Der „Soul of Stonewall“-Award für den Querverlag

Am 27. Juli 2019 wurde dem Querverlag, namentlich Ilona Bubeck und Jim Baker, vom Berliner CSD e.V. der „Soul of Stonewall“-Award in der Kategorie „national“ verliehen. Darüber freuen wir uns sehr!
Die Laudatio hielt die Geschlechterforscherin und Querverlagsautorin Patsy L’Amour laLove. Ihre lobenden Worte veröffentlichen wir hier zusammen mit der Dankesrede Ilona Bubecks.

soul of stonewall award


Die Laudatio von Patsy L’Amour laLove

Der CSD e.V. hat mich darum gebeten, eine Laudatio für den Berliner Querverlag zu halten, der heute einen „Soul of Stonewall“-Award erhalten soll. Und dem gehe ich nicht nur gerne nach, sondern ich fühle mich geehrt, zwei echten Stonewall-Seelen, zwei VorkämpferInnen, diese Auszeichnung überreichen zu dürfen.
Diese beiden sind Jim Baker und Ilona Bubeck, sozusagen meine Publikationseltern, zwei Persönlichkeiten, für die man noch einige weitere Laudatien schreiben sollte.
Während andernorts Homosexuelle manchmal bis heute so tun, als stammten Lesben und Schwule von unterschiedlichen Planeten ab und als hätten sie sich außer gegenseitigen Vorwürfen nichts mitzuteilen, gründeten die Lesbenaktivistin Ilona Bubeck und der schwule Verleger Jim Baker 1995, vor 24 Jahren, ganz selbstverständlich den ersten und bis heute einzigen Lesben- UND Schwulenverlag Deutschlands: den Querverlag.
QUER standen sie damit nicht selten auch zu ihren Mitschwulen und Mitlesben. Fragen wurden gestellt wie: „Wie kannst Du nur mit einem schwulen Mann?“ Oder: „Was willst Du nur mit einer lesbischen Frau?“ Die Entgegnung war und ist die Praxis. Gerade die Selbstverständlichkeit, mit der sie lesbisch-schwule Literatur gemeinsam, als Jim und Ilona, unterstützen, stellt die beste Antwort auf solche albernen Fragen und Einwände dar.
Entsprechend selbstverständlich bietet der Querverlag auch Transthemen, Inter- und Bi-Literatur an und verdeutlicht, dass das mit QUER im Querverlag durchaus QUEER gemeint ist.
QUER zu Jim und Ilona selbst steht dabei mitunter nur die enorm zeitaufwendige, schweißtreibende Arbeit, mit der sie ihr lesbisch-schwules Vorzeigeprojekt am Leben erhalten, mit Leben füllen – und lesbisch-schwul beseelen: An dem Punkt entspricht es den beiden dann wiederum sehr gut, da sie voll Herzblut für den Querverlag, für gute queere Bücher leben.
QUER durch die Genres bieten sie mit ihrem Verlagsprogramm alles von Lesbenerotik, Krimis mit Transdetektivinnen bis hin zu schwulen Opernführern und selbstverständlich zählen hierzu auch die Sachbücher und politischen Streitschriften – darunter die sogenannte „Kreischreihe“ – mit welchen sich der Querverlag (und damit Jim und Ilona) nicht davor scheut, in kontrovers geführte, queere Debatten einzusteigen.
Um es kurz zu machen: Ilona und Jim sind VorreiterInnen des queeren Gedankens in der Praxis. Sie sind liebevolle VerlegerInnen, die bei Gegenwind nicht einknicken, die Liebe zur Lektüre nicht verlieren und für die Lust an der Literatur für Andersliebende und Andersdenkende einstehen – und das eigentlich seit viel mehr als 24 Jahren.
Ich bin froh, sie als FreundInnen, KollegInnen und als Schwestern zu wissen – und es ist einfach höchste Zeit, dass sie dafür auch ausgezeichnet werden.
Der Soul of Stonewall-Award für Ilona Bubeck und Jim Baker, Querverlag!


