Regenbogenbunte Sichtbarkeit

Der obligatorische Messerückblick von Jim Baker //

IMG_8905„Erst jetzt packt Ihr die Regenbogenfahne raus?“
Diesen etwas erstaunten Satz hörte ich von einem der geduldig wartenden Kolleg_innen, während wir am Messedonnerstag kurz vor 17 Uhr anfingen, alles für den traditionellen lesbisch-schwulen Sektempfang vorzubereiten. Das heißt: Werbematerial wegräumen, Plastikbecher auspacken und aufreihen, Sekt- und Orangensaftflaschen zurechtrücken, Müllsack bereitstellen. Und eben eine Unterlage für das Mietpult hervorholen, damit das gute Leihmöbel nicht vom überschäumenden Sekt oder danebengegossenen Saft schmutzig wird.
Und in diesem Jahr benutzte ich eben besagte Regenbogenfahne. Was den erstaunten Kommentar des Kollegen wohl hervorrief. 

Es ist komisch, aber wenn ich Querverlag denke, denke ich den Regenbogen automatisch mit, musste in Frankfurt allerdings feststellen, dass wir tatsächlich am Stand nichts „Eindeutiges“ hatten, was uns mit einem Blick als LGBT identifiziert hätte. Vielleicht bin ich im Laufe der letzten 23 Jahre Querverlag einfach zu betriebsblind geworden, denn ich habe wirklich nicht daran gedacht.

Und dabei ist Sichtbarkeit nach wie vor von so eminenter Bedeutung, vor allem wenn man der einzige lesbisch-schwule Verlag auf der weltgrößten Buchmesse mit rund 7.500 Ausstellern ist. Da geht man buchstäblich in der Flut an Heterosexuellen unter. 

Wobei: Wer den Buchmarkt und die Verlagswelt kennt, weiß, es wimmelt ja nur so vor Homosexuellen in den Buchhandlungen und in den Verlagen, was wiederum das jährliche Treffen der Buchbranche umso spannender macht. Beim Sektempfang habe ich immerhin Kolleg_innen aus Kanada, USA, Spanien, England und der Schweiz begrüßt, Buchhändler_innen aus so exotischen Orten wie Wien und Kassel Sekt nachgeschenkt und kontaktfreudige Mitarbeiter_innen aus ganz unterschiedlich aufgestellten Verlagen lachen hören – von Random House bis Suhrkamp, von Büchergilde Gutenberg bis Männerschwarm.

Zum Glück haben sie alle den Weg zu uns gefunden – und das ganz ohne Regenbogenfahne.

Nächstes Jahr wird’s bunter – ich verspreche es. 

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Jim Baker ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Querverlags.

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