Der Beflocker hat Probleme

Der obligatorische Buchmesserückblick von Jim Baker //

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse begleitete mich fünf Tage lang ein ganz bestimmter Satz: „Der Beflocker hat Probleme.“
Hier im Querverlag bewegen wir uns normalerweise in dem überschaubaren Herstellungsbereich schwarz-weiß gedruckter Textbände mit einem einfachen 4c-Chromokarton-Umschlag. Alles ganz easy, alles halbwegs finanzierbar. So weit, so gut.

In dem aktuellen Herbstprogramm haben wir mit Casta Diva – Der schwule Opernführer jedoch ein Kuckucksei im Programm, herstellerisch gesehen zumindest, denn nicht nur ist der Inhalt mit seinen stolzen 704 zweispaltigen, großformatigen, reichbebilderten Seiten durchgängig im Vierfarbdruck gehalten, auch der gebundene Einband (sogar mit zwei Lesezeichen und einem schmucken Kapitalbändchen versehen, das nur so am Rande bemerkt) wird von einer gestanzten Samtoberfläche im „Hingucker“-Pink verziert. Das Auftragen eben jener Samtoberfläche heißt im Druckerdeutsch: Beflocken.

Und da fangen meine Probleme an. Denn das Beflocken bringt wohl ganz neue Herausforderungen bei der Fertigstellung mit sich. Beispielsweise das Bekleben der Überzüge auf die Pappe, das Falzen und Nuten, das Anbringen des Vorsatzpapieres, um nur einige wenige Arbeitsschritte zu nennen – nach einer Woche Buchmesse weiß ich, wovon ich rede.

Mit der Druckerei abgemacht waren 15 Ansichtsexemplare für den Messestand, damit wir den Prachttitel den interessierten Besucher_innen stolz zeigen konnten, denn der Opernführer soll zum 1. November ausgeliefert werden.

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Unser Messestand am Dienstagabend. Alles da – nur Casta Diva fehlt.

Als wir am ersten Messetag immer noch keine Bücher hatten, rief ich meine Sachbearbeiterin an, die gleich leidvoll seufzte: „Ach, Herr Baker, wird heute nichts, denn der Beflocker hat Probleme.“

Am Donnerstag kam dann immerhin ein entspannt wirkender Mitarbeiter der Druckerei zu uns, der es trotz des Gewichts von ca. 3 Kilo pro Buch geschafft hatte, uns immerhin sechs Exemplare zu liefern. „Ich hätte gern mehr gebracht, aber … der Beflocker hat Probleme.“

Am Freitag erschienen dann die Geschäftsführerin sowie meine beiden Sachbearbeiter_innen zu dem abgemachten, obligatorischen Messetermin, setzten sich hin, holten ein Exemplar des Opernführers raus, strichen dann liebevoll drüber und meinten: „Diese Samtüberfläche, die Sie da unbedingt haben wollten, schön, aber …“
„Ich weiß, ich weiß, der Beflocker, der hat Probleme.“
Erleichtertes Nicken der Kolleg_innen und einen nachgeschobenen „Aber wir sind noch guter Dinge, dass alles gut wird!“

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Das Präsentationsregal für Casta Diva an unserem Stand auf der Frankfurter Buchmesse.

Am Samstag hat mich dann die sehr sympathische, burschikose Produktionsleiterin besucht, um „den Rest“ zu besprechen. Im Klartext: Wann wir wie viele wohin geschickt bekommen, damit nun endlich der Titel an die vielen Crowdfunder_innen, Autor_innen, Fotograf_innen, die beiden Herausgeber und nicht zuletzt an den Buchhandel und die Presse ausgeliefert werden kann. Sie: „Wir geben unser Bestes, Herr Baker, das müssen Sie mir glauben, aber … der Beflocker, der Beflocker …“
„Ja, der hat Probleme, wie ich höre.“
„Genau.“

Als ich am Sonntag, dem letzten Messetag, unter den vielen interessierten Gästen einen verlegen wirkenden Mann, den ich spontan nicht zu unserer klassischen Zielgruppe rechnen würde, am Stand vor dem Opernführer stehen saß, sprach ich ihn mit meinem inzwischen zur Perfektion geübten Verkaufsspruch an: „Casta Diva – das Luxus-Projekt aus dem aktuellen Verlagsprogramm. Ein Nachschlagewerk für schwule Opernfans und alle, die es werden wollen! Das sind allerdings nur Vorabexemplare. Bei der Herstellung gibt es leider einige Schwierigkeiten, aber bald …“
Da räusperte sich der Mann, stellte das Buch zurück ins Regal und sagte: „Darf ich mich vorstellen, ich bin der Beflocker.
Ich setzte meinen fürsorglichsten Gesichtsausdruck auf und antwortete: „Baker, angenehm. Wie ich höre, haben Sie Probleme.“

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Jim Baker ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Querverlags.

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Nachtrag (23. Oktober, nachmittags): Vorhin rief die Produktionsleiterin an, um mir die freudige Nachricht mitzuteilen, dass übermorgen 250 Belegexemplare nach Berlin geliefert werden und nächste Woche dann zumindest eine Teilmenge an unsere Verlagsauslieferung. Im Nachhinein fällt mir auf, dass ich es bei meiner großen Erleichterung völlig vergessen habe zu fragen, wie es dem Beflocker so geht.

 

 

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