Die Dankesrede von Ilona Bubeck 

Danke an die CSD-Organisator_innen für diese Ehrung, die uns viel bedeutet, und damit meine ich nicht nur uns beide, Jim und mich, sondern die fast 300 Autorinnen und Autoren, die den Verlag ausmachen, ohne die wir nicht existieren würden und ohne die wir nichts bewegen könnten. Wir sind unendlich dankbar für das Vertrauen, das Schriftsteller_innen, Wissenschaftler_innen, Journalist_innen und Aktivist_innen uns entgegenbringen, indem wir mit ihnen wichtige Buchprojekte verwirklichen dürfen.
Wir beide gehören zu einer Generation des lesbisch-schwulen und linken Aufbruchs, d.h. unsere Unzufriedenheit mit den damaligen Verhältnissen führte dazu, dass wir uns Räume der Gegenkultur schafften, die nicht vorhanden, nicht wünschenswert oder sogar nicht erlaubt waren. Wenn wir Veränderung wollten, mussten wir es selbst verwirklichen und Neues schaffen.
Bücher haben unser Leben immer beeinflusst und Literatur gab uns die Kraft, so zu sein, wie wir sind und leben wollen: selbstbestimmt und unabhängig. Wir waren und sind seit 40 Jahren in den unterschiedlichsten lesbisch-feministischen oder schwulenbewegten Projekten engagiert und teilen die Leidenschaft am Lesen und Büchermachen. Darum war es naheliegend, dass wir vor knapp 25 Jahren unseren eigenen Verlag starteten, denn genau das hatte uns gefehlt. Von Anfang an wollten wir nicht mehr und nicht weniger als den Lesestoff und die Denkanstöße für die unterschiedlichsten LGBTs beisteuern, die vielfältigen Geschichten erzählen und politische Prozesse dokumentieren.
Bei der Gründung dachten wir, dass unsere Verlagsarbeit vielleicht eines Tages überflüssig sein würde, weil die Gesellschaft liberaler, freier und gerechter werden würde, mit weniger Hass und Gewalt.
Ich würde fast sagen, das Gegenteil ist der Fall. Auch wenn wir als Emanzipationsbewegungen einiges erreicht haben wie die Abschaffung des §175 und die „Ehe für alle“ und auch wenn neue Generationen erweiterte feministische Diskurse führen und dabei ein stärkeres Bewusstsein über Gewaltstrukturen entwickelt haben, erstarken seit Jahren politische Kräfte, die das Rad zurückdrehen wollen. Eine Partei, der mindestens 20% der Bevölkerung zustimmt in ihrem Hass gegen alles, was anders und fremd ist, in ihrer Homo- und Frauenfeindlichkeit, in ihrem Rassismus und Antisemitismus, dazu das Erstarken von religiösem Fundamentalismus und sogenannten Lebensschützern, das alles fordert uns heraus und spornt uns geradezu an, weiterzumachen.
Als Verlag müssen und wollen wir wachsam sein gegenüber demokratiefeindlichen Tendenzen. Nichts ist fataler, als dass Kritikfähigkeit verloren geht. Wir wollen Lust machen – natürlich zum Lesen, aber auch zum Denken und zum produktiven Streiten. Auch wir als queere Community sind nicht frei von Sehnsüchten nach Wahrheiten und Gewissheiten eines einfach erklärbaren Weltbildes. Auch in unserer Community können sich autoritäre Strukturen entwickeln, gerade weil wir glauben, immun dagegen zu sein, und weil wir glauben, genau dies zu bekämpfen.
Und um zum Anfang meiner Rede zurückzukehren: Schafft weiterhin Räume, Orte und Projekte der Begegnung und des politischen Diskurses. Stellt Euer Denken und Handeln immer wieder infrage. Bleibt politisch wachsam gegenüber autoritären Strukturen und tretet den Demokratiefeinden jeglicher Couleur entschlossen entgegen.
Die Party hier beim CSD ist nicht umsonst zu haben, denn es ist unser aller Aufgabe, dass alle – und wirklich alle – hier auf Augenhöhe und gleichberechtigt mitfeiern können. Ungleichheit und Unrecht hierzulande wie weltweit zu bekämpfen sind unsere Motivation, die uns jung und lebendig halten. Und da wir von dieser Utopie noch weit entfernt sind, haben wir gemeinsam noch viel zu tun. 


 

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