit Ihrem Verlag die Mehrheit der Menschen diskriminieren.“ Sprach’s und lief schnell weiter, ihren Rollkoffer voller Werbegeschenke und Verlagsprospekte hinter sich herziehend.

querverlag verlagegegenrechts lbm18

Am Freitag bereits war es eine Frau, ich schätze sie auf Mitte dreißig, die zunächst ein Lesezeichen in Regenbogenfarben in die Hand nahm, es umdrehte, die Aufschrift „#verlagegegenrechts“ erblickte und es schnell wieder hinlegte. „Als Wähler …“ (nota bene, nicht „Wählerin“) „… der AfD lehne ich so was ab.“ Ich sagte spontan, Homosexualität sei ja nicht ansteckend, hätte allerdings eher nachfragen müssen, was sie ja mit „so was“ eigentlich meinte. Regenbögen? Die Initiative #verlagegegenrechts? Lesezeichen an sich?

In solchen Situationen wünschte ich mir, ich wäre schlagfertiger, hätte sofort den passenden Spruch auf den Lippen, könnte mit einem gut platzierten, rhetorisch einwandfreien Satz mein Gegenüber schachmatt setzen.

Stricken sei ja meditativ, heißt es. Vielleicht sollte ich mir diese überaus nützliche Handfertigkeit doch zulegen? Dann könnte ich auf Messen zumindest die Zeit zwischen unaufgeforderten homophoben Redebeiträgen mit dem Stricken rosafarbener Pussy-Mützen überbrücken.

 

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