Der Flug des Phönix

Egbert Hörmann zum 5. Todestag von Mario Wirz //

Nimm diesen zärtlich geliebten, zum Skelett abgemagerten Körper, zermahle ihn zu grauem Knochenstaub, füge ein Viertel Adrenalin, versetzt mit einem Liter Chablis, hinzu, siebe und verfeinere, bis die Flüssigkeit so dünn ist, dass sie sich wie atomare Seide über ganz Rügen bettet. Dann besprühe man alles mit einer Flasche „Vol de Nuit“ von Guerlain und betrachte es durch einen Tränenschleier aus der Distanz von Lichtjahren und du siehst den Dichter Mario Wirz, der am 30. Mai 2013 im ungewissen Licht eines ungewissen Tages auf das Ende seines irdischen Abenteuers traf…

mario wirz © Jörg Landsberg

Mario Wirz © Jörg Landsberg

Der Beginn unserer Freundschaft stand unter einem etwas doch ziemlich ungünstigen Stern. Ich geriet 1993 in München in eine Lesung von Mario, nach der ich mich bei einem Umtrunk als Autor eines Totalverrisses von „Es ist spät ich kann nicht atmen“ outen musste. Ich hatte es als „Seelenmargarine“ bezeichnet, und damals mochte ich diese unbeholfenen, nachtschwarzen, nackten Aufzeichnungen eines Menschen in der Krise überhaupt nicht. Dieses Überflutetwerden von einem allzu großen Schmerz griff mich körperlich an und stieß mich ab. Erst später erkannte ich, dass es einer der mutigsten und unverstellt intimsten Erfahrungsberichte zum Thema HIV und Aids ist, aus einer Zeit stammend, als eine entsprechende Diagnose (bei Mario erfolgte sie 1985) noch den alsbaldigen Anruf beim Sargmacher nach sich zog. Dieses Buch war für Mario aber auch ein Befreiungsschlag, der seine Kreativität und Produktivität enorm beflügelte: „Schreiben ist für mich die vitalste und magischste Form, mich lebendig zu fühlen … die Freiheit, bei mir selbst anzukommen.“

Danach bewegte sich Mario mühelos zwischen Prosa und  Lyrik. Er wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, und berühmte Kolleginnen und Kollegen erwiesen ihm die Ehre. Susan Sontag nannte ihn „kühn, kraftvoll und mutig“, die „Süddeutsche Zeitung“ bewunderte ihn als „Virtuose des Kammerspiels“.

In der persönlichen Begegnung bezauberte Mario durch eine wissende (Selbst)Ironie, Theatralik, einen schwebenden, hintergründigen Witz, Güte, Großherzigkeit und eine aufgeklärte Naivität, die von Selbstsicherheit aus bestanden Kämpfen herrührten.

Faszinierend war es, im Lauf der Jahre seine vielen Gänge durch die Spiegel, seine Wandlungen und Verwandlungen zu verfolgen. 1999 betrat er mit den Erzählungen „Umarmungen am Ende der Nacht“ thematisches und stilistisches Neuland, blickte über das Autobiografische und Homosexuelle hinaus und erweiterte sich zum Universellen bei der Erforschung von Randzonen der menschlichen Erfahrung.

Die in den letzten Lebensjahren  entstandenen Texte (vor allem die von mir besonders geschätzte Lyrik) blieben mit gewachsener Virtuosität bei den Wirz´schen Themen: die flüssige Zeit, das Tragisch-Komische des Lebensschauspiels, Verlorenheit und Gefährdung, Bleibenwollen und Gehenmüssen. Die Lyrik war noch stärker auf das Wesentliche eingeschmolzen, Inhalt und Form stimmen hier wunderbar überein, und eine aquarellartige Leichtigkeit, Lakonie, Versöhnlichkeit und leise Weisheit bestimmen diese sinnlich starken Bilder und treffen diese „transzendenten Momente, die auf die Wunder verweisen“.

Eine meiner liebsten Erinnerungen, deren viele sind, ist ein Besuch bei ihm 1998 in Neukölln, das damals noch völlig unhip war und das Arschloch Berlins. „Der Spiegel“ sprach 1997 in einer großen Höllenstory von „Verwahrlosung, Gewalt und Hunger: Endstation Neukölln“. Und so verlief ich mich, zufällig gestärkt mit Lyrik von Dylan Thomas, aus dem fernen Charlottenburg angereist, an diesem sanft trübsinnigen Novemberabend auch prompt zu den ziehenden, klagenden Klängen von David Bowies „Neuköln“, fand mich aber dann doch unversehrt und ungeschändet in der Altenbrakerstraße wieder, wo Mario seit 1978 in einer Einzimmerwohnung im Hinterhaus residierte.

Also Mario war genial, was (Eigen)Inszenierung betraf. So betrat er seine „Wohnschachtel“ nicht wie ein Spitzweg-Ambiente, sondern wie das Atelier eines Dadaisten, und er gab ganz den Neo-Somnambulisten, von Statur, Gestik und Gesicht her ein Geschöpf, bevorzugt für einen  expressionistischen Stummfilmklassiker von Robert Wiene entworfen. Aber jetzt bereicherte dieses „Chaosnaturell“, dieser Don Quichotte mit den Wolken Baudelaires im Oberstübchen eben Neukölln, sein „Montmartre an der Spree“. Er servierte echten Champagner und einen wahren Tortentraum (eine ganze Schwarzwälder, nicht nur zwei Stücke!), und seine Güte umhüllte mich wohltuend in dieser ärmlichen Umgebung wie ein kostbarer Kaschmirshawl.

Die Stunden flogen dann so dahin. Danach zeigte Mario mir den Körnerpark, „mein Klein-Versailles“, aber auch die von aller Zeit völlig vergessene kleine Schwulenbar „Die Trommel“. Unser Abend musste in dieser Kiezkneipe enden. Geheimes Leben tauchte an der Oberfläche auf. Es wurde spät und Mario redete viel und enthusiasmiert und ich versank in einen Traum und ich dachte über Helden nach. Findet sie, wo sie schlafen. Wisst, wo sie daheim sind. Tief in einem anderen System. Tief im Herzen, und im Motor der verachtetsten Orte der Welt.

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Egbert Hörmann (Autor und Übersetzer) lebt in Berlin-Charlottenburg und Sankt Petersburg. Unbestechlich, aber käuflich. Derzeitiges Lebensmotto: Retten, was nicht zu retten ist – auf den Erfolg unserer hoffnungslosen Mission!

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Autorenseite des Querverlags

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