Flucht und Migration?

von Maria Braig //

Warum handeln deine Bücher immer von Flucht und Migration? – Falsche Frage, doch wie lautet die Antwort?

Immer wieder werde ich von Leser_innen gefragt, warum ich mich in meinen Romanen schwerpunktmäßig mit der Thematik Flucht und Migration beschäftige. Woher dieses Interesse am Thema kommt und ob ich selbst damit zu tun hätte?
Die einfachste und schnellste Antwort ist: Ich engagierte mich sehr viele Jahre ehrenamtlich mal mehr mal weniger intensiv in der Arbeit mit Geflüchteten, im Arbeitsalltag wurden Kolleg_innen zu Freund_innen, die ihre Geschichten mitbrachten, durch das Internet gibt es, wenn man sich darauf einlässt, weltweite Kontakte zu Menschen, die nach Wegen in ein neues und selbstbestimmtes Leben suchen, weil ihnen keine andere Wahl bleibt. All diese Geschichten haben Eingang in meine Romane gefunden, auch wenn ich sie meist nicht eins zu eins aus der Realität übertragen habe.
Und: Nein, ich habe selbst keine Fluchterfahrung, lediglich eine Migrationsgeschichte von Baden-Württemberg nach Niedersachsen. Aber das zählt vermutlich nicht. Gegenfrage: Fragt ihr Krimiautor*innen auch, ob sie schon mal jemanden umgebracht haben?
Diese Antwort ist kurz genug, um gehört zu werden, sie leuchtet ein, sie erklärt scheinbar, was mich umtreibt.
Lange gab ich mich damit zufrieden, bis mir irgendwann klar wurde, dass ich mich auf die falschen Fragen eingelassen hatte, ohne es wirklich zu bemerken, ohne weiter darüber nachzudenken. Meine Antwort entspricht der Wahrheit, das Engagement gab mir viele Einblicke in Leben und Schicksale von geflüchteten Menschen. Aber meine Antwort geht an der Sache vorbei, genau wie die Frage. Thema verfehlt – setzen!
Natürlich gibt es da immer wieder die Themen Migration, Flucht und geflüchtete Menschen in meinen Romanen. Wichtig dabei ist mir aber immer „unser“ Anteil. Unser Anteil sowohl an den Gründen, die die Menschen zur Flucht treiben, aber vor allem auch daran, wie sie im Zufluchtsland (also von „uns“) aufgenommen oder abgewiesen werden. Unter diesem Aspekt betrachtet geht es nicht um Flucht und Migration als solches, nicht um Schicksale von Geflüchteten, sondern es geht um uns alle, darum, wie wir Menschen behandeln, die als Gäste zu uns kommen, die bei uns ein neues Leben suchen, weil sie zu Hause nicht oder nicht so leben können, wie es ihnen entspricht.
Sieht man etwas genauer hin, ohne den Blick schon zu Beginn auf das Thema Flucht zu fokussieren, so ergibt sich ein ganz anderes Thema, das mich umtreibt und womit sich meine Bücher befassen. Im Grunde geht es um ein Leben in Selbstbestimmung für alle. Darum, welche Möglichkeiten uns gegeben oder genommen werden, welche Einschränkungen es gibt, wenn jemand nicht der Norm entspricht, wobei die Norm immer wieder und in jeder Form des Zusammenlebens neu definiert wird. Meine Protagonist_innen sind Geflüchtete, sind Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund, sind Lesben, Schwule und Transgender, es gibt einen Protagonisten mit Down-Syndrom, es sind Frauen, die sich ihre Gleichstellung / Gleichwertigkeit in verschiedenen gesellschaftliche Kontexten erkämpfen müssen.

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Vor allem um das Letzte geht es in meinem Roman nie weder zurück, der im September 2019 im Querverlag erschienen ist. Der Roman erzählt die Geschichte von Frauen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Lebenssituationen. Alle kämpfen für ein eigenständiges und unabhängiges Leben als Frau oder sie haben es sich bereits erkämpft. Da gibt es die sechzehnjährige Tochter marokkanischer Einwanderer, die zwangsverheiratet werden soll, die Mittzwanzigerin aus Saudi-Arabien, die plötzlich erkennt, dass sie auch ohne Ehemann gut zurecht kommt und die sich außerdem mit der ihr bisher unbekannten lesbischen Liebe in Person der aus Uganda geflüchteten Jane befassen muss. Da ist eine in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Deutschland groß gewordene Frau und Lesbe und die 80-jährige Afghanin, die in ihrer Jugend noch das freizügige Leben als Studentin in Kabul kennenlernte.
Trotz aller Verschiedenheit in Bezug auf Herkunft, Religion und Generationszugehörigkeit lassen sich bei all diesen Protagonistinnen viele Parallelen hinsichtlich frauenspezifischer Abhängigkeiten und Lebemssituationen entdecken. Was für alle immer gilt: Sie dürfen nicht nachlassen, das einmal Erreichte festzuhalten und zu verteidigen, um es nicht wieder zu verlieren.
Für mich erstaunlich ist die Reaktion vieler Leser_innen, die auch in diesem Roman in erster Linie das Thema Migration entdecken. Migration und Flucht sind auch hier wichtige Anteile – aber sie sind nicht das Thema.
Und so gibt es statt einer falschen Antwort auf eine falsche Frage eine Erkenntnis für mich: Es scheint im Auge der Lesenden zu liegen, was ein Buch hergibt, womit die Autor_in sich befasst. Das Thema wird nicht von mir als Autor_in vorgegeben, sondern ihr jeweiliges Thema entdecken die Leser_innen entsprechend ihren eigenen Bedürfnissen und Lebenserfahrungen selbst.
So wie ein Leser als ersten und einzigen Kommentar äußerte: „Als ich die Geschichte gelesen hatte, kam ich mir als Mann so überflüssig vor.“
Das gab mir dann allerdings zu denken.

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Maria Braig wurde 1957 in Isny im Allgäu geboren und verbrachte dort die ersten neunzehn Lebensjahre. Anschließend studierte sie Germanistik, Geschichte und empirische Kulturwissenschaft in München und Tübingen. Sie lebt und arbeitet heute als Autorin und LKW-Fahrerin in Osnabrück. nie wieder zurück ist ihr erster Roman im Querverlag.

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